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Wladimir Klitschko über Nachhaltigkeit: Was im Leben bleibt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WLADIMIR KLITSCHKO
Reuters Staff / Reuters
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Spitzenleistungen durch Weitblick und Nachhaltigkeit

Seit dem 29. April 2017 steht für Wladimir Klitschko fest, dass Erfolg nicht unbedingt das Erreichen eines vorher festgelegten Ziels ist, sondern vielmehr das Erreichen des bestmöglichen Ergebnisses. Seinen Kampf gegen seinen Herausforderer Anthony Joshua verlor er im Londoner Wembley Stadion durch technischen K.o. in der elften Runde. Einige Wochen später verkündete er seinen Abschied aus dem Profiboxsport.

Der ehemalige Boxweltmeister im Schwergewicht gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Sportlern der Gegenwart. 2013 erschien im Herausgeberband „Gesichter der Nachhaltigkeit" ein Beitrag von ihm, der auch eine wichtige inhaltliche Verankerung in seinem aktuellen Buch „Challenge Management" ist. Denn hier erläutert der studierte Philosoph und promovierte Sportwissenschaftler, der Dozent an der Universität St. Gallen und erfolgreicher Unternehmer ist, was ihn über einen so langen Zeitraum an der Spitze hielt: Weitblick und Nachhaltigkeit.

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Copyright: Marc Schäfer

Nachhaltigkeit bedeutet für Wladimir Klitschko...

• langfristig zu denken und auf die Umwelt zu achten
• physische Fitness und mentale Stärke auf den Grundpfeilern Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Konzentration in Einklang zu bringen
• Eintagsfliegen zu meiden, weil sie viel zu schnell in Vergessenheit geraten
• keine Zeit zu verschwenden, sondern sich auf Sinnvolles und Wichtiges zu konzentrieren anstatt sich mit Nebensächlichkeiten zu beschäftigen
• seine Zeit und Energie in langfristige Projekte zu stecken
• dass Wichtiges im Leben Qualität braucht
• sich nicht nur zu vermarkten, sondern sich zu positionieren und Relevanz zu stiften
• Wissen über das praktische Tun hinaus zu nutzen
• Spuren zu hinterlassen sowie Wissen und Erfahrungen weiterzugeben
• der Gesellschaft etwas zurückgeben, damit diese wachsen kann.

Noch heute hat er Kontakt zu seinem Doktorvater und Mentor, Professor Viktor Volkov, einem Sportwissenschaftler. Auch das gehört für ihn zur Nachhaltigkeit: „An der Seite von Menschen zu bleiben, die mich unterstützt und begleitet haben."

Wladimir Klitschko, Jahrgang 1976, wuchs mit seinem Bruder Vitali als Sohn eines Soldaten und einer Lehrerin in der ehemaligen Sowjetunion auf. Setzte er sich als Kind etwas in den Kopf, wendete er sich an seine Mutter, die ihn stets gefördert und gefordert hat, die ihm Aufgaben und Herausforderungen über das gewöhnliche Maß hinaus gab, damit er sich (weiter)entwickeln konnte. Ethisch korrektes Handeln, Bodenständigkeit, Disziplin, Fairness, Durchhaltevermögen, Pflichtbewusstsein, Ehrlichkeit, Toleranz und Respekt waren Werte, die ihnen ihre Eltern mitgegeben haben. Die Brüder wurden so erzogen, dass nachhaltiges Denken ihr Handeln bestimmte.

Vor allem die Mutter sorgte dafür, dass sie nachhaltige Bildung (die Einheit von Lernen, Wissen und Können) als hohes Gut und wichtiges Rüstzeug für ihr Leben verstanden, denn sie setzt entschlossenes Denken und Handeln voraus, zeigt das Warum, um das Wie zu erleichtern.

Richtig entscheiden: Die Bedeutung des Bauchgefühls

„Intuitiv" entschied sich Wladimir als Jugendlicher, ans Sportinternat zu gehen. Wenn er in seinem Buch von Intuition spricht, hat das eine tiefere Bedeutung, denn das Fundament von Intuition (lat. intuitio, etwas unmittelbar ansehen) ist gesammeltes Erfahrungswissen, das zur Erkenntnis der Dinge führt, ohne dass man sich dessen bewusst wird. Intuition ist das Gefühl, das Richtige zu tun. Neuere Studien bestätigen, dass sie allerdings nur in den Bereichen treffsicher ist, in denen wir über viel Erfahrung verfügen.

Wladimirs Erfahrungen sind ihm zum wichtigsten Wegweiser geworden - sie zeigen ihm, welche Entscheidung er möglicherweise noch einmal hinterfragen muss, um seinen Pfad aus Überzeugung gehen zu können - damit er nachhaltig (!) hinter seinen Entscheidungen stehen kann.

Angst war für ihn immer ein besserer Motivator als Freude, denn sie gab ihm den Kick, wenn er spürte, dass es der richtige Schritt ist, den er gehen will: „Ich stelle mich der Herausforderung, nehme sie an und meistere sie. Unbedingt."

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Immer wieder spricht er in diesem Zusammenhang auch von seiner „inneren Stimme": „Freude dich, dass du dich qualifiziert hast. Mal schauen, ob überhaupt irgendeine Medaille drin ist."

Als Bauchgefühl stellt sie eine Orientierung dar und unterstützt uns darin, den Instinkt dafür nicht zu verlieren, was richtig ist. Auch Steve Jobs setzte nicht auf systematische Analyse, sondern auf das Bauchgefühl, das ihn nie im stichgelassen hat.

Seinen undefinierten Erfahrungsschatz hat Klitschko immer Bauchgefühl genannt: „Ich hörte auf meinen Bauch und verließ mich auf meine Erfahrungen und mein Wissen, das ich über die Jahre gesammelt hatte. Auf meine Expertise."

Bauchentscheidungen sind auch ein Forschungsgegenstand des Psychologen Gerd Gigerenzer, der bestätigt, dass gerade bei komplexen Sachverhalten unsere Bauchentscheidungen deutlich besser als rationale Entscheidungen sind. Sie lassen sich trainieren, indem damit begonnen wird, mehr auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu achten.

Statt nur auf den nächsten Schritt in seiner Karriere zu setzen, reizte es Wladimir, sich hohe Ziele zu stecken, die er immer klar und knapp benannt hat („je konkreter, desto besser") und sich dabei auf das eigene Können fokussierte: „Volle Konzentration auf weniges also - und das konsequent fortführen."

Mit 15 Jahren gewann er in Donezk in der Ukraine sein erstes Turnier. Seinen größten Erfolg als Amateur feierte er bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, als er die Goldmedaille im Superschwergewicht erhielt. Den ersten Weltmeistertitel im Schwergewicht gewann er im Oktober 2000 nach Version der WBO. 2006 besiegte er den US-Amerikaner Chris Byrd im Kampf um die Titel der Verbände IBF und IBO. Boxgeschichte schrieb er im Februar 2008 mit einem Sieg gegen WBO-Weltmeister Sultan Ibragimov. Durch ihre Siege gegen WBA-Champion David Haye vereinten die Klitschko-Brüder im Juli 2011 erstmals in der Geschichte alle relevanten Schwergewichtstitel in einer Familie. Wladimir Klitschko war WBA-, IBF-, WBO- und IBO-Champion.

Bereits als aktiver Sportler hat er sich andere berufliche Standbeine aufgebaut - beispielsweise als Unternehmer, Dozent oder als Stifter. Abseits des Sports engagiert er sich als Botschafter der Laureus Sport for Good Foundation und unterstützt die Initiative „Ein Herz für Kinder". Für ihr Engagement wurden die Brüder Klitschko von der UNESCO als „Heroes for Children" und »Champions des Sports« ausgezeichnet, 2011 folgte die Ehrung als „Sportler mit Herz".

Vor einigen Jahren gründeten sie die „KLITSCHKO Foundation" - eine Stiftung, mit der sie der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten. Ihr Ziel ist es, Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien in der Ukraine zu unterstützen. Durch Sport- und Bildungsprojekte werden sie darin bestärkt, sich in ihrem Leben durchzusetzen unter dem Motto „Fight for your dream!"

Träume spielen auch in seinem Buch eine wichtige Rolle. Allerdings wird kein Traum real „ohne den Blick für Details und ihre Bedeutung für das große Ganze", schreibt Bill McDermott, SAP SE CEO und Executive Board Member, in seinem bewegenden Vorwort. Obwohl er bei einem Unfall sein linkes Auge verlor, hat er seinen Optimismus nie verloren. Auch das verbindet ihn mit Wladimir Klitschko, der sich „vor langer Zeit erst un-, dann sehr bewusst dazu entschieden hat, nicht zur Sorte der Nörgler zu gehören." Dafür sei ihm seine Zeit zu schade.

Um seine Erfahrungen und Kenntnisse zu teilen, begründete er 2016 den Weiterbildungsstudiengang „CAS Change&Innovation Management" an der Universität St. Gallen. Nun erschienen seine Prinzipien des Challenge Managements als Buch. Sieben Themen (Ergo sum) bestimmen sein Handeln, seine Lebensanschauung und seine Art, Entscheidungen zu treffen.

Bei Ergo sum denkt man unweigerlich an den französischen Philosophen und Mathematiker René Descartes, der allerdings auch den Zweifel brauchte, um rückschließen zu können, dass er denkt und existiert. Mit seinem Satz „Cogito ergo sum" wurde er zu einem der bedeutendsten Wegbereiter der Aufklärungsphilosophie: "Ich zweifle, also bin ich, oder was dasselbe ist, ich denke, also bin ich."

Zu Beginn hat Wladimir Klitschko seine Prinzipien „aus dem Bauch heraus" (!) wie einen Filter angewendet.

E - Expertise
R - Rightness
G - Globalism
O - Optimism
S - Sustainability
U - Uncomplexity
M - Maximum

„Ergo sum" - also bin ich. „Für mich ist klar, wer ich bin", sagt Klitschko. Seine Grundsätze können die Leser auf ihr eigenes Leben übertragen. Sie unterstützen sie dabei zu erkennen, dass allein auf das Denken nicht immer Verlass ist und Kopf und Bauch zusammengehören.

Weiterführende Informationen:

Wladimir Klitschko (mit Stefanie Bilen): Challenge Management. Was Sie als Manager vom Spitzensportler lernen können. Mit einem Nachwort von Arnold Schwarzenegger. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2017.

Hauke Schwiezer und Alexandra Hildebrandt: Gesichter der Nachhaltigkeit. abcverlag, Heidelberg 2013

Neben Dr. Wladimir Klitschko sind auch Tatjana Kiel, Geschäftsführerin der KLITSCHKO Ventures GmbH und Dr. Miriam Goos, Geschäftsführerin Stressfighter Experts und Ärztin als Gesichter der Nachhaltigkeit aufgenommen worden. Von beiden sind ebenfalls Beiträge im Klitschko-Buch enthalten.

Alexandra Hildebrandt: Kopf oder Bauch? Wie wir heute die richtigen Entscheidungen treffen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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