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Zwischen Regulierung und Praxis: Was Unternehmen über die neue CSR-Berichtspflicht wissen müssen

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Investoren fordern heute verstärkt Nachhaltigkeits- bzw. CSR-Berichte von Unternehmen, die Bestandteil ihrer Entscheidungsgrundlage sind, weil sie eine Erweiterung der Risikoanalyse darstellen: So können aus ihnen Rückschlüsse gezogen werden, welche langfristigen Auswirkungen von Unternehmen auf die Gesellschaft ausgehen, heißt es in der aktuellen Die EY-Studie „Die CSR-Richtlinie: Im Spannungsfeld zwischen Regulierung und Praxis", die betroffenen Unternehmen Anhaltspunkte für die erfolgreiche Umsetzung bietet.

Für 70 Prozent der DAX-30-Unternehmen stellt das CSR- bzw. Nachhaltigkeitsreporting bereits heute eine gängige Praxis dar, so ein Ergebnis der Studie, die zudem auf Unterschiede zwischen den Formulierungen der ursprünglichen EU-Richtlinie und den Umsetzungen in deutsches Recht aufmerksam macht: In weiten Teilen stimmen diese überein, doch es gebe auch bedeutsame Unterschiede: Gerade Unternehmen, die auch im Ausland agieren und ihre konzernweite Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Befreiung ihrer innereuropäischen Tochtergesellschaften verwenden wollen, sollten sich überlegen, sich an EU-konformen Formulierungen und Rahmenwerken zu orientieren, um zu vermeiden, dass ihre Berichterstattung nicht den Anforderungen der Sitzländer genügt.

Das Gesetz zur CSR-Berichtspflicht, das rückwirkend zum 1. Januar 2017 in Kraft trat, wurde am 31. März 2017 auch vom Bundesrat beschlossen. Mit diesem Gesetz wird die CSR-Richtlinie der Europäischen Union endgültig in deutsches Recht umgesetzt. Danach sind vor allem Unternehmen mit 500 Mitarbeitern im Jahresdurchschnitt, einem Umsatz von über 40 Mio. Euro oder einer Bilanzsumme von über 20 Mrd. Euro verpflichtet, eine nichtfinanzielle Berichterstattung in ihren Lage- und Konzernlageberichten zu veröffentlichen.

Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften fallen unabhängig von der Börsennotierung in den Geltungsbereich. Nicht vorgegeben ist das Format der Berichterstattung: So ist eine Integration in den Geschäftsbericht ebenso denkbar wie eine separate Offenlegung (Internet). Orientierungshilfen zur Umsetzung bieten Rahmenwerke wie der UN-Global Compact, die Norm ISO 26000: Leitfaden für gesellschaftliche Verantwortung, die Global Reporting Initiative (GRI) oder der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK).

Befreit werden können Unternehmen von den Berichtspflichten, wenn sie beispielsweise keine Konzepte bezüglich ihrer Auswirkungen auf einzelne Aspekte verfolgen und stattdessen erläutern, warum dies der Fall ist („comply or explain"). Diese Regel betrifft jedoch nur Konzepte - wesentliche Risiken sind hingegen immer zu berichten. Unternehmen können sich auch befreien lassen, wenn es sich um Tochtergesellschaften von Konzernen handelt, die gemäß der EU-CSR-Richtlinie berichten (Konzernklausel).

Das „Umsetzungsgesetz" der CSR-Berichtspflicht ist im Bundesgesetzblatt vom 18. April 2017 erschienen und damit rechtskräftig. Die darin enthaltenen Vorschriften gelten ab dem Tag nach der Verkündung. Allerdings treten Artikel 2 und 4 (freiwillige inhaltliche Überprüfung der CSR-Berichterstattung und öffentliche Zugänglichmachung der Beurteilung des Prüfungsergebnisses) erst am 1. Januar 2019 in Kraft.

Die neuen Anforderungen schlagen sich erst in Berichten nieder, die 2018 publiziert werden. Dennoch ist es für Unternehmen wichtig, rechtzeitig zu wissen, wie Kenntnisse und Prozesse aufzubauen sind. Einige nutzen für ihre Nachhaltigkeitsberichte den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) als Standard, der auch als schlanke Lösung zur Erfüllung der Berichtspflicht gilt. Das Institut der Wirtschaftsprüfer hat allerdings festgestellt, dass dies nicht uneingeschränkt gilt, so dass die Autoren des DNK nachbessern müssen. Ein Aspekt betrifft hier den Wesentlichkeitsbegriff (als „wesentlich" gelten Informationen, die zum Verständnis der Geschäftstätigkeit des Unternehmens und seiner Auswirkungen beitragen).

Grund dafür ist, dass der DNK 2011 unter anderen Voraussetzungen entwickelt und zur freiwilligen Anwendung empfohlen wurde. Hier werden jetzt einzelne Punkte nachgeschärft, um berichtspflichtigen Unternehmen eindeutige Unterstützung zur rechtskonformen Anwendung des DNK zu geben. Die Checkliste, die DNK-Datenbank und ein Abschnitt zur rechtskonformen Anwendung des DNK wird derzeit durchgearbeitet.

Von der Berichtspflicht geht eine wichtige Signalwirkung aus, die auf große und kleine Unternehmen gleichermaßen abstrahlt, denn nicht nur Großunternehmen sind angehalten, über die Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu berichten. Durch das Gesetz werden auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) berührt, die sie den Wertschöpfungsketten der Großunternehmen oft vorgelagert sind (Beschaffungsketten) und deshalb die entsprechenden CSR-Anforderungen erfüllen und transparent belegen müssen.

Vor allem Automobilhersteller, aber auch Einrichtungshersteller fordern von ihren Zulieferern entsprechende Nachweise darüber, wo ihre Materialien herkommen und inwieweit bei der Produktion ihrer Bauteile, Verfahren oder Dienstleistungen entsprechende Anforderungen mit Blick auf die CSR-Relevanz eingehalten werden.

Trend bei den deutschen Unternehmen ist eine Orientierung an den internationalen CSR-Rahmenwerken: Fast 90 Prozent der DAX 30-Unternehmen und insgesamt 57 Unternehmen aller DAX-Indizes berichten mittlerweile nach den umfassenden G4-Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI). In 22 Ländern launcht sie derzeit ihre Standards und erklärt, welche wesentlichen Änderungen gegenüber den G4-Leitlinien damit einhergehen. Besonders wichtig ist hier, dass Impact nicht für die Auswirkungen (Relevanz) auf das Unternehmen steht, sondern für die Auswirkungen auf andere - den Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung. Dabei verweist GRI auf die Sustainable Development Goals (SDGs) und bereitet derzeit auch ein Matching-Dokument vor, das im Juli 2017 erscheinen soll. Es wird für alle Unterziele der 17 SDGs die passenden GRI Disclosures nennen.

Bevor Unternehmen mit dem CSR-Reporting beginnen, muss allerdings ein Wesentlichkeitsprozess gestartet und etabliert werden. Entscheidend dafür sind die richtigen Management- und Navigationssysteme, die nicht den Strukturen des vorigen Jahrhunderts entstammen dürfen, weil das Thema dann die Organisation aufgrund ihres veralteten Managementverständnisses und ihrer überholten Methoden überfordert. Das Regulieren, Steuern, Lenken und Gestalten mit Hilfe des Nachhaltigkeitsberichts wird hier niemals funktionieren.

Das Gelingen von CSR- und Nachhaltigkeitsprozessen hängt heute wesentlich davon ab, das „Gewebe" der Organisation und dessen Führung und Management grundlegend an die gesellschaftlichen Transformationsprozesse anzupassen. Sonst ist die CSR- Berichtspflicht nicht nachhaltig.

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