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Zukunft öffne dich! Warum wir die richtigen Fragen stellen müssen, um sie besser zu erschließen

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Vorausschau statt Nachsehen

Unsere Welt ist von radikalen Veränderungen und Unsicherheiten geprägt. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass sie künftig noch zunehmen. Auch wenn sich nicht genau planen lässt, wie sich die Dinge weiter entwickeln, so ist es dennoch sinnvoll, sich Gedanken über das zu machen, was auf uns zukommen könnte und Fragen zu stellen, die uns helfen, die Zukunft schon heute in Ausschnitten zu öffnen.

Es gibt viele verschiedene Bilder und Vorstellungen über mögliche „Zukünfte". Der Begriff beinhaltet zukünftige Sachverhalte oder Entwicklungen. Heute setzen wir uns verstärkt damit auseinander, weil wir wissen wollen, „was auf uns zukommt, und welche Herausforderungen wir lösen müssen". Nur dann können wir uns „bestmöglich auf sie vorbereiten", sagt die Innovationsforscherin Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, die das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe leitet.

Sie betont, dass das Antizipieren technologischer und gesellschaftlicher Trends sowie die Auseinandersetzung mit möglichen Folgen für Unternehmen wie für Entscheidungsträger oder die Gesellschaft als Ganzes von enormer Bedeutung sind.

Nur wenn wir uns in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft „bereits in der Gegenwart mit Fragen zum gesellschaftlichen und technologischen Wandel der Zukunft beschäftigen, können wir unser Handeln auf kommende Bedürfnisse und Herausforderungen einstellen und innovativ bleiben", ist die Wissenschaftlerin überzeugt.

Hier setzen die Foresight-Forschungsarbeiten des Fraunhofer ISI an. Foresight bedeutet Voraussicht oder Vorausschau. Es geht darum, Zukunftsbilder zu entwickeln sowie Chancen und Risiken bestimmter Entwicklungen bereits im Vorfeld zu betrachten, um rechtzeitig auf mögliche Entwicklungsläufe vorbereitet zu sein.

Gängige Prognosemodelle (Dynamic Stochastic General Equilibrium-Modelle) bauen auf Annahmen auf, die nicht zutreffen. Damit lassen sich die heutigen, von Unsicherheiten geprägten Phänomene allerdings nicht erklären. Im Gegensatz dazu ist Foresight ein systematischer Ansatz, der sich sämtlicher Methoden der Zukunftsforschung sowie auch anderer Methoden bedient.

Aktuelle Projekte und Prozesse im Überblick

2015 fand in Halle an der Saale erstmals das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Foresight Filmfestival statt. Unter dem Motto „Science-Vision" wurden dort Kurzfilme zu ausgewählten Zukunftsthemen gezeigt.

Das Fraunhofer ISI steuerte seine Kompetenzen rund um das Forschungsthema Foresight zum Festival bei, das unter Leitung von Prof. Ralf Wehrspohn von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in enger Kooperation mit der science2public - Gesellschaft für Wissenschaftskommunikation e.V. und dem Fraunhofer ISI durchgeführt wurde.

Im Rahmen des Projekts BOHEMIA (Beyond the Horizon: Foresight in support of the preparation of the European Union's Future Policy in Research and Innovation) fand im November 2016 bei der Europäischen Kommission in Brüssel ein Workshop zur Auswahl und Diskussion von Zukunftsthemen statt. Das Fraunhofer ISI führte diesen Workshop zusammen mit der Expertengruppe "Strategic Foresight for R&I Policy in Horizon2020" und dem internen Foresight-Netzwerk der Kommission durch. Die interdisziplinär angelegten Themen werden in einer internationalen Delphi-Studie bewertet, deren Ergebnisse als Input für das nächste Forschungsrahmenprogramm genutzt werden sollen (ISI-Newsletter 1/2017).

Im Februar 2017 fand der Workshop "Living Labs für den Individual- und öffentlichen Personenverkehr" an der Universität Siegen statt. Der Auftakt des vom Competence Center Foresight koordinierten Fachdialogs im Projekt INNOLAB hatte das Ziel, die beiden Perspektiven Living Labs/Reallabore und Nachhaltigkeit in einem Roadmapping-Prozess zusammenzuführen. Zwei weitere Workshops fanden im März in Köln beziehungsweise Duisburg statt.

Demonstriert wurde die Leistungskraft von LivingLabs in der Green Economy gezeigt: Im Projekt werden Assistenzsysteme für eine verbesserte Mensch-Technik-Interaktion in drei Handlungsfeldern (Mobilität, Wohnen und Einkaufen) mit dem LivingLab-Ansatz entwickelt. In drei LivingLabs entwickeln und testen Unternehmen und Forschungseinrichtungen neue Prototypen und Geschäftsmodelle unter besonderem Einbezug von Nutzer(inne)n.

Die Website richtet sich an LivingLab Betreiber und deren Nutzer. Neben dem Zugang zu Informationen zu Hintergrund, Aufbau, Partner und Neuigkeiten innerhalb des Projekts dient sie dem Ausbau des nationalen und internationalen Netzwerkes und Transfer sowie der Förderung des Austauschs innerhalb der LivingLab Community, der Nachhaltigkeitsforschung und der Zivilgesellschaft als Innovationstreiber. Zudem entwickeln die INNOLAB Projektpartner eine Roadmap zur Stärkung des LivingLab Ansatzes im Forschungs- und Innovationssystem.

An einer Landkarte für Deutschlands Weg in die Zukunft arbeitet die Initiative D2030, die dazu beitragen soll, vernetztes Denken in sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungsprozessen zu verankern. Im Mittelpunkt des Zukunftsdialogs steht der Entwurf von fundierten und robusten Szenarien. Sie sollen Antworten auf zentrale Zukunftsfragen geben:

• Wie wird sich Deutschland langfristig entwickeln?

• Welche Erwartungen, Hoffnungen und Ängste verbinden wir mit der Zukunft unseres Landes?

• Welche Herausforderungen sind damit verbunden?

• Wie können Risiken minimiert und Chancen optimal genutzt werden?

• Was macht Deutschland „zukunftsresilient"?

Mit philosophischen Fragen zur Zukunft befasst sich das Swiss Portal for Philosophy. Im Mittelpunkt stehen u. a. die Fragen: Was verstehen wir unter Zeit? Wie können wir, technologisch aufgerüstet und nachhaltig leben? Weshalb haben wir Zukunftsängste?

Eine aktuelle Studie der Contor GmbH, einem Institut für Standortanalyse, widmet sich der Zukunftsfähigkeit der deutschen Städte. Dazu wurden alle deutschen Städte mit mehr als 10.000 Einwohnern untersucht - 1554 Städte, in denen rund 60 Millionen Menschen leben. Die Zukunftsfähigkeit der Städte wurde anhand von 34 Kriterien analysiert. Dazu gehören Bildungs-Chancen, wirtschaftliche Struktur, demografische Faktoren, soziale Indikatoren und die Bedingungen für Unternehmen. Nur bei acht Städten aus der Metropolregion Nürnberg stellt die Studie Handlungsbedarf für die Zukunftsfähigkeit fest. Den restlichen 43 analysierten Städten attestiert die Studie, dass sie fit für die Zukunft sind.

Worauf es letztlich ankommt, ist nicht, Zukünfte präzise vorherzusagen, sondern so gut wie möglich auf sie vorbereitet und handlungsfähig zu sein. Sie sind das, was wir aus ihr machen:

„Okay, bauen wir sie! Hier und jetzt, jeder von uns. Nicht alles wird, aber vieles kann gelingen. Nur Verpisser und Jammerlappen haben damit ein Problem." (Frank Schätzing)

Weiterführende Informationen:

Lucian Hölscher: Die Entdeckung der Zukunft. Wallstein Verlag. Göttingen 2016.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt. Aus dem amerikanischen Englisch von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer. Hamburg 2014

Vorausschau statt Nachsehen. Ein Gespräch mit der Innovationsexpertin Marion Weissenberger-Eibl. In: Logistik entdecken. Magazin des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML Dortmund. Nr. 6 (2009), S. 7-10.

Lesenswert:

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