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Wie sich Krebsgeschwüre gesellschaftlicher Systeme therapieren lassen (Teil 2)

23/09/2015 08:26 CEST | Aktualisiert 23/09/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Warum das System Fußball stellenweise krank ist

Die Krebsgeschwüre gesellschaftlicher Systeme stehen derzeit im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Besonders der Weltfußballverband FIFA, von dem Transparency International umfassende Reformen fordert. Der aktuelle Korruptionsskandal zeigt, „dass der bisherige Reformweg gescheitert sei", sagt Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency Deutschland.

Als Ursache wird genannt, dass sich die FIFA bei ihren bisherigen Reformvorhaben einer unabhängigen Betreuung entzogen hat. Es braucht einen grundlegenden Neubeginn, zu dem einschneidende Reformen der bisherigen Strukturen gehören:

„Auf dem Prüfstand müssen unter anderem das Wahlsystem für das Exekutivkomitee und das bisherige Compliance-system. Das System ist lückenhaft und die Ethikkommission funktioniert nicht, wie sich am Streit um den Garcia-Bericht gezeigt hat." (Scheinwerfer. Transparency International e. V., Juli 2015)

Das Beispiel der FIFA steht stellvertretend für viele andere Systeme. Und es stellt sich die Frage, wo wir heute die Werkzeuge finden, um mit und in ihnen richtig handeln zu können. Lassen sich Systeme einfach verändern? „Wie lösen wir die zähen, lähmenden Konflikte und Blockaden, die sich so häufig wie Krebsgeschwüre in den konventionellen Organisationsstrukturen herausbilden?"

Dies ist nicht nur eine Kernfrage der Organisationskybernetik, sondern auch eine Leitfrage des aktuellen Buches „Navigieren in Zeiten des Umbruchs" von Prof. Fredmund Malik, CEO und Chairman des Malik Management Zentrum St. Gallen.

Der internationale Managementexperte schrieb bereits 2011 in seinem Blog, dass sich das heutige Finanzsystem selbst zerstören wird und verweist auch hier auf das seit über 25 Jahren „wachsende Krebsgeschwür": Shareholder Value statt Customer Value, Börsen-Wertsteigerung statt realwirtschafltlicher Konkurrenzfähigkeit, Dividenden statt Investitionen, Stock Options statt Innovationen.

Krebsgeschwür statt Pickel: Was zu tun ist

Das globale Desaster hätte nach Maliks Ansicht noch 2000 gestoppt werden können. Allerdings wurde die Entwicklung nicht verstanden. Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Versagen führt er auf falsche Theorien und untaugliches Werkzeug zurück. Ein „Krebsgeschwür" wurde „für einen Pickel" www.arnoldlicht.de (4.4.2009) gehalten.

Alles ist heute im globalen Körper komplex miteinander vernetzt: „Wenn irgendwo etwas schief geht, bricht alles zusammen, wie ein Kartenhaus, eben systemische Risiken." (FAZ net, 23.01.2009) Mit herkömmlichen Denkweisen und Methoden können solche Systeme weder verstanden noch Probleme gelöst werden.

Es braucht ganzheitliche Zugänge, die nach Malik nur die Komplexitätswissenschaften liefern. Neben der Bionik (Lehre vom Übertragen von Lösungen aus Natur in die Gesellschaft) ist es vor allem die Kybernetik (Lehre vom Funktionieren), die unverständlich, unberechenbar, non-kausal und non-linear sind.

Durch die Anwendung von Kybernetik können sie jedoch weitgehend unter Kontrolle gebracht werden. Mit den systemisch-kybernetischen Instrumenten, die Malik in seiner Organisation entwickelte, entdeckte er früh den „Krisen-Tsunami" und zeigte seinen Verlauf voraus. Auch andere haben die Herausforderungen damals erkannt.

Das WAS ist auch heute vielen Organisationen klar. Aber sie wissen nicht WIE, was beispielsweise dazu führt, dass Beschlüsse wirkungslos bleiben oder verwässerte Kompromisse sind, die Meinungs- und Willensbildung von Interessengruppen dominiert wird, Entscheidungsprozesse zu lange dauern und „der kleinste gemeinsame Nenner statt der größte Zähler" bleibt.

Mit seinen Überlegungen setzte Malik deshalb beim WIE und den dafür nötigen System- und Methodenentwicklungen an. Daraus entstand eine neue Sozialtechnologie, mit der es möglich ist, beliebig große Systeme zu bewegen und nachhaltig zu verändern.

Damit können Organisationen befähigt werden, „sich selbst zu transformieren, selbst zu regulieren und sich selbst neu zu organisieren". Dazu gehören beispielsweise innovative Kommunikationsprozesse.

Die Managementsysteme stellen die erforderliche Kompatibilität her, "die für das zuverlässige Funktionieren einer Organisation bei hoher Komplexität erforderlich ist." Funktionieren wird möglich durch Kontrolle und Kommunikation.

Erst richtiges Management gewährleistet die Lebensfähigkeit (Sustainability) von Organisationen und „Lebenstüchtigkeit von Menschen in Organisationen". Um ihre Aufgaben professionell bewältigen zu können, benötigen sie „neue Frühwarn-, Navigations- und Informationssysteme".

Die meisten Strategien von gesellschaftlichen Organisationen müssen heute wie ihre Managementsysteme neu ausgerichtet werden, damit sie schneller, aktionsfähiger und nachhaltiger werden.

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Aktuelles:

Informieren statt unterhalten: Zum Überfluss einiger CSR-Veranstaltungen

Dass im Fußball noch immer kaum verstanden wird, was richtiges CSR-Management ist, dass es nicht mit Philanthropie und ausschließlich sozialer Verantwortung, Ehrenamt und Stiftungen zu tun hat, sondern mit einen nachhaltig ausgerichteten Kerngeschäft, zeigen Kongressprogramme wie dieses: „Corporate Social Responsibility. Wie kann der Fussballsport gemeinsam mit der Wirtschaft & Politik mehr soziale Verantwortung übernehmen?" im Grand Resort Bad Ragaz Schweiz am 1. und 2. Oktober.

Hier wird in der Ankündigung damit geworben, „wie gemeinsam durch die Strahlkraft des Fußballs mehr soziale Verantwortung zugunsten benachteiligter Menschen übernommen werden kann". Das hat mit richtigem CSR-Management nichts zu tun. Sich sozial zu engagieren leitet sich aus einem gesunden Kerngeschäft und System ab, deren entscheidende Vertreter (im Sinne von Entscheidungen treffen) hier nicht zu finden sind.

Corporate Social Responsibility muss immer Kerngeschäft sein - auch im Fußball, weil sich sonst Krebsgeschwüre ausbreiten, die sich nur schwer therapieren lassen. Unter den Referenten dieses Kongresses ist auch Reiner Calmund.

Der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen erklärte einmal anlässlich der Proteste der Fans und der Kritik von Journalisten bezüglich des Trainerwechsels von Reinhard Saftig zu Dragoslav Stepanovic: „Lieber einen erfolgreichen Drecksack als Trainer, als einen lieben Jungen ohne Erfolg".

Die Logik eines kranken Systems zeigt sich auch auf und neben dem Spielfeld. Inzwischen sind die meisten Profifußballer Privatunternehmer mit einem entsprechenden Beraterstab: „Heute ist es leider so, dass die Berater ihren Jungens sagen: Ich mache aus dir einen Millionär. Sie sagen nicht: Ich mache aus dir einen guten Fußballer." Dieser Satz von Otto Rehhagel macht jeden Kongress, der CSR mit Unterhaltung verwechselt, überflüssig.

Hier gehts zu Teil 1

Literatur:

Fredmund Malik: Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten. Campus Verlag Frankfurt am Main 2015.

Jenseits von Sieg und Niederlage: Sport als gesellschaftliche Aufgabe verstehen und umsetzen. Hg. von Alexandra Hildebrandt. Springer Gabler, Heidelberg Berlin 2014.

Lesenswert:

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