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"Zurück zu Luther" - auf der Suche nach einem Glauben für Erwachsene

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFORMATION MARTIN LUTHER
Fabrizio Bensch / Reuters
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Glauben für Erwachsene

Für alle, die heute auf der Suche nach einem Glauben für Erwachsene sind, gibt es nur einen Weg: „Zurück zu Luther!" Das ist die Kernaussage des gleichnamigen Buches von Norbert Bolz. Der Berliner Medienwissenschaftler widmet sich hier der größten Tat des Menschen, die für den Reformator darin bestand zu glauben - auch wenn dies mühsam ist und immer wieder geübt und gelernt werden muss. Glaubenstraining, lebenslang.

Bolz verweist auf die Unterscheidung bei Luther in der Vorlesung über den Hebräerbrief von 1517 zwischen dem Glauben von Gott und dem Glauben an Gott, der nicht in der Natur des Menschen liegt, sondern ein Geschenk Gottes ist. Von Natur aus seien wir schwach im Glauben und können nur beten, dass Gott uns hilft, ihn zu stärken. Deshalb bedarf es der täglichen Übung.

Luther lebte zwischen Mittelalter und Neuzeit. In dieser Zeit des Umbruchs lösten sich alte (Heils)Gewissheiten und Ordnungsstrukturen auf, die bislang von der katholischen Kirche geprägt waren.

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Diese Zeiten des Umbruchs beschreibt der Managementvordenker Fredmund Malik so: „In der Alten Welt geht vieles nicht mehr, weil sie ihrem Ende zugeht. In der Neuen Welt geht vieles noch nicht, weil es noch nicht richtig da oder noch nicht reif genug ist."

Deshalb ist es wichtig, Wege zu finden, auf denen es „dennoch" geht. Die höhere Form des Navigierens ist für ihn die Fähigkeit, sich im Unbekannten zurechtzufinden - auch dann, wenn Standorte ungewiss, Ziele beweglich und Wege vielfältig sind.

In seinen Managementbüchern ist nicht vom Glauben die Rede, sondern von der Fähigkeit, ganzheitlich zu sehen und zu denken, Verknüpfungen und Vernetzungen herzustellen und mit Hilfe der richtigen Methoden alles „auf die Reihe" zu bringen.

Es liegt an uns, den Glauben miteinzubeziehen und verschiedene interdisziplinäre Ansätze und Bücher miteinander in Beziehung zu setzen, um in Zeiten des Umbruchs richtig zu navigieren. Bolz und Malik kommen aus unterschiedlichen Richtungen, die aber beide zu Luther führen - und sogar nach Rom.

Erst hören, dann sehen - erst glauben, dann verstehen

Der Glaube hilft uns, unseren Platz bzw. Stand in der Welt zu finden - gemäß Paulus im 1. Korintherbrief 7,20: „Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde." Im griechischen Original steht an dieser Stelle das Wort κλ°siw (kläsis). Den „Ruf" Gottes deutet Bolz als Aufruf zu unserem „Beruf", was bedeutet, „dass man nichts Besonderes, Übergebührliches tun, sondern einfach nur durchhalten muss."

Im Managementkontext verbindet Malik Beruf mit den vier konstitutiven Elementen: Aufgaben, Werkzeuge, Grundsätze und Verantwortung. Richtig erlernt und „ständig geübt" (!) machen diese vier Elemente Menschen und Organisationen wirksam und erfolgreich.

Luther lässt das Wort handeln, weil „der Mund mächtiger ist als das Schwert". Für ihn gibt es nur eine Form der Hinwendung zu Gott: das Hören. Glauben heißt (Gottes Wort bzw. Stimme) hören. Es fordert von uns, „die Augen geschlossen und mit aller gebotenen Klugheit auf ein einfaches Hören auszugehen." Auch Luther „prüft seine Sätze mit dem Ohr", dem Organ der Offenbarung.

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Auch dazu finden sich etliche Belege im (Sport-)Managementkontext. Die Autoren Karin Helle und Claus-Peter Niem haben in ihrem Buch „One touch" interessante Denkbruchstücke, Erfahrungen und Berichte zum Thema zusammengetragen. Zitiert wird beispielsweise der Kommunikations- und Motivationstrainer Dale Carnegie, der schon vor fast 100 Jahren sagte, dass das Geheimnis, Menschen zu beeinflussen, weniger darin liegt, „ein guter Redner zu sein, als darin, ein guter Zuhörer zu sein."

Zuhören ist für die beiden Coaches der beste Weg, etwas zu lernen. Auch Bundestrainer Joachim Löw sei es in Eins-zu-Eins-Gesprächen immer wichtig, seinen Spielern in erster Linie zuzuhören.

Und schließlich noch ein Blick auf die Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte im Interview mit der WirtschaftsWoche im Juni 2017 ebenfalls, dass es ihr wichtig sei, Papst Franziskus „zuzuhören" - „gerade weil er manchmal unbequeme, auch harte Worte an uns richtet, die wir ernst nehmen sollten."

Wie unsere Werke gut und unsere Handlungen gerecht werden

In seinem Luther-Buch beschäftigt sich der Medientheoretiker Norbert Bolz auch mit dem guten Leben, um das es in der Antike ging. Dann folgte im Mittelalter das (Gott) wohlgefällige Leben. In der Neuzeit geht es nur noch ums Überleben, „um die Selbstbehauptung des Menschen gegen einen unverständlichen Willkürgott". Ziel aller menschlichen Bestrebungen sei also nicht mehr das gute Leben, sondern nur noch „die Erhaltung des Lebens selbst", so Bolz.

Das gute Leben machte die Bundeskanzlerin zu einem Regierungsprojekt, in dem es darum gehen sollte, Politik besser auf die Bürger auszurichten. Zu allen Punkten für ein gutes Leben gibt es auf der Website Gut leben in Deutschland https://www.gut-leben-in-deutschland.de/static/LB/index.html entsprechende Informationen.

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Bolz kritisierte in einem Interview mit dem Journalisten Wolfgang Herles, dass Merkel extrem emotionale Themen (wie die Sehnsucht des Menschen nach dem Guten und das kindliche Verlangen gut sein zu wollen) besetze, die politisch nicht zu Ende gedacht werden müssten, „weil sie sofort ein Massenproblem elektrisieren". Dies ist für den Medientheoretiker reiner Populismus.

Es lohnt sich auch vor diesem Hintergrund, mit Bolz „zurück zu Luther" zu kehren. In seinem gleichnamigen Buch erbringt er nämlich den Nachweis, dass sich der Ansatz von Aristoteles - dass uns gute Werke und gerechte Handlungen nicht gerecht machen - bei Luther umkehrt:

„Wenn wir gerechtfertigt sind, werden unsere Werke gut und unsere Handlungen gerecht." Nach der Umkehr (Metanoia) folgen die guten Taten. Darum muss am Anfang die Verzweiflung am eigenen Werk stehen. Wer gerecht ist, klagt sich selbst an. „Stattdessen neigen wir dazu, Gott oder die Gesellschaft anzuklagen, weil sie nach unseren Maßstäben ungerecht sind."

Quellen und Literatur:

Norbert Bolz: Zurück zu Luther. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016.

Fredmund Malik: Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten. Campus Verlag Frankfurt am Main 2015.

Karin Helle und Claus-Peter Niem: One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können. Mit Einwürfen von Jürgen Klinsmann, Joachim Löw & Co. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016.

Alexandra Hildebrandt: Tiefe des Glaubens: Warum wir ganz unten nicht verloren sind. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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