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Wir verschwinden! Hinter den Kulissen einer gespaltenen Gesellschaft

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Kein Theater, sondern das pure Leben

Michaela entrüstet sich über das mangelnde Können einer Darstellerin aus einem Werbeclip für eine Provinzstadt (das hätte sie wirklich besser gemacht). Andreas darf während einer Gala vor internationalen Finanz-Mogulen seine Gedichte vortragen - eine Karriere als gefeierter Poet scheint sich jedoch nicht abzuzeichnen. Martin träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler in einer französischen Filmproduktion, doch bei den Dreharbeiten am Mount Everest wird er zum Statisten degradiert. Sein einziger Satz wird gestrichen. Zurück in der Realität bleibt für alle ein Engagement beim Aktionstheater:

Anlässlich eines drohenden Rechtsruckes reift der Entschluss, nur noch Komödien zu machen, um die Wirklichkeit besser auszuhalten. Das hat in früheren Zeiten auch schon funktioniert...

Um die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit vergessen zu machen, konterkarieren die Sängerin Sonja Romei und „Tanz Baby!"-Mastermind Kristian Musser das Geschehen mit minimalistischen Interpretationen vergangener Hits und sphärische Neukreationen. Immersion. Wir verschwinden.

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Copyright: Apollonia Bitzan (aktionstheater ensemble)

Martin Gruber und das aktionstheater ensemble tragen mit ihrem Stück „IMMERSION. WIR VERSCHWINDEN" dazu bei, im puren Leben, das Tragik und Komik gleichermaßen vereint und die europäische Seele offenlegt, wieder gemeinschaftsfördernde Werte zu finden. Vor allem aber, den eigenen zweifelnden Blick zu schärfen, der sich dem Hausverstand verdankt: dem, was uns von Haus aus als innerer Kompass mitgegeben wurde. Ohne ihn können wir Wirklichkeit nicht interpretieren und verändern.

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Copyright: Apollonia Bitzan (aktionstheater ensemble)

Das Stück von Martin Gruber (Buch und Regie) schließt an „JEDER GEGEN JEDEN" an, das Ende September in Wien Premiere hatte und zeigte, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, „wenn Grenzzäune im Außen auf das Innen wirken. Zwischen harten Beats und betörenden Balladen wird die schleichende Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft auf den Einzelnen, auf das Individuum heruntergebrochen".

Der Autor und Regisseur Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble entwickeln den Stoff mit Interviews der DarstellerInnen. Deshalb kann aktuell und spontan auf gesellschaftliche und politische Situationen reagiert werden. In vorauseilender Paranoia werden die österreichischen Grenzen dicht gemacht. Mit dem Fehlen „der Solidarität zum Außen bricht auch die Solidarität im Innen".

Vor dieser Kulisse entwarf Martin Gruber das Bild einer schleichenden Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft und brach dieses Szenario auf Alltagskonflikte herunter.

Wertezerfall und Entsolidarisierung machten bereits hier deutlich, wie zerbrechlich wir sind im Scherbenhaufen der großen Weltbühne, an der er wir uns unentwegt schneiden.
Auch in diesem Stück ging es darum, wieder sehen und unterscheiden zu lernen, um urteilsfähig zu sein und nicht dem Populismus zu verfallen.

Was wir heute in einer Könnensgesellschaft brauchen, ist neben dem Möglichkeitssinn auch ein scharfer Wirklichkeitssinn, der als gesunder Menschenverstand (in Österreich „Hausverstand" genannt) beurteilt, ob etwas der Wirklichkeit angemessen oder ihr fremd ist. Er trägt wesentlich zu unserer Urteilssicherheit bei. Durch seine Erfahrungsnähe erweist er sich als „sehr kompetent" in der konkreten Anwendung von Regeln.

Deshalb eignet er sich hervorragend, den Alltag pragmatisch zu meistern. Er ist Anwendungsverstand, hat seine Domäne also in den praktischen Fragen des alltäglichen Lebens und ist mit Fähigkeiten wie Pragmatismus und Entscheidungsfreude verbunden.

Es sind vor allem Künstler, nicht Politiker, die auf glaubwürdige Weise vermitteln, dass es wichtiger ist, sich über Gestaltungsmacht als über Funktionsmacht zu definieren, die uns Wege zeigen, wie wir besser mit Krisen umgehen und mit einem vorurteilsfreien Blick eingefahrene Wege verlassen und Mauern im Kopf sprengen können - um besser sehen, denken und nachhaltig handeln zu können.

Premiere ist am 10.11.2016 20:00 Uhr in der ARGEkultur Salzburg im Rahmen des Open Mind Festivals.

Weiterführende Literatur:

Alexandra Hildebrandt: Mit kleinen Schritten die Welt verbessern: Nachhaltig denken und handeln von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Alexandra Hildebrandt: Richtungswechsel: Warum echte Könner immer wieder umparken. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Zur Person:

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Copyright: aktionstheater ensemble

Martin Gruber, geboren 1967 in Bregenz, studierte Schauspiel und gründete 1989 die Theaterformation aktionstheater ensemble, mit der er an zahlreichen Häusern in Österreich, Deutschland und der Schweiz gastierte und an diversen internationalen Festivals wie Bregenzer Festspiele, Kurt Weill Festival, Impuls-Festival, Bregenzer Frühling und den Wiener Festwochen teilnahm.

Gruber begann seine Regiearbeiten 1998 mitmultimedialen Klassikerbearbeitungen von Antigone und Elektra und wurde 1993/1994 mit seiner Georg Büchner-Trilogie bekannt. Seit der Produktion „Welche Krise" (2009) arbeitet Martin Gruber mit authentischem Textmaterial. In unzähligen Interviews mit SchauspielerInnen, aber auch mit anderen ordinary people werden Textflächen erarbeitet, die nicht zuletzt wegen ihrer Aktualität, Spontaneität und Dringlichkeit gesellschaftspolitische Prozesse besonders wirkmächtig widerspiegeln. Gruber reißt die Original-Interviews aus dem ursprünglichen Kontext und entwickelt, zusammen mit SchauspielerInnen, daraus verblüffende Performances aus Sprache, Musik und Choreografie.

Vom Feuilleton wird Grubers Compagnie das Attribut „Schnelle Eingreiftruppe des Theaters" attestiert. Gruber erarbeitete über 50 Regiearbeiten mit seinem aktionstheater ensemble und inszenierte auch für stehende Häuser u.a. Volkstheater Wien und Volksoper Wien. Er wurde mit mehreren Kulturpreisen ausgezeichnet, darunter: Heidelberger Theaterpreis sowie die Nominierungen für den "Nestroy-Theaterpreis" 2015 und 2016.