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Wer die Welt verstehen will, muss sie auch selbst gestalten!

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DRAWING DIGITAL
Maximkostenko via Getty Images
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Zeichnen, Schreiben und Dinge mit den Händen formen: Diese Talente und Fähigkeiten, die eine Könnensgesellschaft prägen, werden auch im Zeitalter der Digitalisierung gebraucht. Denn digitales Handwerk ist in der analogen Welt verankert.

Wenn heute zunehmend dafür plädiert wird, dass Kinder das Programmieren lernen, so sollte das Einfachste, das Zeichnen, nicht vergessen werden, denn gerade dies schult nicht nur ihren aufmerksamen Blick, sondern auch ihre Urteilsfähigkeit, die heute dringlich ist.

Bücher und kulturell Hervorgebrachtes sind zwar keine Überlebensmittel, aber sie können uns helfen, im Ungewissen geborgen zu sein. Denn es ist nicht klar, ob unsere Zeit der Schocks und Krisen nur eine "vorübergehende Erschütterung" oder der Beginn einer Entwicklung ist, "deren Ende sich noch nicht absehen lässt" (Mathieu von Rohr).

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Es macht durchaus Sinn, Bücher, die sich mit verschiedenen Zeiten und Themen beschäftigen, „zusammen" zu lesen. Dazu gehören Leonardos Maschinen von Mario Taddei, Domenico Laurenza und Edoardo Zanon sowie die Reprints des genialen Zeitungskolumnisten E. G. Lutz, der auf Cartoons spezialisiert war, Tiere zeichnete sowie optisches Spielzeug zum Ausschneiden für Kinder entwarf.

Das Nebeneinanderlesen unterstützt junge und ältere Leser darin, komplexe Sachverhalte „zusammen" zu denken. Es braucht Synthesen, Präzision, Geduld, Klarheit und Vertrauen. Und TUN, das in einer Könnensgesellschaft meisterlich wirksam werden kann.

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Ein Blick zurück kann dabei zuweilen gute Dienste leisten: Ein Mann, der sich bereits Mitte des 15. Jahrhunderts mit vernetztem Denken und technischen Innovationen beschäftigte, sorgt auch heute noch für Faszination bei allen Technikbegeisterten: Leonardo da Vinci.

Die Handzeichnungen des genialen Erfinders finden sich nun gesammelt in dem Buch „Leonardos Maschinen. In der Werkstatt des genialen Erfinders". Mario Taddei und Edoardo Zanon, Direktoren am Leonardo3-Museum in Mailand, haben die Ergebnisse von Leonardos technischen Zeichnungen in die anschauliche und visuelle Sprache der Computertechnik übersetzt und bieten auf historische und gleichzeitig moderne Art und Weise einen einzigartigen Einblick Leonardos Erfindungen.

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Leonardo war der Erste, der erkannte, dass zeichnerische Entwürfe von Maschinen das perfekte Werkzeug und Hilfsmittel für Forschung und Analyse sind. Diese mechanischen Entwürfe waren für ihn Teil eines geistigen Prozesses, den er durch die zeichnerische Darstellung vollenden konnte.

Er wollte immer wissen, was sich hinter den gezeichneten Formen eigentlich verbirgt: einerseits die theoretischen Überlegungen, mit denen ein mechanischer Entwurf überhaupt erst beginnt und andererseits die grafischen Mittel, die benötigt werden, um den Theorien eine Gestalt zu geben.

Seine Theorien fasste er nicht in Worten, sondern in Bildern zusammen, was dazu führte, dass Leonardos Maschinen nicht unbedingt in einem realen Raum stehen, sondern vielmehr im gezeichneten, virtuellen Raum des Bildes.

Mario Taddei und Edoardo Zanon hauchten Leonardos Maschinen neues Leben ein. Mithilfe der modernen Multimedia-Möglichkeiten gestalteten sie zu mehr als 50 Zeichnungen dreidimensionale Grafiken und verbanden sie mit der modernen Welt.

Anhand des bebilderten Verzeichnisses von Leonardos Entwürfen, sortiert nach Flugmaschinen, Kriegsgeräten, Hydraulischen Vorrichtungen, Arbeitsmaschinen, Bühnentechnik, Musikinstrumenten und sonstigen Erfindungen, zeigt sich die Vielfalt von Leonardos Ideen. Jeder Erfindung wird im Buch ein Kapitel gewidmet, das die Originalzeichnung sowie die computergrafische Darstellung zeigt. Zusätzlich finden sich jeweils ausführliche Beschreibungen der Maschinen und ihrer Funktionen.

Die Zeichnung hatte im Quattocento einen enormen Stellenwert. Ein berühmter Abschnitt in den „Lebensbeschreibungen" des italienischen Architekten, Hofmalers der Medici und Biographen italienischer Künstler, Giorgio Vasari (1511-1574), zitiert eine altgriechische Weisheit: „Ein fähiger Zeichner, der nur ein einziges Teil eines Ganzen beobachtet, kann sehr wohl Form und Dimension des Ganzen rekonstruieren..."

Nach Vasari ist dies Ausdruck und Nachweis für die geistige Fähigkeit jener, die dem Zeichnen nachgehen. Das hat viel mit uns Heutigen zu tun, denn was wir unbedingt benötigen, ist ein neues digitales Denken, das in der Lage ist, viele Facetten und Perspektiven zu sehen und das große Ganze (!) zu erfassen, aber auch ins Detail zu gehen. Wenn wir nicht in der Lage sind, wie dieser Meister auch im Kleinen ans Werk zu gehen, können wir auch die großen Aufgaben nicht verstehen und bewältigen.

Leonardo betonte, dass das Zeichnen zwar eine handwerkliche Tätigkeit, aber dennoch eine intellektuelle Handlung ist: „Aus dieser Kenntnis heraus erschafft der Verstand eine bestimmte Anschauung und ein Urteil (!) über einen Gegenstand und das, was danach mithilfe der Hände ausgedrückt wird, nennen wir Zeichnung." Leonardo verstand die technische Zeichnung als einen Wissenskomplex, der imstande ist, folgende Aspekte visuell umzusetzen:

• die äußere Optik von Maschinen und Vorrichtungen
• die mechanischen Prinzipien
• die analytische Bauweise ihrer Einzelteile.

Die Calliope Gemeinnützige GmbH möchte Schülern das Programmieren beibringen. Für Schüler gibt es drei einfache Eingabeprogramme, mit denen sie den Mini-Computer Calliope spielerisch programmieren können, sowie Onlinekurse und Arbeitsblätter, die zusammen mit einem Schulbuchverlag entworfen wurden.

Am Ende, so hofft Gesche Joost, Professorin an der Berliner Universität der Künste und Leiterin des Design Research Labs, werden sie nicht nur Apps benutzen können, sondern auch verstehen, wie sie aufgebaut und programmiert wurde. Doch digitales Handwerk setzt analoges Handwerk voraus.

Dass es sich ebenfalls lernen lässt, zeigt der wunderbare Reprint des Buches von E. G. Lutz „Wie wir zeichnen, was wir zeichnen" (Faksimile der ersten Ausgabe von 1913). Hier lernen Kinder und Erwachsene durch einfache Schritt-für-Schritt-Anleitungen Tiere, Menschen und Objekte zu zeichnen.

Markenzeichen von E. G. Lutz' historischer Zeichenschule ist die Vereinfachung komplexer Formen (auch das ist eine gegenwärtige Herausforderung: Komplexität zu vereinfachen, um sie zu verstehen und zu gestalten). Schwierige Figuren werden auf wenige Linien reduziert und nach und nach durch Details ergänzt.

Im Band „Zeichnen leicht gemacht" (Faksimile der ersten Ausgabe von 1921) finden sich weitere, bisher unveröffentlichte Zeichenanleitungen von E. G. Lutz. Außerdem finden sich hier kleine Bewegungsstudien, Hinweise zur Landschaftsmalerei und zeitlose Sätze wie diesen:

„Ein weicher Radiergummi, ein kleines Geofreieck, ein Lineal und ein Zirkel mit Bleistiftaufsatz sind auch hilfreich. Diese wenigen Utensilien sind die einfacheren Varianten der präzisen Zeichengeräte, die Erfinder, Ingenieure und Architekten bei der Planung der alltäglichen Dinge verwenden, die wir jeden Tag benutzen: Das Haus, in dem du lebst, das Fahrzeug, in dem du fährst, und die Maschinen, die die vielen Dinge produzieren, die du trägst und verwendest - sie alle wurden mit Hilfe von Zirkel, Lineal und anderen Zeichengeräten entwickelt."

Literatur:

Alexandra Hildebrandt: TUN! Warum wir Könner brauchen, um die Zukunft meisterlich zu gestalten. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

E. G. Lutz: Zeichnen leicht gemacht. Faksimile der ersten Ausgabe von 1921. Knesebeck Verlag 2017.

E. G. Lutz: Wie wir zeichnen, was wir zeichnen. Faksimile der ersten Ausgabe von 1913. Knesebeck Verlag 2015.

Mario Taddei, Domenico Laurenza und Edoardo Zanon: Leonardos Maschinen. In der Werkstatt des genialen Erfinders. Theiss Verlag - WBG, Darmstadt 2017.

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