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Wie steht es um den Ingenieurnachwuchs in Deutschland?

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Interview mit Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. und Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

Wie steht es um Ingenieurnachwuchs in Deutschland? Worauf wird es künftig ankommen?

Dirzus: Das Thema Ingenieurmangel ist in Deutschland zu einem Dauerbrenner geworden und wird seit Jahren sehr kontrovers diskutiert und beurteilt. Es kommt wesentlich darauf an, welches Zahlenmaterial zugrunde gelegt wird. Fakt ist, dass es derzeit keinen gravierenden flächenmäßigen Ingenieurmangel in Deutschland gibt, obwohl im ersten Quartal dieses Jahres knapp 74.000 offene Ingenieurstellen zu verzeichnen waren.

Wie sieht die Zukunft aus? Was sind die wesentlichen Herausforderungen?

Dirzus: In den kommenden fünf Jahren werden etwa 300.000 Ingenieure altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Diese müssen zu einem großen Teil ersetzt und die entstehen Zusatzbedarfe abgedeckt werden. Die demografische Entwicklung lässt jedoch negative Entwicklungen bei den Studienanfänger und Absolventenzahlen erwarten. Es wird also in den kommenden Jahren darum gehen, weiterhin genügend junge Menschen für ein ingenieurwissenschaftliches Studium zu begeistern, sonst wird Deutschland seine Spitzenposition als Technologiestandort, insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung, nicht halten können.

Weissenberger-Eibl: Deutschlands große, treibende Kraft ist der Mittelstand. Er ist sehr stark und hat eine große Innovationskraft. Wenn man sich die Rate für Neuprodukte ansieht, die pro Jahr in Deutschland entwickelt werden, wird schnell klar, dass diese im Mittelstand besonders hoch ist. Das Hungrigsein darauf, Neues auszuprobieren, findet also hauptsächlich im Mittelstand statt. Diese Tatsache stimmt mich sehr hoffnungsvoll. Der Mittelstand ist letztendlich die Energie und der Motor für die Wirtschaftskraft Deutschlands.

Länder mit einem starken dualen System wie Deutschland schneiden zudem beim Innovationsindikator auch tendenziell besser ab. Facharbeiter bilden hierzulande einen wichtigen Teil des Innovationspersonals und tragen zu einer raschen Umsetzung von Innovationsideen bei. Ein gutes duales System kann allerdings nicht die akademische Ausbildung ersetzen, sondern nur ergänzen, denn letztlich müssen die auf aktuellem Forschungsstand ausgebildeten Ingenieure und Naturwissenschaftler neue Technologien hervorbringen und Innovationssprünge erarbeiten.

Daneben gilt zu betonen, dass auch die Bürger einer Gesellschaft die Entwicklung des Innovationssystems ihres Landes maßgeblich prägen. Ihre Einstellung zu neuen Technologien sowie ihre Bereitschaft, sich auf Innovationen einzulassen und diese aktiv zu fordern, sind wichtige Rahmenbedingungen für den Erfolg der Innovationsbemühungen der Wirtschaft.

Welche Qualifizierungsbedarfe ergeben sich durch Industrie 4.0?

Dirzus: Als rohstoff- und ressourcenarmes Land lebt Deutschland einzig und allein von den Qualifikationen und dem Know-How seiner besten Köpfe. Der Ruf unseres Industriestandorts und auch des Gütesiegels „Made in Germany" liegt natürlich auch in unserer starken Ingenieurskultur begründet. Unsere Ingenieure zählen weltweit zu den am besten ausgebildeten. Ihr Know-How ist sozusagen das „Kapital", das die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie sichert. Der VDI würde sogar so weit gehen und behaupten: Ohne Ingenieur-Know-How stünde Deutschland heute ökonomisch weitaus schlechter da.

Was wir durch die Digitalisierung erleben werden ist ein fundamentaler Wandel im innovativen Denken und Schaffen: Weg von der ausschließlich auf das Produkt zentrierten hin auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle gerichteten Innovation. Und dieser Wandel wird natürlich auch die Anforderungen an Ingenieure verändern.

Was müssen sie künftig können?

Dirzus: Sie müssen künftig noch bessere „Innovationsmanager" werden und ihr Profil als rein technische Experten weiterentwickeln - das heißt z.B. für den Erwerb von Querschnittsqualifikationen aus den Bereichen Recht, Finanzen, Kommunikation, Management oder BWL. Sie werden sich insgesamt interdisziplinärer aufstellen müssen. In der „Smart Factory" sind natürlich IT-Kenntnisse gefragt und Know-How über Software, Programmierung und Elektronik.

Zu den Kernaufgaben des VDI gehört die Bündelung von Wissen über Technologietrends z.B. aus den Bereichen Digitalisierung, Internet of Things oder Industrie 4.0 und die Weitergabe dieses Wissens an unsere Mitglieder - insbesondere natürlich dann, wenn sie von Ingenieuren neue Qualifikationen erfordern. Wir verstehen uns hier als „Denkfabrik für Technik".

Um die Ingenieurausbildung sinnvoll weiterzuentwickeln, stehen wir im ständigen Dialog mit Schulen, Hochschulen und anderen bildungspolitischen Entscheidern. Natürlich auch mit Unternehmen. Wir wollen Ingenieure dabei unterstützen, sich mit ihrem Profil noch besser auf die Anforderungen der Digitalisierung vorzubereiten. Das Thema „Arbeiten in der digitalisierten Welt" haben wir im VDI deshalb auch zum Schwerpunktthema für das Jahr 2017 ernannt.

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