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Wolltreffer der Geschichte! Darum boomt Stricken in Krisenzeiten

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KNITTING
Betsie Van der Meer via Getty Images
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Nicht aufribbeln

Jean-Claude Juncker, der europäische Ratspräsident, hat kürzlich das politische Gebilde EU mit einem "alten Pullover" verglichen, der droht sich aufzuribbeln, wenn man ihm einen Faden zieht. Wenn die Briten im Juni abstimmen, ob sie Teil der EU bleiben wollen, dann, so seine Befürchtung, „könnte das eben dieser erste Faden sein".

Dass das Stricken heute allerorten boomt, sagt viel über unsere Zeit und unsere Gesellschaft aus. Es scheint, als würde der äußeren Unruhe „handgreiflich" eine innere Ordnung entgegengesetzt, die uns hilft, des Chaos Herr zu werden.

Millionen Menschen bieten heute ihre selbstgestrickten oder designten Produkte auf Online-Plattformen an, auch die Nachhaltigkeitscommunity kommt an den „Maschen zum Glück" nicht vorbei. 2015 veröffentlichte die Schauspielerin Wolke Hegenbarth, die seit ihrer Kindheit eine Leidenschaft für Wolle entwickelte, das Buch „Wolke Hegenbarth strickt".

Aber auch unter den Intellektuellen finden sich buchstäblich zahlreiche Verstrickungen, die immer mit Krisenzeiten verwoben sind.

Von besonderem Interesse sind heute Tagebücher, Briefe und Notizen, die vor dem Ersten Weltkrieg beginnen. Einige wurden in der Huffington Post vielfach kommentiert und reflektiert, beispielsweise Stefan Zweigs Aufzeichnungen. Bekanntlich blieb vom „goldenen Zeitalter der Sicherheit", das er beschrieb, nichts übrig. Die Welt geriet immer wieder aus den Fugen.

Darüber berichtet auch Volker Weidermann in seinem Buch "Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft": 2014 macht Stefan Zweig zum ersten Mal Urlaub im belgischen Strandbad in Ostende - kurz vor dem Weltenbrand, der sich 1936 zu wiederholen scheint.

Auch diesmal ist Zweig hier - in einer Gemeinschaft von Flüchtlingen. Immer wieder setzt er sich zwischen die Dichter ins Café Flore:

„Hermann Kesten frotzelt da mit Joseph Roth über den Schriftstellerbetrieb, Ernst Toller schimpft über Thomas Mann, Liqueur de Verveine fließt und Tollers Frau Christiane strickt (!) wie eine Besessene."

Das Stricken hilft ihr, Krisenzeiten besser zu überstehen, weil es scheinbar im Kleinen dem Lebensfaden eine Richtung gibt. Auch gute Literatur gehört zu allen Zeiten für viele Menschen dazu, weil sie daraus geistige Reserven für die Zukunft schöpfen können.

Stricken zum Überleben

Die im Wallstein Verlag erschienenen Tagebücher von Hedwig Pringsheim, der Mutter von Katia Mann und Schwiegermutter von Thomas Mann, gehören ebenfalls in diesen Kontext.

Herausgegeben wurde die Buchreihe von Cristina Herbst, die sich seit 1999 ausschließlich mit der Edition der Tagebücher von Hedwig Pringsheim befasst.

Anstoß zu ihrem Interesse für die Tagebücher von Hedwig Pringsheim gab Heinrich Breloer, als er bei Recherchen für seine Fernseh-Dokumentation „Die Manns" auf das Konvolut der Tagebücher stieß und sie bat, für ihn darin nach bestimmten Informationen zu suchen.

Band 5 umfasst die Jahre 1911 bis 1916: Die Aufzeichnungen kreisen um die schwer erkrankte Tochter Katia Mann, die monatelang von zu Hause abwesend ist. Hedwig Pringsheim bangt um ihre Genesung und betreut in dieser Zeit den Mannschen Haushalt mit.

Von der allgemeinen Euphorie bei Ausbruch des ersten Weltkrieges ist im Tagebuch kaum etwas zu finden. Im Mittelpunkt steht die Sorge um ihre Familie: „um den im Feld stehenden Heinz, um den in Australien internierten Peter, um Klaus, dessen Verdienstmöglichkeiten als Dirigent sich minimieren und der mit seiner Familie ebenfalls ihre Hilfe braucht."

Mit Beginn des Krieges beginnt Hedwig Pringsheim wieder mit dem Stricken - und das, obwohl sie jede Art von Handarbeit hasst. Es muss sie wohl viel Überwindung gekostet haben, sich nun dem „allgemeinen Trend" anzuschließen. Denn überall wird nun gestrickt.

Wenn sie in Berlin beim „Mim" (ihrer Mutter Hedwig Dohm) ist, finden sogar täglich „Strickkränzchen" statt. Am 11.2.1915 hat Hedwig ihr „erstes Paar Strümpfe fertig gestrickt", am 25.3.1915 erhält sie ein „Briefchen von Else mit Strickvorschriften".

Silvester 1915 notiert sie ihre Verzweiflung über die dunklen Zeiten:

„Denn der Krieg scheint auf einem toten Punkt angelangt, die andern kommen nicht vorwärts, aber wir auch kaum, und man fragt sich trost- und hoffnungslos, wie und wann dieser schreckliche Krieg überhaupt je enden soll, wenn keiner nachgibt, jeder auf seinem Standpunkt beharrt, jeder Recht hat und der maß- und sinnlose Haß der Völker sich immer mehr steigert. Ein schlimmes, furchtbares Ja(h)r, das wir verlassen, ein schwarzverhängtes, in das wir eintreten."

Neben der trostlosen Politik ist die zunehmende Wirtschaftsnot ein ständiges Thema in ihren Tagebüchern. Um in diesen Zeiten zu überleben, braucht sie das Stricken genauso wie gute Lektüre, Turnen und Normalität im Alltag.

Der Rest ist Geschichte.

Literaturempfehlung:

Hedwig Pringsheim: Tagebücher. Band 5, 1911-1916. Hg. und kommentiert von Cristina Herbst. Wallstein Verlag, Göttingen 2016.

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