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Wie Öffentlichkeit erreicht, geschaffen und verbessert werden kann

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Einfach verstehen

Sie sind Gäste in Talkshows, nehmen an Podiumsdiskussionen teil, geben Interviews und halten Vorträge. Und sie sind vor allem eines: Ex. Chefredakteure, Reporter, Marketing- und Kommunikationsexperten oder Führungsverantwortliche.

Viele von ihnen sprechen in der Öffentlichkeit mehr über das, was sie (in ihren Funktionen) waren als das, was sie wirklich sind und tun. Ihre Sätze muten druckfähig an, bleiben aber leer. Die um sich selbst kreisenden Narzissten brauchen die Öffentlichkeit wie die Luft zum Atmen, geben aber nichts wirklich Relevantes von sich, das tief- und vielschichtig ist.

Sie erkennen nicht, wie sinnlos es ist, Öffentlichkeit nur „erreichen" zu wollen, um das eigene Ego zu erwärmen oder ein aktuelles Buch zu promoten. Ihnen fehlt das, was seit den Romantikern viele gute Kommunikatoren ausmacht: der Traum, mit dem eigenen Denken und Schreiben auch Öffentlichkeit und ein großes gesellschaftliches Gespräch zu schaffen.

Für den Journalisten Frank Schirrmacher war Rudolf Augstein, der Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel", dessen Herausgeber er bis zu seinem Tode blieb, solch ein Romantiker. Er erreichte durch den „Spiegel" fast alle gesellschaftlichen Schichten vom Lehrling bis zum Universitätsprofessor. Einfachheit war für ihn die Bedingung des Verstehens.

Ob er sich mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun beschäftigt hat, ist nicht wichtig. Was zählt, ist die gemeinsame Auffassung von Verständlichkeit, der Schulz von Thun vier Schlüsselmerkmale zuordnete, die auch Augstein verinnerlicht hat:

1. Einfachheit (Verwendung geläufiger, anschaulicher Wörter und kurze, einfach gebaute Sätze)
2. Gliederung/Ordnung (die erkennbare Logik und klare Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem sowie innere Folgerichtigkeit)
3. Kürze/Prägnanz (Balance zwischen Weitschweifigkeit und einer knappen Ausdrucksweise)
4. zusätzliche Stimulanz oder Verlebendigung (kreative Formulierungen, Metaphern, Geschichten und lebensnahe Beispiele).

Kopf, Herz und Hand sowie das praktische Handeln gilt es nach Schulz von Thun - frei nach Pestalozzi - zu einer Ganzheit zusammenzufügen. Das gelingt allerdings nur, wenn man auch Freude an der Kombination verschiedener Sichtweisen und Perspektiven hat, die in ein „Ergänzungs- und Anregungsverhältnis" gebracht werden.

Getrennt und vernetzt: Intellektuelle und Unternehmer

Frank Schirrmacher liebte Öffentlichkeit und Romantik. Dass seine Eitelkeit von den Lesern nicht als störend empfunden wurde, mag mit seiner inhaltlichen Substanz zusammenhängen. Das Feuilleton war für ihn kein Gefäß, sondern Energie, „nicht romantisches Gefühl, sondern romantische Produktivität".

Wenn auch „fast immer nur auf der Ebene der Satzzeichen", wie er in seinem Beitrag über den „Zivilisationsredakteur" Karl Korn schreibt - und ihn als emphatischen, polternden und inspirierenden Herausgeber beschreibt.

Einfachheit und Bodenständigkeit auch hier: „Er muss immer etwas vom Schreiber und Setzer, vom Denker und Bauer gehabt haben" und hat aus dem Feuilleton eine „Kraft-, Wut-, Liebes- und Leidenschaftsapparatur" gebaut.

„Wenn wir auf den Markt gehen, zeigen wir uns der Welt: Das ist der Anfang jedes Wirtschaftens, der Anfang jeder Romantik." Bemerkt Tim Leberecht in seinem Buch "Business-Romantiker". Das Thema hat für ihn auch eine moralische Qualität. Denn wer empfänglich und sensibel für Gedanken, Ideen und andere Welten ist, ist auch empathiefähiger.

Dass der Sohn von Rudolf Augstein, der Journalist und Verleger Jakob Augstein, die Beiträge für den aktuellen Schirrmacher-Band „Ungeheuerliche Neuigkeiten" ausgewählt hat, bestätigt einmal mehr, dass das Romantische aus dem gesellschaftlichen Diskurs nicht verschwunden ist. Wir müssen die losen Teile, die an so vielen Stellen zu finden sind, nur wieder zusammenknüpfen.

Augstein, Schirrmacher & Co. waren in der Lage, all das in ihren Köpfen zu vernetzen. Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur waren hier nicht getrennt - und die Öffentlichkeit der „Spiegel", in dem sich alles sammelte. Da diese Romantikversteher nicht mehr am Leben sind, ist es heute schwerer, zusammen zu fügen, was zusammen gehört. Überall finden sich nur Bruchstücke. Unverbunden.

„Ein bisschen Wärme, ein bisschen Liebe" heißt beispielsweise ein aktueller Beitrag von Greta Lührs in der Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft" (6/2015), der sich mit den Insignien der Romantik (Sonnenaufgänge, Händehalten, Naturidyllen) auf Facebook, Instagram und Co. beschäftigt und auf Bücher von Otto Pöggeler („Hegels Kritik der Romantik", 1999), Isaiah Berlin („Die Wurzeln der Romantik", 2004) und Rüdiger Safranski („Romantik, eine deutsche Affäre", 2004) verweist.

In den Wirtschaftsmagazinen wiederum erscheinen die Rezensionen zum Leberecht-Buch, das im philosophischen Kontext allerdings nicht erwähnt wird. Wenn Öffentlichkeit und Welt verbessert werden sollen, muss auch ein solches Thema mehr in seiner Tiefe und Breite kommuniziert werden, muss ein neues Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass wir andere Formen von Öffentlichkeit brauchen, die sich auch an der Romantik orientiert und zeigt, dass es mehr als Kerzenschein und Vernebelung der Wirklichkeit ist.

Romantik ist etwas sehr Realistisches und hat nichts mit Weltfremdheit zu tun - im Gegenteil: „Romantiker lieben den Kontakt und die Auseinandersetzung. Der bestmögliche Raum für diese Art von Abenteuern bleibt die Öffentlichkeit. Von Charles Kane zu Rudolf Augstein zu Jeff Bezos oder auch Mark Zuckerberg", schreibt Tim Leberecht (Mail vom 30.09.2015).

Elon Musk und die neuen Öffentlichkeitsarbeiter

Es ist für Tim Leberecht kein Zufall, dass innovative Unternehmer immer auch gern „Öffentlichkeitsarbeiter" sind, weil sie sich dadurch direkt an der Welt reiben können. Einerseits sind sie introvertiert und „schwelgen in ihrem eigenen Seelenleben", andererseits sind sie „Macher, die sich nach Ideen und einschneidenden Erfahrungen sehnen."

Das beste Beispiel dafür ist Tesla-Gründer Elon Musk. Schon als Kind war er neugierig, energiegeladenen und ein „Informationsfresser". Er hatte schon damals die Fähigkeit, Mengen an Informationen aufzunehmen und sich detailliert an sie zu erinnern.

Seine Mutter fand ihn brillant und frühreif: „Er schien Sachen schneller zu begreifen als die anderen Kinder". Sie konnten vor ihm Hampelmann machen oder ihn anbrüllen, doch er bemerkte es nicht, sondern dachte einfach weiter, so dass alle um ihn herum davon ausgingen, dass er unhöflich oder einfach nur merkwürdig ist.

Wenn er heute zu jemandem spricht, macht er häufig Pausen und sucht nach den richtigen Worten. Er plaudert gern über abseitige wissenschaftliche Themen, auch wenn ihm viele Zuhörer oft nicht folgen können.

Einfachheit ist seine Sache nicht, was vor allem auf seine innere Verdrahtung zurückzuführen ist. Das drückt sich auch im Großen aus: So hängt jedes seiner Unternehmen kurz- oder langfristig gesehen mit den anderen zusammen:

„Tesla produziert Batteriepacks, die SolarCity an Endkunden verkauft. SolarCity liefert die Solarmodule für die Tesla-Ladestationen, sodass Tesla den Fahrern kostenloses Aufladen anbieten kann. Neue Model-S-Besitzer entscheiden sich oft konsequent für den Musk'schen Lifestyle und rüsten ihr Haus mit Solarmodulen auf. Auch Tesla und SpaceX unterstützen sich gegenseitig. Sie tauschen Wissen über Materialien, Fertigungsverfahren und die Feinheiten des Betriebs von Fabriken aus, in denen die beiden Unternehmen so viel in Eigenregie entwickeln und produzieren."

Die meisten, die mit ihm arbeiten, bezeichnen Musk als intelligenten, aber sehr getriebenen Menschen mit einem großen Ego. „Einmal erwähnte jemand, er könne zum ‚Man oft he Year' des Time-Magazins werden, und man konnte sehen, wie er auflebte."

Die Öffentlichkeit stärkt ihn in seiner Überzeugung, dass er der Mann ist, der die Welt positiv verändern kann. An seiner Person zeigt sich das Wesen der Romantiker: das Zerrissene, Geniale, das Nachhaltige und Machbare, das Sichtbare und Verborgene.

In ihrem Buch „Kommunikation als Lebenskunst" sprechen Friedemann Schulz von Thun und Bernhard Pörksen weder von Romantik noch von Elon Musk oder Tim Leberecht. Aber sie beschreiben das, was alle miteinander verbindet - und was Romantik im Leben eines Menschen bedeutet:

Er trägt das Bewahrende in sich, hat das Bedürfnis nach Beständigkeit, Sesshaftigkeit und Struktur, möchte aber auch „zu neuen Ufern aufbrechen und sich spontan verändern, besitzt also gleichzeitig Wurzeln und Flügel". Es gibt kein Entweder-oder-Schema.

Worauf es ankommt, ist „die individuelle Verbindung des Verschiedenen" (Bernhard Pörksen). Das zu vermitteln ist und bleibt Aufgabe kluger Öffentlichkeitsarbeiter, die sich selbst jeden Tag neu erschaffen.

Literatur:

Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten. Texte aus den Jahren 1990 bis 2014. Blessing Verlag, München 2014.

Bernhard Pörksen / Friedemann Schulz von Thun: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2014.

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015.

Ashlee Vance: Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX. Wie Elon Musk die Welt verändert. Die Biografie. FinanzBuch Verlag, München 2015.

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