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Zufällig und greifbar: Warum wir auf das Spielen im Zeitalter der Algorithmen nicht verzichten können

22/11/2017 18:22 CET | Aktualisiert 22/11/2017 18:23 CET
Yommy8008 via Getty Images

Soziologisch betrachtet gehört das Spielen heute zum Bereich der Freizeit, als Komplement zur Arbeit oder Kompensation. Das Charakteristische ist vor allem die Veränderbarkeit der Situationen und die Verschiedenheit der Blickpunkte. Im Zeitalter der Digitalisierung und der Algorithmen wird auch der Zufall wieder geschätzt: Wer sich auf das Spielen einlässt, weiß, dass der Ausgang (wie im Komplexitätszeitalter) ungewiss ist, aber das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird.

Das wissen auch die Spielfreaks und Anhänger von Brett- und Gesellschaftsspielen, die sich vom 17. bis 19. November 2017 auf der SPIELWIESN München, der größten süddeutschen Spielemesse, trafen. Auf dem Kultevent wurden neue Spiele und Klassiker, Geschicklichkeits- oder Strategiespiele vorgestellt.

Brett- und Gesellschaftsspiele wie „Mensch ärgere dich nicht" werden zu allen Zeiten neu verpackt, ohne ihren Kern zu verlieren. Im Zeitalter von Spiele-Apps und Spielekonsolen erleben die klassischen Brettspiele gerade eine Renaissance - analog ist auch hier (nach dem Buchtitel von Andre Wilkens) „das neue Bio": würfeln, Karten auf- und zudecken, Figuren hin- und herschieben. Am besten laufen heute die Spiele, die von den Großeltern bis Enkeln gemeinsam gespielt werden können.

Vor allem Anbieter aus dem ökologischen Bereich sowie nachhaltige Konsumentenportale (z.B. memolife, Utopia, Ecowomen) setzen auf eine breite Auswahl an pädagogischem Spielzeug, das Geschicklichkeit, Reaktionsfähigkeit und Kreativität fördert. Viele Spielzeuge wie Fingerkreisel oder das Wikingerschachspiel „Kubb" sind aus FSC-zertifiziertem, naturbelassenem Buchenholz. Auch Gedächtnisspiele wie „Schattenmonster" oder „Versteckt! Entdeckt?" sind gefragt.

„Neben Huthüpfspielen, Steinbaukästen und Holzpuzzles sind auch Story Cubes sehr beliebt", bemerkt Claudia Silber, die beim ökologischen Versandhändler memo die Unternehmenskommunikation leitet: Neun Würfel mit Symbolen dienen als „Geschichtengenerator" für fantasievolle Erzählungen. Stets neue Kombinationen der 54 Bilder ergeben immer neue Storys. Das fördert die Improvisationsgabe, kreatives Denken, Fantasie und die Lust an Sprache. Neue Kombinationen ergeben immer neue Storys. Sie geben uns unsere Geschichte(n) zurück, ohne die wir unsere digitale und analoge Welt nicht wirklich begreifen und gestalten können. Wer darauf verzichtet, schwächt seine Möglichkeiten, einsichtig zu handeln, zu lernen und seine Intelligenz zu trainieren.

O. Fred Donaldson gilt als Spezialist zum Thema Spielen. Seine Ergebnisse zur Spielforschung mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und wilden Tieren (Wölfen, Kojoten, Grizzlybären, Delphinen) genießen weltweit Anerkennung. Am wichtigsten ist für ihn, dass Kinder im Spiel lernen, wie man lernt.

Im Kontext des „lebenslangen Lernens" gilt das aber ebenfalls für Erwachsene. Der Begriff gewinnt im Zusammenhang mit der Digitalisierung heute eine völlig andere Qualität. Lernen und die persönliche Weiterentwicklung von Mitarbeitern und Führungskräften gehören künftig zu einem festen Teil der Unternehmenskultur. Erste Ansätze „spielerischer Einsichten" finden sich im verstärkten Einsatz von LEGO-Bausteinen statt PowerPoint im Rahmen von Mitarbeiter- und Führungskräfteseminaren („Small Data").

Es genügt aber auch ein Blick auf Leonardo da Vinci, den Mann, der sich bereits Mitte des 15. Jahrhunderts mit vernetztem Denken und technischen Innovationen beschäftigte. Sein ganzes Leben über blieb er in manchen Stücken kindlich: „... man sagt, dass alle großen Männer etwas infantiles bewahren müssen. Er spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch dadurch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbegreiflich." (Sigmund Freud, 1910)

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Im Zeitalter der Algorithmen brauchen wir mehr Leonardos. Das Spiel ist ernst.

Weiterführende Informationen:

Gérard Denizeau. Das große Leonardo da Vinci-Buch. Aus dem Franz. von Heike Rosbach. Theiss Verlag, Darmstadt 2017.

Claudia Silber und Aklexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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