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„Wir müssen uns endlich die Wahrheiten sagen..." Zur Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung

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Gastbeitrag von Prof. Stefan Brunnhuber, Wirtschaftssoziologe und Psychiater

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Foto: Prof. Stefan Brunnhuber

Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung folgt dem klassischen Standardargument von expansivem Wachstum, innovativen Technologien, einer Good Governance und einer aktiven Bevölkerungspolitik. Das ist nicht falsch, aber unvollständig. Für alle Bereiche gelten jedoch von Anfang an eine Reihe von empirischen Einschränkungen.

Eine aktive Bevölkerungspolitik muss sich mit dem Argument auseinandersetzen, dass innerhalb der nächsten 15 Jahre die globale Mittelschicht von heute 1,8 Mrd. auf 4,9 Mrd. ansteigen wird. Zwei Drittel dieser Menschen werden in Asien leben.

Mittelschicht bedeutet für globale Ressourcenströme einen Zuwachs an Mobilität, Fleischkonsum sowie haushaltsnaher Geräte.

„Mittelschicht" heißt aber auch, dass ihre Mitglieder mehr Erwartungen und mehr Forderungen an Bildung, Gesundheit und urbane Infrastruktur haben.

So werden in den nächsten 40 Jahren 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Von den dafür notwendigen 45 Mega-Cities sind 30 noch gar nicht gebaut.

Und es bedeutet eine viel stärkere globale Abhängigkeit von einer arbeitsteiligen und spezialisierten Wertschöpfung als etwa in einer ländlichen Subsistenzwirtschaft.

Dies korreliert dann mit einer Steigerung des Weltsozialprodukts von derzeit circa 74 Billionen US-Dollar auf über 200 Billionen US-Dollar bis ins Jahr 2030.

Das Wachstumsargument ist mit der Kritik verbunden, dass wir in einer Welt mit endlichen Ressourcen und einem durchschnittlichen drei Prozent globalen Wirtschaftswachstum weiterhin exponentiell wachsen wollen.

Das heißt, dass trotzdem 3 Prozent im Jahr 2015 in absoluten Zahlen (gemessen in Gütern und Dienstleistungen) deutlich mehr war als 10 Prozent Wachstum im Jahr 1955.

Drittens ist das Technologie-Argument der wachsenden empirischen Einsicht ausgesetzt, dass jede von Menschenhand entdeckte und umgesetzte Technologie zahlreichen Rebound-Effekten ausgesetzt ist, die die Effizienzgewinne, welche durch ihre Innovationskraft zum Markteintritt beigetragen haben, zumindest teilweise wieder neutralisieren wird.

Mittlerweile sind über ein Dutzend solcher Rebound-Effekte beschrieben worden. Hinzu kommt, dass der Anteil an erneuerbaren Energien in der Primärenergiebilanz bei derzeit 1,3% liegt und weltweit keine (!) Technologie existiert, die als CO2-Senke zur Verfügung stehen könnte.

Das Argument kann man an dieser Stelle noch verfeinern: Die Kosten für klimabedingte Umweltschäden werden mit 0,2 % des Weltsozialproduktes veranschlagt - das sind 250 Mrd. USD im Jahr. Wenn wir den aktuellen Stand der Technik mit den aktuellen internationalen Verträgen (2016-2030) konsequent umsetzen würden, kommen wir damit aber nur auf eine Klimareduktion um 0.05°C Grad bis ins Jahr 2100, anstatt der geforderten 2 Grad. Das ist so nicht sehr effizient.

Effizienter wären Brückentechnologien, Anpassungsinvestitionen in die Klimaerwärmung, Veränderungen des Lebensstils und die Investition in Forschung und Entwicklung.

Neben Demographie, Wachstum und Technik gibt es zudem Begrenzungen der Governance-Struktur eines Landes. Es gibt keine verlässlichen empirischen Hinweise, dass Demokratie, Rechtsstaat und regulierter Markt der westlichen Welt, welche als Blaupause und Modell für den Rest der Welt herhalten sollen, global konsensfähig sind.

Ich darf daran erinnern, dass die globale Governance-Situation alles andere als eindeutig ist: Neben der westlichen Demokratien gibt es mindestens drei bis vier weitere politische Legitimationsformen:

Autokratische Systeme wie etwa kommunitäre Autokratien (China), dann paternale Autokratien (Russland), tribale Autokratien wie etwa die Golfstaaten sowie die südamerikanischen Lesarten von Demokratien, in welchen Stabilität wichtiger ist als Partizipation.

Alles Regierungsformen, in denen die Zustimmung in der Bevölkerung höher ist, als in meisten westlichen Demokratien.

Golfstaaten, Russland, Brasilien, China haben ihre eigenen Vorstellungen von Demokratie, Meinungsbildung, politische Partizipation, Markt und Menschenrechte. Die Welt wird zur ‚no one's world'. Der ganze Vorgang wird noch dadurch verkompliziert, dass wir einen zeitnahen globalen Konsens benötigen würden, um all die Ziele zu erreichen die wir uns vorgenommen haben.

Den Diskussionsstand, welchen wir völlig vergessen, ist der der Lebenswissenschaften, vor allem der klinischen Psychologie, Neurobiologie, Medizin und Sozialpsychologie.

Kurz: Was wissen wir heute über den Menschen, seine Motive, sein Gruppenverhalten, seine Risikoabschätzungen, Ängste, sein Denken und die Grenzen des Denken usw.?

Nachhaltigkeit im Anthropozän heisst leben, wirtschaften und arbeiten innerhalb von äußeren - geoökologischen und inneren - das heißt psychologischen Grenzen. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sollte dies berücksichtigen.

Es geht nicht darum, dass wir einen Veggie-Burger in recyclebares Papier einpacken, mit einem Elektroautos fahren und einmal pro Monat 30 ,-Euro an eine Non-Profit-Organisation spenden, die sich mit ökologischen und sozialen Projekten beschäftigt, sondern es geht um ein anderes Bewusstsein: integraler, spiritueller, vernetzter, auch wahrhaftiger, demütiger.

Die richtige Technologie und der richtigen Mahlzeiten kommen dann gleichsam von selbst. Mit Wachsen - Technologie - Bevölkerungspolitik und Good Governance allein wird es nicht gehen.

Vor dem Hintergrund dieser empirischen Daten wird sich der Nachhaltigkeits-Diskurs in Deutschland nicht nur mit der Frage einer effizienteren Nutzung von Ressourcen und deren Verteilung, sondern auch mit komplett anderen Finanzierungsstrategien (etwa Parallelwährungen, Green-QE), sowie mit „Postwachstums-Szenarien" auseinandersetzen müssen.

Für mindestens 30 % der Bevölkerung in Europa wird es nicht mehr um MEHR, sondern um einen anderen Lebensstil gehen.

Der Vorteil der 17 globalen Entwicklungsziele - Sustainable Development Goals (SDG) -, an denen sich die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung orientiert, ist, dass sie erstmals systemisch gedacht werden: lokal und global, Norden und Süden, interdisziplinär und nicht mehr im Silo.

Es werden Ziele und Inhalte definiert, keine Regionen. Hinzu kommt, dass es für alle 17 Ziele eine recht robuste wissenschaftliche Datenlage gibt, wie sie erreicht werden sollen.

Wir wissen also, wie es geht, und wir haben darüber hinaus einen relativ hohen Konsens in der Weltgemeinschaft darüber, was wir wollen.

Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie soll das Ganze finanziert werden? Die klassischen Transfermodelle (Steuer, Abgaben usw.) funktionieren nicht, da die erforderliche Summe viel zu hoch ist.

Unser Weltwirtschaft würde unter einer Abgabe - in welcher Form auch immer - von sieben bis zehn Prozent des Weltsozialproduktes kollabieren.

Wir benötigen faktisch fünf bis sieben Bill USD im Jahr. Die aktuelle Diskussion ist um eine Größenordnung zu klein (750 Mrd USD) und der notwendige globale Konsens, wo die Gelder her kommen sollen, fehlt.

Der Prozess ist somit zu langsam. Wir benötigen einen anderen monetären Mechanismus. Der Grüne Quantitative Dasing (QD) ist ein solcher. Hierzu liegen einige robuste Vorschläge vor.

Wenn wir wirklich einen nachhaltigen Pfad einschlagen wollen, müssen wir anfangen, uns die Wahrheiten zu sagen: Das 2-Grad-Ziel erreichen wir so nicht, globale Armut verhindern wir so nicht, forcierte Immigration auch nicht.

Nachhaltigkeit ist ein bewusstes Leben und Handel innerhalb äußerer und innerer Grenzen: die Äußeren sind uns vorgegeben durch die Belastungsgrenzen unseres Planeten (3 von 9 haben wir bereits überschritten); die inneren Grenzen durch die Art, wie wir denken, sprechen, handeln - eben durch unser Bewusstsein.

Der Nachhaltigkeitsbegriff ist zu unscharf und häufig nur auf ökologische Fragen reduziert. Nachhaltigkeit als gesellschaftliche Transformation lässt sich nur integral wirklich fassen, in dem soziale, ökonomische und ökologische Dimensionen zusammen gedacht werden.

Werden sie aber zusammengebracht sind nationale Lösungen nicht ergiebig und für weite Bevölkerungsteile nicht überzeugend.

Nachhaltigkeit als Transformation fordert ein anderes Denken und ein anderes Handeln, eben ein anderes Bewusstsein.

Wir müssen uns endlich die Wahrheiten sagen: Technologien produzieren Rebounds, erneuerbare Energien sind hochmaterial intensiv, soziale Umverteilung und gesellschaftliche Integration sind wichtiger als das Co2-Ziel (welches wir so wie so nicht erreichen). Unter knappen Ressourcen innerhalb eines begrenzten Zeithorizonts müssen wir Prioritäten setzen.

Unser westliches Wohlstandsmodell ist nicht das einzige Gesellschaftsmodell für eine gemeinsame Zukunft. Wir sind alle (fast überall) Ausländer. Wir wissen viel zu wenig als dass wir es uns es leisten könnten, auf die Potentiale von 250 Millionen Arbeitslosen und weiteren 250 Millionen Unterbeschäftigten zu verzichten - ganz zu schweigen von den 1,2 Mrd. Kindern, die keine richtige Schulbildung bekommen.

In einer pluralen Welt ist keiner zu 100 Prozent falsch. Und wenn es um globale Toleranz geht, geht es darum‚ dass wir alle nicht gleicher Meinung sein werden, aber wir uns alle dafür einsetzen sollten, dass jeder seine Meinung auch sagen kann.

Stefan Brunnhuber ist Autor des Buches „Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern" (Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2016).

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