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Die Wirtschaft und die Asylthematik: eine vertane Chance?

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REFUGEE WORK
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Gastkommentar von Dr. Andreas Knaut, Chefredakteur von Demografiewandel.info, Kommunikationsberater und Interimmanager

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Foto: Dr. Andreas Knaut

Si tacuisses...

So, jetzt haben wir den Salat. Gerade mal 54 Flüchtlinge haben die 30 Dax-Konzerne bislang eingestellt, 50 davon die deutsche Post, erfuhr die FAZ kürzlich in einer Umfrage. Ein magerer Befund, und er steht nicht allein. Die weit überwiegende Mehrzahl der Firmen (88%) hätten bislang keine Asylberechtigten oder andere Flüchtlinge als Praktikanten, Lehrlinge oder Arbeitskräfte integriert, ergab eine Umfrage des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo schon im Mai.

Das vom Deutschen Industrie und Handelstag (DIHK) im März mit großem Trara gestartete Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge" verzeichnet im Juni gerade mal 752 Mitglieder - bei deutschlandweit fünf Millionen Mitglieder der IHKs.

Da sollte mehr gehen, könnte man meinen: 131.00 Flüchtlinge, rund 44 Prozent, sind bei der Arbeitsagentur aktuell als arbeitslos gemeldet.

Hat also die Wirtschaft in Sachen Flüchtlinge rhetorisch ein zu großes Rad gedreht - zu viel Gewese um zu wenig Einstellung?

Gemach: Die Bertelsmann Stiftung gab im April eine Umfrage heraus, dass sich rund dreiviertel der Unternehmen der Flüchtlings-Thematik durchaus angenommen hätten. Sehr viele schaffen Praktikumsplätze, sponsern Initiativen, Vereine, Projekte. Sie fördern das ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiter.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks und etliche seiner regionalen und fachlichen Mitglieder haben mit staatlichen Stellen Ausbildungs- und Qualifizierungsprogramme aufgelegt.

Dazu gilt: Wer einstellen will, muss erstmal einstellen können. Von den arbeitslos gemeldeten Flüchtlingen haben nur neun Prozent Abitur, 26 Prozent keinen Hauptschulabschluss, drei Viertel keine formal beendete Berufsausbildung.

Ein Asylant muss erstmal soweit kommen, dass er sich arbeitslos melden kann. Industrievertreter verweisen nicht grundlos auf die komplizierten, sehr langsam mahlenden Räderwerke der deutschen Verwaltung und die hiesigen hohen beruflichen Qualitätsanforderungen.

So erklärten etwa hessische IHKs im Juni 2015, also noch vor dem großen „Wir schaffen das", dass es von der Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland bis zum Start einer dualen Ausbildung zwei oder mehr Jahre dauere: Drei Monate für die „Vorauswahl der Teilnehmer und Kapazität für sprachliche Bildung". Neun bis 24 Monate für „Sprachliche Qualifizierung / berufliche Orientierung".

Erst dann erfolge der Start in die bis zu drei Jahre dauernde „berufliche duale Ausbildung". Und erst danach steht der so Vorbereitete, wenn er denn anerkannt ist, dem Berufsleben oder einem Studium zur Verfügung. Fünf Jahre nach Ankunft!

Folgerichtig haben Unternehmen im September 2015 bei einer SpOn-Umfrage zu Protokoll gegeben:

Asylanten werden gerne integriert, aber mehr als ein Praktikum ist aus genannten Gründen zunächst nicht drin. Übrigens in Übereinstimmung mit dem Arbeitsamt, dass sich vergleichbar äußerte.
Daher - es macht sich zu einfach, wer ausschließlich die Schuld bei Unternehmen sucht, wenn Asylbewerber heute unverändert in den Fluren des Arbeitsamtes sitzen.

Gleichwohl muss sich die Wirtschaft aber fragen lassen, warum sie damals diese ihre doch so realistische Einschätzung nicht lauter geäußert hat. Warum hat man seitens der Unternehmerschaft und ihrer Verbände nicht vor überzogenen Erwartungen gewarnt? Warum waren manche ihrer herausragenden Repräsentanten so vollmundig unterwegs? Schnell reputativen Windfallprofit sammeln, die Gutmenschen-Welle reiten und öffentlich ein paar Sympathiepunkte einkassieren?

"Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir", ließ sich Dieter Zetzsche September 2015 zitieren, garniert vom Lob der SpOn-Redaktion: „Deshalb will der Daimler-Chef in Asylunterkünften neue Arbeitskräfte finden."

BDI-Präsident Ulrich Grillo forderte im August von Deutschland mehr Offenheit gegenüber Flüchtlingen. Der Wirtschaft würden Arbeitskräfte fehlen und man müsse die Menschen nur gut integrieren. Wie lange so was dauert, sagte er nicht.

So ging zumeist die Rede, Integration sei wichtig, die Eingliederung in den Arbeitsmarkt werde gelingen. Nur aufmerksamen Zuhörern viel auf, dass diesem so kraftvollen optimistischen Intro meist ein kleinlautes leiseres „vorausgesetzt" folgte: „vorausgesetzt", die notwendige Qualifikation werde erreicht, „vorausgesetzt", die Deutschkenntnisse reichen aus, „vorausgesetzt", der Staat werde alle notwendigen Maßnahmen vornehmen. Das ist Optimismus mit Kleingedrucktem. Die Öffentlichkeit vernahm gerne den ersten Teil des Satzes hörte und überhörte den Zweiten.

Jetzt könnte man sagen: Selbst Schuld, da hätte die Öffentlichkeit wohl besser hinhören müssen. Aber so einfach ist es nicht. Wer einen Eindruck erzeugt, oder bewusst in Kauf nimmt, dass dieser beim Zuhörer entsteht, der muss dafür gerade stehen.

Die Wirtschaft hat - wissentlich oder fahrlässig - ein Narrativ der Politik unterstützt, dessen enttäuschendes Ende abzusehen war.

Die öffentliche Wirkung ist bis heute ist fatal - aus mehreren Gründen: Die Flüchtlinge selbst geraten unversehens unter den Pauschalverdacht der Sozialeinwanderung. Dabei haben sie nie behauptet mehr zu sein, als sie sind: Menschen, die nach Deutschland kommen, auf der Suche nach einer sicheren Zukunft, aus den unterschiedlichsten Motiven heraus.

Keiner gab an der österreichischen Grenze zu Protokoll, er sei eigens angereist, um das deutsche Facharbeiterproblem zu lösen. Es waren auch nicht viele, die ein IT-Startup aus Damaskus in das gelobte Land jenseits der Alpen transferieren wollten, von der vielzitierten Medizinerausbildung ganz zu schweigen.

Asyl und Migration wurden diskursiv in einen Topf geworfen mit der ärgerlichen Folge, dass die öffentliche Debatte beide bis heute nicht recht voneinander zu unterscheiden weiß. Beiden Themen tat man damit keinen Gefallen. Sie wurden so emotional kontaminiert, dass die Politik heute am liebsten alles im Zusammenhang mit Zuwanderung großflächig umkurven würde - sieht man mal von Grünen auf der einen Seite und dem AfD auf der anderen Seite ab.

Die Aversion wird nur nicht helfen: Wir brauchen einen gesellschaftlichen Asyl-Konsens und wir benötigen eine strategisch ausgerichtete Migrationspoltitk.

Rechtzeitig zu warnen und darauf hinzuweisen, wäre - nicht allein, aber eben auch - Aufgabe und Autorität der Unternehmenslenker gewesen. Natürlich hätte man sich in der „Willkommens"-Euphorie vielleicht ein paar öffentliche Backpfeifen eingefangen. Niemand ist beliebt, der Wasser in Wein gießt. Letztendlich hätte aber die Chance bestanden, die Asyl-Thematik auf ihren humanen Kern zurückzuführen und solcherart zu versachlichen.

Das nun eingetretene Versäumnis nützt niemandem. Nicht den Flüchtlingen, die wahrlich nichts dafür können, dass sie argumentativ instrumentalisiert wurden. Nicht der Politik, die jetzt fürchtet, dass die Industrie den Boris Johnson macht - ab durch die Hintertür.

Auch nicht der Wirtschaft selbst. Sie muss sich darauf vorbereiten, von der Politik für geplatzte Träume verantwortlich gemacht zu werden. Es beginnt schon.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wird auf faz.net mit dem Satz zitiert, „Ich erwarte, dass sich die Wirtschaft hier einen Ruck gibt." Ebendort wird auch von einem Brief von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel berichtet, der die Top-Konzerne aufruft, „erkennbar mehr Zuwanderer einzustellen".

Für die eigene Reputation ist es stets fatal, Eindrücke oder Erwartungen zu wecken, die man absehbar nicht erfüllen kann. Das Gedächtnis der Öffentlichkeit ist - Google sei Dank - mittlerweile elefantös. Nur wenig wird vergessen.

Die Wirtschaft hat erneut ein wenig an Glaubwürdigkeit verloren. Und das in einer Gesellschaft, die ohnehin gerne unternehmens- und globalisierungskritische Vorurteile transportiert.

Die Folge: Einmal mehr ist der wirtschaftliche Sektor öffentlich in der Defensive. Gegensteuern ist mühsam. Natürlich stehen bald all jene auf, die hinweisen und differenzieren. Natürlich werden Verbände und Geschäftsführer auf ihr humanitäres Engagement verweisen. Genauso natürlich wird die Öffentlichkeit wieder kaum zuhören, denn Differenzierung macht einfach keinen Spaß.

Weitere Informationen:

Warum Flüchtlingspolitik nachhaltiges Management braucht


Krisen und Grenzen: Warum wir (unter)scheiden müssen

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