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Zur Bedeutung von Innovationen im Umfeld der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik

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Interview mit der Innovationforscherin Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl


Frau Prof. Weissenberger-Eibl, Sie leiten das Fraunhofer‐Institut für System‐ und Innovationsforschung ISI. Womit beschäftigen Sie sich?

Das Fraunhofer ISI ist wie die anderen Fraunhofer-Institute in der angewandten Forschung tätig. Die Arbeit des Instituts trägt zur Wertschöpfung von Unternehmen bei, da sich viele Ergebnisse in neue Produkte und Prozesse umsetzen lassen oder zur Verbesserung bestehender Produkte und Prozesse beitragen können. Wir untersuchen, wie Innovationen entstehen und welche Auswirkungen sie auf Gesellschaft und Wirtschaft haben. Allerdings sind wir nicht nur naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet, sondern ergänzen die Forschung der Fraunhofer-Gesellschaft um wirtschaftlich-technische, ökologische und gesellschaftliche Perspektiven. Wir betrachten Innovationen im Umfeld der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Was bedeutet das konkret?

Wir sehen uns unterschiedliche Aspekte und Auswirkungen eines Themas an. Ein Beispiel wäre die Mobilität: Hier beforschen wir die technologische Machbarkeit von Mobilitätslösungen, die ökonomischen Rahmenbedingungen für deren Umsetzung sowie die soziale Akzeptanz von Mobilitätsnutzern und leiten daraus Empfehlungen für die Politik ab.

Können Sie an einem Beispiel verdeutlichen, wie ein Forschungsprojekt bei Ihnen abläuft?

Wir haben unterschiedliche Auftraggeber wie die EU oder das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dabei gilt es im Wesentlichen, im Vorfeld eine intelligente und spannende Forschungsfrage zu stellen und daraufhin diese Frage zu beantworten und umfangreiche Studien zu liefern. Es wird ein passendes Konzept zu entwickeln, welche Schritte und Arbeitspakete eingeleitet werden müssen oder wie der Zeitplan aussieht, um tatsächlich zu einer Antwort und damit zu einer Innovation zu kommen. Wir geben Zwischenberichte ab und arbeiten über Workshops mit Auftraggebern aus den genannten Umfeldern zusammen. Gleichzeitig haben wir dadurch die Möglichkeit, unsere Methodenkompetenzen auszuweiten, neue Themen anzugehen und diese tiefer zu beleuchten. Darüber hinaus behalten wir neue Schlüsseltechnologien wie das autonome Fahren im Blick und sehen uns dabei immer wieder die jeweiligen Implikationen auf den Vorausschauprozess an.

Was passiert, wenn Ihre Projekte abgeschlossen sind?

Mit dem Gutachten am Ende ist die Arbeit für uns noch nicht beendet. Wir gehen einen Schritt weiter und fragen: "Sind die Ergebnisse in der Realität angekommen?" Wir begleiten die Umsetzung und evaluieren, inwieweit unser Vorgehen von den Prozessschritten her richtig war. Gleichzeitig ergeben sich aus dem Ergebnis immer wieder Verbesserungsvorschläge und Anregungen, die sich auf unsere weitere Arbeit auswirken.

Welche umweltrelevanten Themen beschäftigen Sie national und international am Fraunhofer ISI?

Auf europäischer Ebene arbeiten wir beispielsweise mit Partnern aus Belgien, Bulgarien, Finnland, Frankreich, Italien, Rumänien, Spanien und Tschechien unter der Leitung der Technischen Universität Wien zusammen. Es werden Gebäudeexperten aus der europäischen Forschungscommunity mit nationalen Entscheidungsträgern und den wichtigsten Interessengruppen in Workshops und regelmäßigen Treffen zusammengebracht, um gemeinsam fundierte Strategien und Transformationspfade zu erstellen. Dort können sie aus den Erfahrungen der Länder lernen, die bestimmte Maßnahmen bereits eingeführt haben.

Das betrifft nicht nur die Ergebnisse in der Energieeinsparung, sondern auch die politische Umsetzbarkeit und die Tragfähigkeit für betroffene Akteure. Die Forscher recherchierten und entwickelten eine Datenbank mit Gebäudedaten aus der Europäischen Union und Serbien, die graphisch aufbereitet und online verfügbar sind. Diese aktuellen Informationen liefern eine Grundlage für die Entwicklung politischer Instrumente, insbesondere zur Förderung von Niedrigstenergie-Gebäuden sowie Wärme und Kälte aus Erneuerbaren Energien. Die stabile Datengrundlage und der rege Austausch unterstützen die Marktdurchdringung von Niedrigstenergie-Gebäuden sowie Wärme- und Kältegewinnung aus Erneuerbaren Energien.

Wann spricht man von einer Innovation?

Am Anfang der Innovation steht die Idee. Doch eine gute Idee wird nicht automatisch zu einer Innovation. Erst wenn sie auf dem Markt Erfolg hat - egal ob als neues Produkt, als neue Technologie oder als neuer Prozess - spricht man von einer Innovation. Sie setzt sich am ehesten durch, wenn sie für den Menschen spür- und messbare Vorteile bringt, beispielsweise eine kostengünstigere Produktion, weniger Nebenwirkungen bei Medikamenten, die Nutzung nachwachsender Rohstoffe oder eine einfachere Nutzung von bestehenden Produkten. Ob diese Vorteile vorhanden sind, wird bereits in einem sehr frühen Stadium des Innovationsprozesses in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen abgeklärt.

Wie greifen Ideen- und Innovationsmanagement ineinander?

Ein gutes Ideenmanagement strukturiert die Generierung, Sammlung und Auswahl geeigneter Ideen für Verbesserungen und Neuerungen. Dem Ideenmanagement folgt dann das Innovationsmanagement, das eine Art Brückenschlag zwischen Kreativität und Innovation bildet. Ein ausgeprägtes Innovationsmanagement, das die unternehmensinterne sowie unternehmensexternen Perspektive betrachtet, ermöglicht einen dauerhaften Kreativitätsprozess im Unternehmen. Denn nur wer es kontinuierlich wagt, den Blick in die Zukunft zu werfen und dabei auf die kreativen Ressourcen seiner Mitarbeiter und des Umfelds zurückgreift, wird nachhaltig innovativ sein.

Wie sieht das in der praktischen Umsetzung aus?

Es werden ausreichend Möglichkeiten zum Informationsaustausch und zum Dialog oder unterstützende Strukturen gegeben, beispielsweise komplexe Aufgabenbereiche und ein „Vorleben der Innovationskultur" durch Vorgesetzte. Auch Social Networks wie Blogs, Wikis und andere Social Communities können inspirierend wirken.

Was bedeutet Innovationskultur?

Es gibt viele Facetten von Innovationskultur. Dazu gehört neben Kreativitäts- und Lernkultur etwa eine konstruktive Fehlerkultur, welche erkannte Schwächen und Mankos nicht ignoriert oder sogar vertuscht, sondern vielmehr zur Weiterentwicklung und Optimierung nutzt. Ein solches Lernen basiert auf dem offenen Umgang mit Fehlern, deren Analyse und dem strukturierten Ableiten von Verbesserungspotenzialen. Für mich persönlich ist eine Kultur der Neugier besonders wichtig. Denn nur das Interesse an unserer Umwelt und stetiges (Hinter-)Fragen können Innovationen hervorbringen. Dabei sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Bedeutung, wie etwa die Bereitschaft der Bürger, neue Technologien aufzunehmen - was ein gewisses Maß an Offenheit erfordert. Denn auch sie prägen die Entwicklung des Innovationssystems ihres Landes maßgeblich.

Welche Rolle hat dabei die Politik?

Sie kann die Innovationskultur nicht im Alleingang verändern, sondern nur Akzente setzen, indem sie Themen aufgreift und auf die Agenda der Forschungs-, Innovations- und Bildungspolitik setzt. Sie kann Rahmenbedingungen gestalten, Möglichkeitsräume eröffnen und neue Ansätze fördern, und sie kann gesellschaftliche Diskurse anstoßen und damit zum Vorreiter eines Paradigmenwechsels werden.

Sie sagen, dass wir mehr Innovationsprozesse parallel zulassen sollten, weil das Risiko dann stärker gestreut wird und die Chancen auf Erfolg gesteigert werden kann. Was braucht es dafür?

Mehr Beweglichkeit in der Innovationskultur. Benötigt werden Rahmenbedingungen und Prozesse, die die Mitwirkung Vieler ermöglichen, wir müssen unsere Innovationskompetenzen erweitern, und wir müssen Barrieren bei Bildung und Integration abbauen. Innovation braucht Offenheit, braucht widerstrebende Perspektiven, Ansichten und Denkweisen. Sie braucht den offenen Wettstreit der Ideen ohne vorschnelle Selektion. Und sie braucht Nachhaltigkeit: die Bereitschaft, die Folgen auch tragen zu wollen, wenn das Neue in der Welt ist.

Innovation hat immer sehr viel damit zu tun, etwas ganz anderes, Neues zu entwickeln und auszuprobieren, das vielleicht wegführt von tradierten Pfaden. Wichtig sind dabei vor allem die Neugier und der Mut, es tatsächlich auszuprobieren, auch wenn es kritische Reflexionen oder Meinungen dazu gibt. Man ist dabei immer ein Stück weit Avantgarde, also Vorreiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

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Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. In ihrer Arbeit beschäftigen sie sich mit möglichen Zukünften. Dabei werden Innovationspotenziale für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufgezeigt. Marion Weissenberger-Eibl hat ein Ingenieurstudium der Bekleidungstechnik in Sigmaringen absolviert und Betriebswirtschaftslehre in München studiert. Sie arbeitete als Ingenieurin und promovierte und habilitierte sich an der Technischen Universität München. Heute ist sie zudem Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sie berät Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Sie leitete unter anderem die Arbeitsgruppe Innovationskultur beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin 2011 bis 2012.

Weiterführende Informationen:

Innovation & Deutschland. Interview mit Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Persönlichen Gestaltungsraum ausbauen. Interview mit Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl. In: PERSONALquarterly 1 (2016), S. 6-9.

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