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Wissensdurst erwünscht! Warum Erkenntnisgewinn ohne Neugier nicht zu haben ist

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CURIOSITY
Cultura RM Exclusive/Stephen Lux via Getty Images
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„Was wäre der Mensch ohne die Neugier seines Geistes?" (Marie Curie)

Ohne neugierige Fragen gibt es keine Philosophie, ohne Erkenntnisdrang und Forschung keine Technik, ohne Versuch und Irrtum keine Wissenschaft, und ohne Interesse am anderen gibt es keine persönliche Anteilnahme. „Jede Frage bedeutet eine neue Suche, Neugier und Verwunderung sind Antriebskräfte, die uns nicht nur ausbrennen, sondern vielmehr beflügeln können", schreibt die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Ina Schmidt in ihrem Buch „Das Ziel ist im Weg".

Zur Neugier, die in Zedlers Universal-Lexikon von 1740 als „eine Art der Wollust" beschrieben wird, haben wir allerdings ein gespaltenes Verhältnis: Als Blick ins Schlüsselloch ist sie verpönt, als Wissensdurst jedoch erwünscht.

Neugier nahm Adam und Eva die paradiesische Unschuld. Die Schlange hatte ihnen die Angst, vom Baum der Erkenntnis zu essen, ausgeredet und ihnen versprochen, dass sie wie Gott werden würden, sobald sie davon essen würden. Im christlichen Bereich galt Neugier deshalb als lasterhaft. Auch der mittelalterliche Theologe und Philosoph Thomas von Ἀquin verurteilte die Neugier und ordnete sie der „acedia" der geistigen Trägheit und Gleichgültigkeit zu, die das christliche Streben nach Vollkommenheit behindert.

Ein anderes Verhältnis zur Neugier hatten dagegen die nichtchristlichen Denker, die darin auch Erkenntnissuche und Forschungsdrang sahen. Der Beginn von etwas Neuem basiert oft auf wissenschaftlicher Neugier: So wurde die Quantenphysik ab 1900 aus reinem Erkenntnisstreben heraus entwickelt. Jahrzehnte später sahen Physiker, dass quantenphysikalische Effekte auch neue elektronische Komponenten aus Halbleitern ermöglichen: Halbleiter-Transistoren und Mikrochips (die Hardware für moderne Computer).

„Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen." (Max Planck)

Grundlagenforschung und Anwendung sind deshalb kein Gegensatz, sondern gehören zusammen, wie auch die Arbeit des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe zeigt. Geleitet wird es von Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, die neugierig auf alles ist, was sie noch nicht weiß, noch nicht entdeckt hat, und wie sich das, was sie bereits entdeckt hat, weiter entwickeln lässt. Sie interessiert beispielsweise dafür, wie Menschen mit Innovationen umgehen, warum sie sie manchmal aufgreifen, dann jedoch in anderen Situationen wiederum als Hemmnisse begreifen, und wie Innovationen Lebensmuster im Alltag oder in der Arbeitswelt verändern.

Auf der wissenschaftlichen Seite war es ihr akademischer Lehrer, der ihr die Freiheit gab, ihre Neugier auszuleben. So konnte sie sich wissenschaftlichen Themen widmen, die zuvor noch nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit standen und sich auf diese Weise „dem Neuen öffnen".

Für die Innovationsforscherin ist eine Kultur der Neugier besonders wichtig, denn nur das Interesse an unserer Umwelt und stetiges (Hinter-)Fragen können Innovationen hervorbringen. Dabei sind auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Bedeutung - zum Beispiel die Bereitschaft der Bürger, neue Technologien aufzunehmen, was ein gewisses Maß an Offenheit erfordert. Ein inspirierendes und offenes Umfeld fördert das Hervorbringen von Innovationen:

„Auf diese Weise entstehen aus der erfolgreichen Umsetzung von Ideen und neuen technischen Lösungen neue Prozesse, neue Dienstleistungen oder neue Organisationsformen. Umgekehrt tragen Innovationen erheblich zu wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wohlstand bei."

Während private Unternehmen sehr detailliert für ihren Bereich forschen, sind öffentliche Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer ISI breiter aufgestellt. Hier wird zum Teil auch an Grundlagen geforscht oder anwendungsorientierte Forschung durchgeführt, deren Ergebnisse von mehreren Unternehmen genutzt werden können.

Wirkliche Innovationen und Durchbrüche bauen auf dem Fundament einer starken Grundlagenforschung auf. Wie dies mit Neugier verbunden ist, illustriert folgendes Beispiel, das die Innovationsforscherin im Jahre 2009 im Bayerischen Rundfunk vorstellte: Im Forschungsprojekt DEUS 21 („dezentrale urbane Infrastruktursysteme") wurde versucht, den Rohstoff Wasser vom Wasserhahn bis hin zur Kanalisation zu überdenken. In diesem Bereich wurden unterschiedliche Innovationen wie spezielle keramische Filter und neuartige Membrantechnologien getestet, mit deren Unterstützung aus gesammeltem Regenwasser Wasser gemacht werden konnte, das die Qualität von Trinkwasser hat. Dieses kann in die Leitungen der Häuser für die Warmwasseraufbereitung eingespeist werden.

Auch für den Abwasserbereich stellte sie im BR-Interview neuartige technologische Felder wie die Vakuumkanalisation vor, die viele Menschen aus dem Flugzeug kennen: Die Toiletten hier arbeiten mit dieser Technologie, bei der es darum geht, die Abwässer über entsprechende Kanalisationssysteme zu sammeln und gleichzeitig mit einem biologischen Hochleistungsreaktor und Mikroorganismen Biogas zu erzeugen, wobei auch Phosphate und Stickstoffe entstehen, die für die Herstellung von Kunstdünger eingesetzt werden.

Es entsteht ein kleines, geschlossenes System aus den Bereichen Wasserversorgung sowie Stoff- und Energierecycling, die miteinander kombiniert werden. Ähnliche Systeme sind aus Privathaushalten bekannt, die eine eigene Stromversorgung haben. Mit den erwähnten Technologien ist es möglich, die eigene Wasserver- und Abwasserentsorgung zu installieren.

Weissenberger-Eibl betonte gegenüber dem BR, dass es die einfachste Möglichkeit ist, um das Thema für andere interessant zu machen, ihre Neugier (!) zu wecken. Auch ein Bürgermeister, der in seiner Gemeinde die erste Pilotanlage installieren wollte, ließ sich damals für das Projekt begeistern. In der Folge konnten nach und nach auch Bauherren begeistert werden, die flexibel entweder nur die dezentrale Wasser- oder die Abwasserversorgung oder auch nur den Teil zur Energiegewinnung nutzen konnten. Der Vorteil war die Unabhängigkeit von den zentralen Wassersystemen.

Neugier gehört zur DNA innovativer Unternehmen wie Amazon: „Für Leader ist der Lernprozess nie abgeschlossen, denn sie wollen sich stetig verbessern. Neuen Möglichkeiten begegnen sie neugierig (!), aufgeschlossen und erkunden sie stets", heißt es in den 14 Führungsprinzipien, die als Herzstück des Unternehmens gelten und die gelebte Haltung widerspiegeln.

Am Beispiel des Berliner Produktdesigners Mark Braun, der Alltagsgegenständen zu einer neuen Form verhilft, zeigt sich das Thema im Kleinen: Er arbeitet mit Materialien wie Holz, Glas, Aluminium oder Marmor. Auch für ihn gilt, dass dem Anwenden das Verstehen vorausgehen muss:

„Ich bin viel zu neugierig, um nur mit dem gleichen Material zu arbeiten. Aber es ist auch notwendig, sich immer ein neues Feld zu erarbeiten. Man muss einen Werkstoff ja erst mal versuchen zu verstehen (!) und die Verarbeitung kennen, bis man weiß, was damit gestalterisch überhaupt möglich ist."

Neugier prägte auch den Weg der Wissenschaftlerin Prof. Weissenberger-Eibl: In ihrer Entwicklung erhielt sie von der technologischen Seite immer Anreize, um ihre Neugier ausleben zu können und „gleichzeitig die ökonomische Perspektive einfließen zu lassen".

Wer für unterschiedliche Perspektiven und Denkweisen offen ist und neugierig bleibt, dem ist auch zuzutrauen, „den einen oder anderen verschlungenen Weg zu gehen, um ans Ziel zu kommen", so ihre Überzeugung.

Interessant ist in diesem Zusammenhang wieder ein Blick ins Buch der Philosophin Ina Schmidt, die die menschliche Suche mit einer Reise vergleicht, die nicht darauf angewiesen ist, am Ende das „richtige Ziel" anzusteuern, sondern die um ihrer selbst willen einen Wert hat: „Dann ist eben nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel ist im (!) Weg, es verstellt uns den Blick für die Ziele, auf die wir gar nicht kommen können, wenn der Blick ständig starr geradeaus gerichtet ist."

Dennoch tun wir gut daran, zumindest ein mögliches Ziel anzusteuern und einigermaßen darüber informiert zu sein, „was uns auf dem Weg erwarten könnte, ohne dass unsere eigenen Erwartungen an die Stelle der Realität treten".

Weiterführende Informationen:

BR-ONLINE | Das Online-Angebot des Bayerischen Rundfunks. Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl im Gespräch mit Adrian Dunskus. Sendung vom 7.1.2009.

Ina Schmidt: Das Ziel ist im Weg. Eine philosophische Suche nach dem Glück. Verlag Bastei Lübbe, Köln 2017.

Jürgen Mlynek: Grundlagenforschung - Fundament der Innovation. In: VSH-Bulletin Nr. 2, August 2009, S. 19-23.

Persönlichen Gestaltungsraum ausbauen. Interview mit Marion A. Weissenberger-Eibl. In: PERSONALquarterly 1 (2016), S. 6-9.

Marion Weissenberger-Eibl, Klemens Joachim, Jan Radicke: Neue Wege zur Aktivierung von Forschungspotentialen - Einsichten in das Themengebiet Materialwissenschaft und Werkstofftechnik. In: VSH-Bulletin Nr. 2, August 2009, S. 24-30.

Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer: Fragen zur Digitalisierung von A bis Z: Wie wir die neue Welt besser verstehen können. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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