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Wie visionäre Ingenieure die Welt retten können

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SISYPHUS
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Wer kann, der tut

Es geht heute nicht darum, die Welt retten zu wollen, sondern es auch zu „können". Dazu braucht es ausgeprägte Fähigkeiten und Charaktereigenschaften, die vor allem visionäre Ingenieure auszeichnen. Der US-amerikanische Unternehmer und Investor Elon Musk wird in diesem Zusammenhang oft genannt. Aber auch in Deutschland gibt es solche „Könner".

Einer von ihnen ist der Ingenieur Ralf Steeg, der eine bahnbrechende Technologie entwickelt hat, mit der Flüsse wieder sauber werden, so dass Tiere und Pflanzen zurückkehren und Menschen darin baden können - in Berlin und in anderen Städten auf der Welt.

Die Autorin und Filmemacherin Sandra Prechtel zeichnet in ihrem Buch „Der Wassermann" seinen Kampf gegen die Willkür der Bürokraten und die lähmenden Mechanismen der Politik nach.

Steeg machte die Vision vom Baden in der Spree zum Thema seiner Diplomarbeit.

Leben auf dem Fluss

Die Spree ist so schmutzig, weil die Kanalisation aus der Zeit der Industrialisierung stammt und der Größe der Stadt nicht mehr gewachsen ist. So landen etwa 5,3 Milliarden Liter Abwasser pro Jahr im Fluss:

„Eine giftige Brühe aus Fäkalien, Schwermetallen, Motorölen, Arzneimitteln und anderer Chemie. Die Spree ist kein reißender Gebirgsfluss, ein Tropfen Wasser braucht 14 Tage, um die Stadt zu durchqueren."

Steeg möchte, dass die Spree wieder sauber wird, und es Leben auf dem Fluss gibt:

„Die Schiffe kann man verschließen, es entstehen Plateaus, Holzdecks, auf denen man sich sonnen kann. Man kann auch Container darauf stapeln, die Cafés sein können oder Büros. Auf einer Insel ist ein Bootsverleih, eine andere ist ein Garten, eine dritte darf man nicht betreten, sie gehört den Kormoranen, Reihern und Wildgänsen."

Seine Inseln sollen freie und luftige Orte sein, an denen Menschen nicht nur sitzen und ins Offene sehen, sondern auch denken können.

Denn die Spree ist für Steeg wie ein Lineal, eingefasst in ihre Wände aus Eisen - wie ein Kind, das nicht zeigen darf, was es wirklich „kann". Ein Fluss, der kein Fluss sein darf. Wie ein eingesperrter Mensch.

Diese Starre mag er nicht, denn sie ist wie eine Stahlwand, die sich durch die Stadt zieht.

Flüsse und Flohmärkte

Dass Steeg besonders Flohmärkte liebt, mag mit seinem Freiheitsdrang zusammenhängen. Dazu findet sich ein wunderbarer Satz im aktuellen Buch des schwedischen Osteuropa-Korrespondenten und Autors Richard Swartz („Wiener Flohmarktleben"):

„Denn kein Flohmarkt lässt sich wie ein Fluss (!) in ein Bett zwängen, das er sich nicht selbst gegraben hat, wie ein nicht regulierter Strom muss er über seine Ufer treten können, ohne Rücksicht auf Form oder Richtung, mit ständigem Raum für immer mehr Sachen und Dinge."

Die Dinge, die aus der Zeit gefallen sind und ihre Besitzer häufig überlebt haben, sind sich hier (wie ein freier Fluss) selbst genug.

Alles Eingezwängte, Eingefasste erinnert Steeg an die Repressionen des DDR-Regimes, gegen das er als Jugendlicher rebelliert.

Das freie Leben ausprobieren kann er erst nach seiner Ausreise in den Westen, wo er lernt, dass sich jeder sein Paradies selbst schaffen kann.

Sein Leben als Gärtner beginnt in Kreuzberger Hinterhöfen: Er gibt sein gesamtes Geld für Blumensamen und Setzlinge aus und will nachhaltig arbeiten:

„Einen dünnen Zweig pflanzen, und Jahre später steht da ein Baum. Etwas anstoßen, eine Entwicklung auslösen, beobachten, was passiert, und staunend vor dem Ergebnis stehen."

Baumärkte meidet er und zieht Geschäfte vor, in denen er über die Schönheit, Funktionalität und Präzision „einer Baumschere philosophieren kann".

So interessiert ihn auch die Herstellung der Bauteile: Sind sie genietet oder geschraubt? Wer hat es gemacht? Wie funktionieren sie?

Diesen Maßstab legt er buchstäblich auch bei sich selbst an - denn Kleidung ist für ihn eine „Form von Ingenieurkunst". So wird im Buch beschrieben, wie er sich am Kurfürstendamm handgemachte Schuhe kauft, „zwiegenähte Herrenschuhe mit doppelter Sohle, die bei guter Pflege 20 Jahre halten". Kleidung muss für ihn stimmen und präzise sein wie ein technisches Teil.

Mit Unterstützung eines Botanikers lernt Ralf Steeg, natürliche Wertschöpfungsketten und Prozesse zu begreifen:

„Wenn wir ein einziges Lebewesen vernichten, zerstören wir ein ganzes Universum."
Ihn interessiert das Zusammenspiel von Natur und Beton sowie Orte, die vom Menschen aufgegeben wurden.

Mit 34 Jahren entscheidet er sich, sein Abitur zu machen und an die Universität zu gehen. Er studiert Landschaftsarchitektur und Umweltplanung. Seit 2001 arbeitet Steeg als Diplomingenieur an seinem Projekt SPREE2011, das er u.a. auf der Architekturbiennale in Venedig und der Expo Shanghai vorstellte und für das er vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) ausgezeichnet wurde.

Der rote Horizont

Als Kind verfolgt er gebannt die Erzählungen seiner Großmutter: Es war das brennende Dresden, das man von seinem Geburtsort Lauchhammer aus sehen konnte. Tausende flüchteten auf die Elbwiesen, Flugzeuge warfen Bomben, und die Menschen sprangen in den Fluss, der die Flammen nicht löschen konnte.

Das Bild von den brennenden Menschen im Fluss trägt er noch heute in sich. Aber auch jenes, das der Roman „Die Freude am Leben" (1883) von Émile Zola vermittelt:

Der Protagonist hält sich für einen guten Ingenieur, denn „er möchte etwas für die Welt tun, ein Dorf vor der Zerstörung schützen, vor dem Meer, das die Küste frisst und die Häuser in die Fluten reißt" - er beschafft sich Geld von allen und baut Wellenbrecher.

Das Buch über das Leben von Ralf Steeg erschien 2015, im gleichen Jahr, als die Biographie über den Visionär Elon Musk die Bestsellerlisten eroberte.

Beide Bücher sind nie in einem „entsprechenden" Zusammenhang betrachtet worden, dabei haben sie doch viel gemeinsam: Sie zeigen, was für ein Typus Mensch für eine nachhaltige Könnensgesellschaft gebraucht wird.

Visionäre Ingenieure

... denken groß und können sich dennoch mit intellektuellem Furor in Details ihrer Arbeit versenken
... geben ihre Mission nie auf
... sind getragen von ihrem Wunsch, in ihrem Leben etwas Bedeutendes, Nachhaltiges zu schaffen
... entwickelten Dinge von Grund auf neu und stellten vieles von dem infrage, was es bislang gab
... sind pragmatisch und haben keine Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen
... verfolgen ihre Vision ohne Kompromisse und verschreiben sich ganz ihrer Sache
... riskieren nicht nur etwas, sondern viel
... leben zwischen Versuch und Irrtum
... müssen mit einem Geflecht aus Politik, Gefälligkeiten und bürokratischen Strukturen zurechtkommen
... sind pragmatisch und wollen schnell voranzukommen
... schaffen sich schon als Kind die Welt, die sie sich wünschen.

Ralf Steeg, geboren 1961, im Jahr des Mauerbaus, sägt schon in seiner Kindheit Tragflächen aus, klebt Schiffe zusammen oder montiert Rennautos: „Ich löte, bastle, baue, mein Leben lang." Als Jugendlicher verbringt er viele Stunden in seiner Fahrradwerkstatt. So wird die Welt zuerst für ihn be-greifbar.

Der moderne Sisyphos

Unbegreiflich war für Ralf Steeg allerdings alles Bürokratische, das sich ihm in den vergangenen Jahren in den Weg stellte: Oft scheiterte er am Machtgeflecht aus Abteilungen, Unterabteilungen und Beamten ohne Neugier und Visionen.

Er musste von vorn beginnen, z.B. wenn die Wasserbetriebe wieder einen neuen technischen Leiter bekamen oder Behördenverantwortliche in Rente gingen.

Mit ihren Auflagen haben ihn die Wasserbetriebe fast in den Wahnsinn getrieben:

„... sie haben jedes Schräubchen kontrolliert, haben Punkt für Punkt bestimmt, wie die Anlage aussehen soll. Bis zur Maschenbreite des Gitterrosts."

Ralf Steg stellt sich wie Sisyphos immer wieder Problemen, die er nicht selbst gewählt hat. Ähnlich deutet Albert Camus die Arbeit des Sisyphos, der seinen Stein stets erneut zum Berggipfel schiebt, wo er kurz zuvor entgleitet und talwärts herunterrollt. Doch gerade weil er diese Absurdität akzeptiert, bleibt er "Meister" über seine Tage, also jemand, der bereits ein Könner ist und andere zum Lernen anleitet.

Der Prozess des ewigen Widerstandes verleiht ihm Kraft und Würde:

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." (Albert Camus)

Literatur:

Sandra Prechtel: Der Wassermann. Ralf Steeg und sein Kampf für den sauberen Fluss. HERBiG Verlag, München 2015.
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Ashlee Vance: Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX. Wie Elon Musk die Welt verändert. Die Biografie. FinanzBuch Verlag. München 2015.

Richard Swartz: Wiener Flohmarktleben. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015

Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versucht über das Absurde. Karl Verlag Rauch. Düsseldorf 1956.

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