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Wie wir der Welt der dummen Dinge entkommen können

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„Würde nicht so viel Überflüssiges gekauft, das uns abhängig, aber nicht glücklich macht, dann stünde es besser um die Welt!" (Wolfgang Schmidbauer)

Handwerklich hergestellte Produkte und die Verwendung traditioneller Materialien sind ein wertvolles Kulturgut und stellen eine nachhaltige Alternative zur Welt der Massenprodukte und zum schnellen Konsum dar. Der Psychoanalytiker Wolfang Schmidbauer, einer der ersten Kritiker der Konsumgesellschaft aus ökologisch-psychologischer Sicht, spricht von „klugen" und „dummen" Dingen, wobei sich letztlich ausgerechnet jene Dinge als „dumm" erweisen, in die sehr viel Intelligenz investiert wurde, dass sie die Benutzer(innen) aufgrund ihrer Unzugänglichkeit „verdummen" lassen.

In seinem aktuellen Buch „Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" widmet er sich den Verleugnungsstrategien und Verwöhnungsbedürfnissen des Homo consumens.

Der moderne Mensch betreibt Raubbau an seinen physischen wie psychischen Ressourcen, was immer öfter zu einer lähmenden Erschöpfung des Ich führt: aus Homo sapiens wurde Homo consumens. Überfluss folgte Überdruss, der mit Selbstoptimierung, Schnelllebigkeit und Gier einhergeht. Leistungsdenken lässt unsere Seele verkümmern. Anstatt Probleme als Teil des Lebens zu begreifen, wird im schnellen (Tabletten-)Konsum gesucht.

Die Zahl der verordneten Tagesdosen von Antidepressiva hat sich in Deutschland zwischen 2000 und 2013 fast verdreifacht (Quelle: "Depressionsatlas" der Techniker Krankenkasse). Für Schmidbauer ist diese Entwicklung in erster Linie eine Folge von konstanter Überforderung, Leistungsansprüchen und Wachstumszwängen.

Dabei ist es an der Zeit, das eigene Leben wieder sinnvoll zu machen: handwerkliches Tun wäre nach Schmidbauer ebenso ein Rezept wie Entschleunigung und die Aufwertung sozialer Kontakte. In der Summe würden wir „psychische Resilienz" und damit jene Energie gewinnen, „die wir benötigen, um uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen zu können." Auch hier geht es wie in seinem Buch „Enzyklopädie der dummen Dinge" um die Fähigkeit, die wirklich wichtigen Dinge zu erkennen und nachhaltig zu schützen. Sie basieren auf der Sinnhaftigkeit unseres Tuns.

Die Dinge sind heute so komplex geworden, dass sie keinen sichtbaren „Meister" mehr haben, sondern häufig aus einer intransparenten Organisation kommen. Dinge mit einer greifbaren Geschichte sind deshalb heute umso wertvoller. Zudem unterstützen sie uns darin, unsere Möglichkeiten zu stärken, einsichtig und nachhaltig zu handeln - „unsere Intelligenz zu trainieren".

Der chilenische Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda widmete ihnen eine Ode, in der es heißt: „Ah, soviel / reine / Dinge / hat der Mensch / entworfen, / aus Wolle, / aus Holz, / aus Glas, / aus Stricken - / Tische, wunderbare Tische, / Schiffe, Leitern. // Ich liebe / alle / Dinge, / nicht weil sie / brennen / oder / duften, / sondern / ich weiß nicht warum, / weil / dieser Ozean dir gehört, / mit gehört: / Die Knöpfe, / die Räder, / die kleinen / vergessenen / Schätze, die Fächer, / in deren Federn / die Liebe ihre / Orangenblüten / wehte, / Gläser, Messer, / Scheren - / auf allem / am Griff, am Rand, / eine Fingerspur, / die Spur / einer entrückten, / ins vergessenste Vergessen / versunkenen Hand."

Kluge, reine Dinge zeigen uns etwas von ihrer Machart, sind langlebig und sind zugleich Symbole menschlicher Selbstbestimmtheit. Dazu gehören Fahrräder, mechanische Schreibmaschinen, Anspitzer, Bleistifte oder Füllfederhalter.

Flugtaugliche Kugelschreiber gehören für Schmidbauer beispielsweise zu den dummen Dingen, weil sie teuer sind, zudem verlässt sich die Massenware auf die Schwerkraft und „versagt entsprechend schnell und radikal".

Der durchschnittliche Europäer besitzt etwa 10.000 Gegenstände. Mit dem Projekt „Über Lebensdinge", deren Erlös dem gemeinnützigen Verein HORIZONT e.V. zugute kommt, der obdachlose Mütter und deren Kinder unterstützt und von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet wurde, soll dazu angeregt werden, sich selbst zu fragen, was genug ist, was wir wirklich brauchen und worauf wir verzichten können.

Die Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber, hauptberuflich Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG, und ich wollten wissen, was nachhaltige Produkte ausmacht, wo sie zu finden sind und was jeder selbst tun kann, um das Leben mit der Auswahl der richtigen Dinge etwas besser zu machen. Dazu braucht es ein überschaubares und einfaches Prinzip, das das Notwendige mit dem Lebenswerten verbindet, und das uns hilft, eine Auslese zu treffen.

Wer heute ausschließlich in die Automatik vertraut, lässt wichtige Fähigkeiten verkümmern, weil die geistige Auseinandersetzung mit den Dingen nicht mehr stattfindet. „Solange das Streben nach Perfektion handwerklich geordnet bleibt, schadet es nicht. Sobald es sich aber auf Gefühle, Beziehungen, Charaktereigenschaften oder soziale Anerkennung richtet, wird es zum Verhängnis", so Schmidbauer.

Nein, es geht nicht darum, heute die Hände freizuhaben für die viel beschworenen wichtigen Dinge, sondern sie nachhaltig zu nutzen, um die Welt in ihrem Wesen zu be-greifen und mit den richtigen Werkzeugen, die auch unsere motorischen Fähigkeiten schulen, zu gestalten. Damit Homo sapiens den Homo consumens überleben kann.

Weiterführende Literatur:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Wolfgang Schmidbauer: Enzyklopädie der Dummen Dinge. Oekom Verlag München 2015.

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft. Oekom Verlag, München 2017.

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