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Zettel: Ausrisse einer großen Geschichte

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„Twitter in analog"

Für die Hamburger Journalistin Frauke Lüpke-Narberhaus sind die oft im Alltag missachteten guten, alten Zettel an Litfaßsäulen, Laternenpfosten, Stromkästen, Bäumen, Hauswänden, schwarzen Brettern und Ampelmasten echte Schätze, denn sie erzählen, „wie Deutschland lebt, liebt, flucht, fühlt - sie sind Twitter in analog".

Ein Phänomen, das heute lebendiger ist denn je, was sich auch in der Beliebtheit von Zettelboxen zeigt, die auch komplett nachhaltig zu erhalten sind:

Die Zettel werden aus Recyclingpapier und die Zettelbox aus stabilem Recyclingkarton hergestellt und sind mit dem "Blauen Engel" ausgezeichnet (memo Zettelbox).

Auf Zetteln suchen Menschen nach dem verlorenen Schlüsselbund, nach verlorenen Tieren oder der großen Liebe (zum Abreißen).

In ihrem gerade erschienenen Buch „Herz verloren - Hund gefunden. Zettel und ihre Geschichten" (Piper Verlag) erzählt sie die Geschichten hinter Zetteln:

„Wer genau hinschaut und nachfragt, erfährt Geschichten über uns, unsere Nachbarn und die vielen fremden Menschen, denen wir täglich auf der Straße begegnen."

Verzettelte Geschichte(n)

Für ihr Buch hat Frauke Lüpke-Narberhaus über drei Jahre Dutzende Zettel gesammelt, die sie über das ganze Land verteilt gefunden hat:

Wer hat sie geschrieben und warum? Was sollen sie bewirken? Was sagen sie über unsere Werte, unseren Alltag und unsere Gesellschaft aus?

Sie beinhalten Alltagsweisheiten, Einfälle, Beobachtungen, Aufgeschnapptes, drücken Protest aus oder klare Anweisungen, Verzweiflung, Sehnsucht oder dienen einfach nur als Medium gegen das Vergessen - ein von allen geteiltes Gedächtnis.

Frauke Lüpke-Narberhaus ließ sich von Experten erklären, wie Zettel eine Stadt verändern, die über sie kommuniziert - und wofür es Papier braucht, wenn es doch das Internet gibt.

Sie beschloss, einen Blog darüber zu machen: "Zettelgold". Hier werden diese Fundstücke geborgen und danach gefragt, was die Aushänge bewirkt haben:

Hat sich die große Liebe gemeldet? Ist das vermisste Tier wieder aufgetaucht? Hat sich der Blumendieb entschuldigt?

Generell ist zu beobachten, dass Zettel heute ihren Weg immer mehr ins Internet finden: Wenn Menschen einen Zettel finden, fotografieren sie ihn und teilen ihn im Internet. Auch Hilferuf-Zettel werden hier erhört und finden eine enorme Verbreitung.

Das Medium Zettel gehört wie das Notizbuch zu den Dingen, die einfach nicht aus unserem Leben verschwinden, obwohl es immer mehr von der Digitalisierung geprägt ist.

„Zettel sind wie Ausrisse einer viel größeren Geschichte. Sehr oft erzählen diese Geschichten vom Suchen. Nicht immer auch vom Finden", schreibt der Journalist Thomas Hahn in der Süddeutschen Zeitung.

Er spricht damit etwas Wesentliches an: kleine, unscheinbare Dinge in etwas Größerem „aufgehen" zu lassen. Das, was Zettel beinhalten, will weiter gedacht werden. Kein Zettel sagt: „Ich bin unvollkommen". Es geht um die Dimensionen des Unzureichenden und das „Mach weiter".

Entsprechend ist auch das Buch von Frauke Lüpke-Narberhaus zu lesen: Es öffnet die Augen für das, was wir sonst vielleicht übersehen und überlesen würden.

Fundstücke im Internet

Auch im Internet spielt der Zettel eine wichtige Rolle. Ein paar ausgewählte aktuelle Fundstücke:

Ein Reddit-User machte während eines Besuchs bei seinem Cousin eine erstaunliche Entdeckung im Badezimmer (die er gleich abfotografierte):

Sein Cousin erhält von seiner Freundin die originellsten Liebesbekundungen per Post-it.

Winzige Klebezettel zieren auch die Glasfenster zweier Bürohäuser im Zentrum von Budapest. Auf ihnen zu sehen sind u.a. Fische mit Sprechblasen, Bierkrüge oder Meerjungfrauen, die ein „Mosaik" der Gesellschaft sind.

Die Macht der Zettel wurde auch im Oktober 2014 deutlich, als Studenten eine Woche die Straßen im Herzen von Hongkong besetzten. Bei der Protestaktion der Pro-Demokratie-Bewegung war jede freie Fläche mit bunten Post-its übersät, auf denen die Menschen „ihre Gedanken und Wünsche niedergeschrieben haben".

Im manager magazin stand vor kurzem ein vergilbter und unscheinbarer, 10,5 mal sieben Zentimeter großer Zettel im Mittelpunkt, der aus den 70er Jahren von einer Führungskraft bei Philips stammt.

Der Zettel beinhaltete lediglich ein paar einfache Regeln zum Mitarbeiterdialog (damals wurde noch nicht von Meetings gesprochen). Als er auf der Facebook und Twitter gezeigt wurde, gab es begeisterte Reaktionen:

„... vielleicht würde der unbekannte Autor des Zettels heute noch eine knappe Regel zum Thema Smartphones hinzufügen. Sonst aber ist mit den sechs Regeln eigentlich noch immer alles gesagt, was man für ein effektives Treffen braucht."

Gegen das Chaos der Welt

Der Wunsch nach Ordnung wird im Beitrag des manager magazins besonders deutlich. Der Begriff ist über die Architektur ins moderne Denken gekommen, wo es ursprünglich für ein Ganzes stand: Alle Teile passten zueinander, so dass keines ersetzt werden konnte, ohne die Harmonie zu zerstören.

Für die Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber, die beim Ökoversender memo AG die Unternehmenskommunikation leitet, fühlt sich Ordnung erleichternd, geerdet und bodenständig an. Das hat für sie auch mit Minimalismus zu tun:

„Dabei geht es dann auch wieder um das Thema Konzentration, die uns den Blick auf das Wesentliche richten lässt. Die Konzentration auf die wesentlichen Dinge (und Menschen) im Leben machen uns glücklich, und wir fühlen uns ‚sortiert', gut aufgehoben", sagt sie im Beitrag „Ruhepol finden: Gegen das Chaos der Welt - Ordnung als Prinzip der Nachhaltigkeit", der im Service-Portal „evidero - bewusst. besser. leben!" erschien.

Es möchte dazu beitragen, den Blick positiv und offen auf die Welt zu richten und ein täglicher Lebensbegleiter für interessierte Menschen sein, die die Fülle der eigenen Gestaltungs-Möglichkeiten nutzen wollen:

„Wir geben euch rund um die Uhr und überall abrufbar Werkzeuge an die Hand, um eigenverantwortlich und selbstbestimmt die wichtigsten Themen des Lebens anzugehen. So wird Glück machbar."

Zettel statt Trümmer

In Krisenzeiten haben Menschen häufig das Gefühl, im Chaos einer Welt zu versinken, die aus den Fugen geraten ist. Sie finden nur noch Stückwerk, aber kein Ganzes mehr.

Vom jüdischen Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin, der sich 1940 in Spanien das Leben nahm, stammt die Wendung "das Zerschlagene zusammenfügen".

Worauf es ankommt ist, das Zerschlagene zu seiner ursprünglichen Ganzheit wieder zusammenzufügen.

Im Frühjahr 1921 hat Benjamin eine aquarellierte Ölfarbzeichnung auf bräunlichem Papier von Paul Klee mit dem Titel "Angelus Novus" erworben.

Dieser Engel mit seinen ausgebreiteten Flügeln hat den Philosophen 20 Jahre lang (auch ins Exil) begleitet und sein Denken geprägt - bis hin zu einem seiner berühmtesten Texte, den er kurz vor seinem Tod verfasste: "Über den Begriff der Geschichte":

„Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst."

Heute schaut der Engel der Geschichte auf die Trümmer Europas - doch die Zettel, die ihn umgeben, sind zugleich kleine Botschaften der Hoffnung, die zeigen, dass noch nicht alles verloren ist.

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Fotocollage: Dr. Alexandra Hildebrandt

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