Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Alexandra Lattek Headshot

Als Frau unterwegs in Indien - Erfahrungen einer Solotravellerin

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
INDIEN
Alexandra Lattek
Drucken

ÔÇ×Liebe Alex, Du bist ja schon wieder in Indien! Ich verfolge mit gro├čer Aufmerksamkeit Deine Reiseberichte und Deine Fotos auf Facebook. Ich m├Âchte Anfang n├Ąchsten Jahres f├╝r ein paar Wochen durch Indien reisen. Doch meine Familie und Freunde flippen schon alleine bei dem Gedanken aus. Das sei viel zu gef├Ąhrlich als Frau alleine, sagen sie. Dass Du schon so oft in Indien warst und Dir bisher nie etwas passiert ist, konnte sie auch nicht ├╝berzeugen. Kannst Du mir ein paar Tipps geben?"

Diese Zeilen erhielt ich vor einigen Tagen von Laura, einer Reisebekanntschaft aus San Diego. Laura ist genauso reiselustig wie ich. Wir teilen eine gro├če Leidenschaft f├╝r Asien und sind uns letzten Sommer zuf├Ąllig in Shanghai ├╝ber den Weg gelaufen.

Ich kann auf gewisse Weise nachvollziehen, dass ihr Umfeld beunruhigt ist bei dem Gedanken, dass Laura einen Monat alleine durch Indien reisen m├Âchte. Mein Freundeskreis fragt mich auch jedes Mal, ob ich denn keine Angst habe. Meine Eltern sind ebenfalls stets aufs Neue besorgt, auch wenn sie es nicht direkt zugeben und ich bisher immer wohlbehalten aus Indien zur├╝ckgekehrt bin.

Als ich Anfang September nach Mumbai geflogen bin, um f├╝r eine indische Reiseagentur vier Wochen als Bloggerin durch S├╝dindien zu reisen und danach noch auf eigene Faust durch Indien zu touren, konnte ich sp├╝ren, dass ihnen nicht ganz wohl bei dem Gedanken war, dass ich schon wieder mehrere Monate in Indien unterwegs sein w├╝rde.

Zu hartn├Ąckig haben sich die vielen negativen Schlagzeilen im Kopf festgesetzt. ├ťber die Vergewaltigung der indischen Studentin in Delhi. ├ťber die einer jungen deutschen Touristin in Goa. ├ťber die einer d├Ąnischen Reisenden in Pahar Ganj, dem Backpackerviertel in Delhi. Und ├╝ber die Gr├Ąueltaten und Ehrenmorde an jungen M├Ądchen und Frauen, insbesondere in l├Ąndlichen Regionen.

Auch ich war eine ganze Weile verunsichert, ob ich Indien erneut bereisen soll. Nach der Vergewaltigung der Studentin in Delhi schienen die Schreckensmeldungen in den Medien nicht abzurei├čen. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich bisher einfach nur Gl├╝ck hatte. Und ob ich mein Gl├╝ck herausfordere mit meinen Soloreisen durch Indien.

Durch ein Land, das eine gewisse Paradoxie, ja, gar eine Schizophrenie aufweist, was den Umgang mit Frauen angeht. Ein Land, in dem die eigene Mutter wie eine G├Âttin verehrt wird, in dem gleichzeitig aber noch immer weibliche F├Âten abgetrieben werden und junge Ehefrauen von der Schwiegerfamilie nicht selten wie Sklavinnen behandelt werden.

2015-11-18-1447851568-8221988-DSC_1776.jpg

Unangenehme Erfahrung in Mysore und Mumbai

Ich habe k├╝rzlich einmal nachgerechnet - ingesamt habe ich bislang fast ein dreiviertel Jahr in Indien verbracht. Auf den ganzen Reisen gab es bisher zum Gl├╝ck nur zwei Situationen, die nicht so sch├Ân waren und die auch anders h├Ątten ausgehen k├Ânnen. Als mich in Mysore ein ├Ąlterer, verwahrloster Mann auf offener Stra├če an die Brust fasste, war ich erschrocken. Angst hatte ich keine, es war mitten am Tag und ich war umringt von Menschen.

Und sofort griff ein m├Ąnnlicher Passant ein, der das Ganze beobachtet hatte. Mir schossen zwar Tr├Ąnen in die Augen, doch die waren mehr aus Wut. Der Grabscher stand augenscheinlich unter Alkoholeinfluss oder unter der Wirkung irgendwelcher Drogen. Eine wirkliche Gefahr schien nicht von ihm auszugehen. Als ich ihn anbr├╝llte, wusste er gar nicht, wie ihm geschah.

Mein Silvesterabend 2011 in Mumbai h├Ątte definitiv anders ausgehen k├Ânnen. Meine Freundin Stefanie hatte sich schon fr├╝her aus dem italienischen Restaurant in der N├Ąhe des bekannten Caf├ę Leopold in Colaba verabschiedet. Ich blieb noch ein wenig l├Ąnger mit der Amerikanerin, die wir tags zuvor kennengelernt hatten. Und musste dann alleine den Heimweg ins Hotel antreten.

Ich solle auf keinen Fall den Weg am Meer entlang nehmen, warnte mich der T├╝rsteher des Restaurants. Am Gateway of India habe sich ein Mob gebildet. In Mumbai in der Silvesternacht kurz nach Mitternacht ein Taxi zu bekommen ist genauso unm├Âglich wie in M├╝nchen, Berlin oder Frankfurt. Also blieb mir nichts anderes ├╝brig, als zu Fu├č den Colaba Causeway entlang zu laufen.

Ich stellte sehr schnell fest, dass ich die einzige Frau auf der Stra├če war. Und die einzige Person, die in diese eine Richtung wollte. Mir kamen Scharen von M├Ąnnern entgegen, gr├Âlende, feiernde, ausgelassene M├Ąnner. Die mich anfeixten. Auch aus den vorbeifahrenden Autos schnellten mir anz├╝gliche Blicke und Spr├╝che entgegen.

Ich versuchte, mit hoch erhobenem Kopf weiterzugehen. Und mir nicht anmerken zu lassen, dass mein Herz pochte. Als einer der M├Ąnner versuchte, mir an den Hintern zu greifen, wusste ich mir nicht anders zu helfen, als ihm ein ÔÇ×Stop. Go away." entgegen zu br├╝llen und um mich zu treten. Dies wirkte gl├╝cklicherweise. Er lie├č mich in Ruhe. Irgendwann konnte ich zum Gl├╝ck nach links abbiegen. Hoffentlich folgte mir niemand. Doch hier in den Seitenstra├čen war keine Menschenseele unterwegs. Erleichtert schritt ich die Treppen zum Hotel hoch.

Auch wenn diese Szene schon fast vier Jahre her ist, schie├čt sie mir immer noch dann und wann durch den Kopf. Ich h├Ątte es mir nie verzeihen k├Ânnen, wenn das Ganze anders ausgegangen w├Ąre. Denn das, was ich gemacht habe, war dumm und unvern├╝nftig. In der Silvesternacht alleine durch eine Gro├čstadt wie Mumbai zu spazieren sollte man einfach nicht machen.

Ich versuche auf meinen Reisen nach Indien immer, bei Einbruch der Dunkelheit in der N├Ąhe meiner Unterkunft zu sein. Oder mit einer Rikscha nach Hause zu fahren. Sp├Ątabends bin ich nie alleine unterwegs. Nicht, weil ich hinter jedem Busch einen Vergewaltiger vermute, sondern weil ich der Meinung bin, dass ein gewisses Quantum an Umsicht und Vorsicht dazu beitragen kann, erst gar nicht in eine missliche Lage zu kommen. So etwas wie in Mumbai w├╝rde ich nie wieder machen.

Gleichwohl habe ich aber durchaus einen Abend alleine in Hauz Khas Village, dem Prenzlauer Berg von Delhi, verbracht. In diesem In-Viertel sind so viele Expats unterwegs, auch blonde Frauen wie ich, die alleine mit ihrem Scooter herkommen, um sich mit Freunden zu treffen, so dass ich gar nicht weiter aufgefallen bin. Auch als ich zun├Ąchst keinen Rikschafahrer gefunden habe, der mich f├╝r einen akzeptablen Preis zu meinem Hotel bringen wollte, blieb ich ruhig. Ich wusste, dass ich schon irgendwie gut und sicher nach Hause kommen w├╝rde, was dann auch der Fall war. Ein wenig kann man schon seiner Intuition vertrauen.

In Indien wird es sehr fr├╝h dunkel. Um halb sieben ist es stockfinster und die Stra├čen leeren sich recht schnell. Vor allem au├čerhalb der Saison ist dann in den touristischen Gegenden nicht mehr viel los. Ich hatte keine Lust, bei meinem Besuch in Fort Cochi schon so fr├╝h in mein kleines Zimmer in dem Homestay in der N├Ąhe des Bishop's Palace zur├╝ckzukehren. Ich fragte meine Gastfamilie, ob es sicher sei, wenn ich gegen halb neun, neun nach dem Abendessen alleine nach Hause laufe. Ich solle mir keine Sorgen machen, Fort Cochi sei ein sicheres Pflaster.

Auch wenn ich auf meinem Nachhauseweg immer an den aufdringlichen Rikschafahrern vorbei musste, die mich schon vom Sehen kannten, f├╝hlte ich mich tats├Ąchlich sicher. Das Gleiche gilt f├╝r Pondicherry in Tamil Nadu, das ich Anfang Oktober alleine besuchte. Mein Heimweg vom franz├Âsischen Viertel, in dem ich meistens zu Abend a├č, f├╝hrte mich vorbei an dem gro├čen Tempel und dem Sri Aurobindo Ashram. Hier war auch zu sp├Ąterer Stunde immer noch einiges los. Ich begegnete einheimischen Frauen, zu Fu├č oder auf dem Fahrrad. Ein gutes Zeichen, wie ich fand. Die Rikscha habe ich hier selten genommen. Und bin immer unbehelligt in meinem Hotel ankommen.

Mit dem Nachtzug durch Indien - am besten in einer teureren Buchungsklasse

Auch Zugfahren in Indien verursacht mir inzwischen keinen Bauchschmerz mehr. Bei meiner ersten Nachtzugfahrt in Indien war ich zugegebenerma├čen etwas ├Ąngstlich und nerv├Âs. Zu viel hatte ich gelesen ├╝ber Diebe, die Nachts durch die Abteile stromern und versuchen, Gep├Ąck zu klauen. Und dann die bereits erw├Ąhnte Vergewaltigung einer deutschen Studentin.

Die war jedoch offenbar in der Sleeper Class unterwegs, der einfachsten und billigste Klasse, in die sich leider oftmals auch finstere Gestalten verirren. Wenn ich mit dem Zug fahre, buche ich immer ein Ticket in den Klassen AC-2-Tier oder AC-3-Tier. Hier reist man in einem Abteil mit vier beziehungsweise sechs Personen - meistens Familien oder Paare, in deren N├Ąhe ich mich immer gut aufgehoben f├╝hlte.

Als Julia und Charles, mit denen ich nach meinem Projektbesuch in Tirmasahun mit der Hilfsorganisation United for Hope eine Woche in Darjeeling verbringen wollte, kurzfristig absagen mussten, stand ich vor der Entscheidung, alleine die 13-st├╝ndige Nachtzugfahrt von Patna nach New Jaipalguri anzutreten, oder einen kostspieligen Flug zu buchen, bei dem ich noch eine Nacht in Kalkutta h├Ątte verbringen m├╝ssen. Julia versuchte mich zu ├╝berzeugen, zu fliegen.

Bihar gilt als nicht sehr sicher, es ist einer der ├Ąrmsten und r├╝ckst├Ąndigsten Bundesstaaten Indiens, in dem es nicht nur immer wieder zu ├ťbergriffen auf Touristinnen kommt wie Anfang des Jahres auf eine Japanerin in Bodhgaya, sondern auch immer wieder zu Zwischenf├Ąllen mit den Naxalisten, einer maoistischen Gruppierung, die zuweilen auch Z├╝ge ├╝berfallen.

Nach langem Hin und Her beschloss ich, trotz allem mit dem Zug zu fahren. Ich habe es nicht bereut. Als ich sp├Ątabends auf dem Bahnsteig wartete, war mir zun├Ąchst etwas mulmig zumute. Das hatte aber weniger mit den Dutzenden dunklen Augenpaaren zu tun, die mich ungl├Ąubig anstarrten, sondern mit der Tatsache, dass ich keine Ahnung hatte, an welchem Gleisabschnitt ich warten sollte. Indische Z├╝ge sind lang, sehr lang. Und wenn man nicht auf Anhieb das richtige Abteil findet, hat man ein Problem.

Zum Gl├╝ck fand ich einen englischsprechenden, jungen Mann, der in Delhi arbeitete und seine Familie in einem kleinen Dorf in Bihar besuchen wollte. Er half mir, mein Abteil zu finden, in dem bereits eine Familie schlummerte. Ich erinnere mich manchmal an die Blicke auf dem Bahnsteig. Nach Patna verirren sich selten Touristen. Ich vermute, viele der Menschen auf dem Bahnsteig haben vorher noch nie eine hellh├Ąutige, blonde Frau gesehen.

#YouWanderWePay: Zwei Blogger vier Wochen unterwegs in S├╝dindien

Die erste Etappe meiner aktuellen Indienreise habe ich in Gesellschaft verbracht. Zusammen mit Aminata, die den franz├Âsischen Blog von India Someday mit Reiseberichten best├╝ckt, w├Ąhrend ich den deutschen Blog f├╝lle, bin ich von Mumbai ├╝ber Aurangabad, Pune, Hampi und Mysore bis nach Pondicherry am Golf von Bengalen an der Ostk├╝ste des Landes gereist und von dort ├╝ber Thanjavur, Madurai und Munnar nach Kerala zur├╝ck an die Westk├╝ste.

Bis auf einige wenige Etappen mit einem Fahrer haben wir das Gros unserer Reise mit Bus, Zug und Rikschas zur├╝ckgelegt. Zug sind wir meistens Nachts gefahren, um Zeit zu sparen. Neben komfortablen Schlafbussen mit privater Koje sind wir auch das ein oder andere Mal mit lokalen Bussen gefahren, ein Abenteuer der ganze besonderen Art.

Ich gebe zu, als ich im September M├╝nchen ins Flugzeug gestiegen bin, war ich entspannter als sonst. Ich wusste, mich w├╝rde in Mumbai jemand vom Flughafen abholen. Kein Rumgetue mit irgendwelchen Taxifahrern, die den Weg zum Hotel nicht kennen und einem einen Aufenthalt im Guesthouse des Freundes eines Vetters dritten Grades aufschwatzen wollen. Und ich wusste, ich w├╝rde dieses Mal nicht alleine nach Zugabteilen suchen m├╝ssen. Oder mich alleine mit der Rikschamafia herumschlagen m├╝ssen, die sofort denkt, sie kann einen abzocken, wenn sie sehen, dass man eine ÔÇ×Wei├čnase" ist. Und ich w├╝rde auch mal das Nachtleben erkunden k├Ânnen, was ich als alleinreisende Frau nicht mache.

Auch wenn ich ge├╝bte ÔÇ×Solotravellerin" bin und ich ohne Angst und ohne mulmige Gef├╝hle alleine durch Indien reise, habe ich diese vier Wochen in Zweisamkeit entspannter erlebt, als wenn ich sie alleine verbracht h├Ątte. Es ist eben einfacher, wenn man zu zweit unterwegs ist, einer kann nach dem Gep├Ąck schauen, w├Ąhrend der andere nochmal zur Toilette geht oder nach dem richtigen Gleis fragt. Der Aufdringlichkeit so manchen Rikschafahrers oder Stra├čenh├Ąndlers waren wir dennoch nicht gefeit.

Doch das hatte eher etwas mit Gesch├Ąftst├╝chtigkeit zu tun denn mit sexueller Aufdringlichkeit. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten M├Ąnner sowieso Angst vor uns beiden hatten. Aminata stammt urspr├╝nglich aus Mali, hat ├╝ppige Dreadlocks und ist 1,85 gro├č, ich bin hell und blond und mit knapp ├╝ber 1,70 f├╝r indische Verh├Ąltnisse auch nicht gerade klein gewachsen - ein Duo, das auff├Ąllt. Egal ob w├Ąhrend unserer Nachtzug- oder Busfahrten, unseren Streifz├╝gen durch gro├če und kleine St├Ądte, sei es tags├╝ber, abends oder sp├Ątabends - wir haben uns keine Sekunde unsicher gef├╝hlt. Dieses Gef├╝hl trage ich gl├╝cklicherweise auch fort, nachdem sich unsere Wege getrennt haben und ich jetzt wieder als ÔÇ×Solotravellerin" unterwegs bin.

Video: Billig und luxuri├Âs: Neue Airline lockt mit Business-Fl├╝gen zu Sparpreisen

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Hier geht es zur├╝ck zur Startseite