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Wie Industrie 4.0 den Produktionsstandort Deutschland prägt

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Interview mit Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. und Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe

Wie prägt Industrie 4.0 heute den Produktionsstandort Deutschland?

Dirzus: Industrie 4.0 ist sicher der wichtigste Trend, der die Wirtschaft in Deutschland seit einigen Jahren prägt und auch in Zukunft noch prägen wird. Die erste Runde im Kampf um die Vorherrschaft bei der Digitalen Transformation ging jedoch an Internet-Giganten wie Amazon & Co sowie an Start-ups allen voran aus den USA. Den Deutschen fehlt zwar nicht die Kompetenz in den Technologien oder der Geschwindigkeit ihrer Innovation oder Weiterentwicklung, wohl aber eine in Unternehmen verstandene Kundenorientierung sowie die den US-amerikanischen Unternehmen eigene Leichtigkeit und Geschwindigkeit, um auf latente Kundenwünsche flexibel und schnell genug zu reagieren.

Was müssen wir in Deutschland noch lernen?

Dirzus: Transparent für alle Mitarbeiter und zentral in Unternehmen verankerte Customer Insights, eine durchgängige Schulung des Denkens in Geschäftsmodellen und die Orientierung an Moonshots (dynamisch) - und nicht an Leuchttürmen (statisch) sind sicherlich Dinge, die wir noch lernen müssen.

Hier gibt es auch in Deutschland gute Beispiele einiger (weniger) erfolgreicher Vorreiter in der Industrie, an denen wir uns orientieren könnten, doch liefern in diesen Zeiten gerade die gefüllten Auftragsbücher und die anhaltend gute Konjunktur für die meisten Unternehmen keinen Grund, sich zu verändern - das wird sich irgendwann rächen. Die Plattform Industrie 4.0, das LNI4.0 (Labs Network Industrie 4.0 e.V.), ZIM (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand des BMWi), die Kompetenzzentren und weitere Initiativen, die den zum Teil immer noch abwartenden Mittelstand unterstützen wollen, nutzen nichts, wenn sie nicht aktiv von den KMU aufgegriffen werden.

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Dr.-Ing. Dagmar Dirzus (Copyright: VDI)


Inwiefern unterstützt der VDI diese Entwicklung?

Dirzus: Wir im VDI stellen alle mit unseren ehrenamtlichen Experten erstellten Statusreports zu Industrie 4.0, angefangen von technischen und normativen Lösungen, zum Beispiel zu RAMI4.0, Durchgängigem Engineering, zu Informations- und Kommunikationstechnologien, zu Geschäftsmodellen für die Industrie 4.0 und zum Wandel der Arbeit kostenfrei zum Download zur Verfügung. Wir betreiben auf breiter Basis Aufklärung zur Digitalen Transformation - aber auch wir können KMU nur bedingt zur „Aufholjagd" bewegen.

Welche Änderungen sind angesichts der Digitalisierung auch in Produktionsumgebungen zu erwarten?

Weissenberger-Eibl: Vor allem im Industriebereich und bei Routinearbeiten wird die Automatisierung und Vernetzung von Maschinen und Prozessen die Zukunft prägen. Zum Einsatz kommen etwa sensorgesteuerte Maschinen und Roboter in Produktionsstraßen, On-Demand-Logistik mit automatisierter Lagerverwaltung und Lieferdrohnen oder Roboter in Arbeitsumgebungen und -situationen, die für Menschen gefährlich wären. Vor allem solche gefährlichen Orte werden also seltener Arbeitsplätze sein.

Laut einer Studie des Fraunhofer ISI zum Thema Robotik, die für die EU-Kommission erstellt wurde, wird der Einsatz von Industrierobotern voraussichtlich zu mehr Effizienz und Produktivität bei Arbeits- und Produktionsprozessen führen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Wichtig ist dabei zu wissen, dass Unternehmen mit Industrierobotern weitaus seltener Produktionskapazitäten auslagern - Automatisierung und Digitalisierung können also dazu beitragen, Produktionskapazitäten sowie Kompetenzen und damit Arbeitsplätze in Deutschland und Europa zu halten.

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Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Welche regulatorischen Rahmenbedingungen sind für Industrie 4.0 erforderlich?

Dirzus: Keine regulatorischen Rahmenbedingungen! Wir wollen Industrie 4.0 schnell und ganzheitlich verbreiten und Unternehmen keine Barrieren bauen. Wenn überhaupt, geht es hier um gemeinsame Standardisierungsanstrengungen aller großen Regelsetzer wie DIN, VDI und auch international, um sichere Rahmenbedingungen und damit Investitionsschutz zu schaffen. Hier sind wir ganz vorne dabei.

Weissenberger-Eibl: Keine Barrieren aufzubauen ist aus meiner Sicht ein zentraler Punkt. Industrie 4.0 greift aus Sicht der Innovationsforschung die Industrie-4.0-Agenda zu kurz. Um Industrie 4.0 in seiner gesamten Tragweite in Deutschland nachhaltig voranzubringen, sollte sie um zwei Felder erweitert werden:

1. Konsequentere Berücksichtigung der Nutzerperspektive und neuer Anwendungsfelder

In der aktuellen Industrie-4.0-Debatte werden die Anbieter-Nutzer-Beziehungen und die sich daraus ergebenden Potenziale noch zu wenig thematisiert. In vielen Studien und Stellungsnahmen wird ein einfacher linearer Ansatz zugrunde gelegt, der die Nutzer als reine Empfänger neuer Technologien betrachtet. Dieser ist aus Sicht der Innovationsforschung und einer nachfrageorientierten Innovationspolitik nicht mehr angemessen. Vielmehr sollten spezifische Wechselwirkungen zwischen Anbietern und verschiedenen Nutzer-/Anwenderbedarfen berücksichtigt und die entsprechenden Umstellungen sorgfältig in etablierte Prozesse eingepasst werden. Eine derartige Perspektiverweiterung von Industrie 4.0 hat den Vorteil, dass auch völlig neue Anwendungsbereiche und Geschäftsmodelle in den Blick kommen, die bisher aufgrund der bislang vorherrschenden Fixierung auf Effizienzgewinne verstellt sind.

2. Thematische Ausweitung über den eigentlichen Produktionskontext hinaus

Informationstechnische Vernetzung, Automatisierung und Steuerung mit Hilfe von sensorgenerierten Daten und Big-Data-Analysen sind Aspekte der Digitalisierung, die nicht nur den Produktionsbereich betreffen. Auch in vielen anderen Bereichen (z.B. Energie, Verkehr, Logistik, Gesundheit, Bildung oder öffentliche Verwaltung) wird die Digitalisierung als Megatrend in den kommenden Jahren zu weiteren tiefgreifenden Veränderungen führen. Aus Sicht der Innovationsforschung sind insbesondere Lern- und Skaleneffekte von Interesse, die sich aus der Verkettung und Kombination verschiedener Bereiche bzw. Wissensbestände ergeben.

Weshalb bedarf die Verknüpfung von Industrie 4.0 und nachhaltiger Entwicklung eines neuen Wirtschaftsverständnisses?

Dirzus: Derzeit haben wir in Deutschland seit vielen Jahren sehr erfolgreich etablierte, vertikale Märkte. Diese sind geprägt von hohem Vertrauen und zumeist langjährigen Wirtschaftsbeziehungen. Um jedoch schnell und punktgenau auf Märkte und sich ändernde und latente Kundenwünsche reagieren zu können, ist es erforderlich, dass nicht nur der OEM und allenfalls der TIER1 den Kunden kennen.

Weissenberger-Eibl: Die nachhaltige Entwicklung eines neuen Wirtschaftsverständnisses möchte ich nachdrücklich unterstreichen und noch einen Aspekt, der über die Kunden- und Lieferantenbeziehungen hinausgeht, aufwerfen. Zwei Punkte sind mir sehr wichtig, die meines Erachtens bis heute nicht ausreichend beleuchtet werden, aber weitreichende Konsequenzen für das nationale, aber auch internationale Agieren von Deutschland hat.

1. Neue Qualität: Nachhaltigkeit als Indikator für Leistungsfähigkeit:

Der nachhaltigen Entwicklung - konkretisiert an den Sustainable Development Goals wird national wie global ein hoher Stellenwert im politischen Diskurs eingeräumt. Dennoch sind objektiv in zentralen Bereichen wie der CO2-Emission kaum Änderungen zu verzeichnen. Ein „Weiter so" wird nicht genügen, um eine nachaltige Entwicklung im Sinne der Sustainable Development Goals zu erreichen. Die Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit müssen eine neue Qualität erlangen: Nachhaltiges Handeln sollte die Potenzialträger und leistungsfähigsten Akteure auszeichnen - auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher ebenso wie auf globaler Ebene. Nachhaltigkeit eine spannende Zukunftsaufgabe wie Eisenbahnbau oder Mondlandung.

2. Neues Wachstums-Dilemma auflösen

Nach wie vor besteht ein entscheidender Zielkonflikt hinsichtlich Wachstum und Nachhaltigkeit. Im 20. Jahrhundert stand das Wachstumsziel im Vordergrund insbesondere, um den Wohlstand zu fördern. Heute geht es vermehrt darum, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu fördern, um Handlungsspielräume zu erhalten - auch auf globaler Ebene im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit. In Zukunft kommt es daher bei Wachstum darauf an, eine Mehr an struktureller Stärke wie Flexibilität, Adaptionsfähigkeit und Potenzial sicherzustellen, anstatt ein Mehr an Waren und Dienstleistungen.

Vielen Dank für das Gespräch.