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Wie im Film: Der ideale Garten als Inszenierung des Lebens

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GARDEN
SbytovaMN via Getty Images
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Während das Urban Gardening auf Dächern und Hochhauswänden Gemüse und Blumen sprießen lässt und die Vielfalt der Pflanzenarten in die Stadt holt, wird der Garten andernorts gleichzeitig zu einem Refugium, das sich nur die wenigsten Menschen leisten können. An diesem Sehnsuchtsort 21.0 ist das Grün möbliert mit XXL-Mobiliar, Wellnessoasen und Outdoorküche, die Anlagen sind voluminös angelegt und die Pflanzengruppen inszeniert. Von der Freude am Gärtnern selbst ist allerdings kaum etwas spürbar. Es fehlt zuweilen an echter Gartenkultur - es geht um zeigen statt bleiben.

Wenn der ideale Garten jedoch von klugen Lebenskünstlern angelegt wird, mag dies zuweilen dekadent wirken, doch die Form sagt etwas über ihr Denken und inneres Wachstum aus. Das gute Leben zeigt sich hier als Haltepunkt, der zwar nur für einen Wimpernschlag der Geschichte reicht, aber die Symbolik in flüchtigen und krisengeprägten Zeiten überdauert. Es ist ein Schein des Paradieses, aus dem wir uns nicht noch einmal vertreiben lassen sollten. #

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Landwirtschaft (cultura agri) und Pflege des Geistes (cultura animi) gehören zusammen. Der 2015 verstorbene Regisseur Helmut Dietl lebte mehr für seine Werke - Leben war für ihn Kulturarbeit: „den Rohstoff zu sammeln, aus dem man Filme und Fernsehserien macht". Damit verbunden war allerdings kein asketisches Leben, sondern eines in Fülle. Mit dem guten Leben verband er Anspruch und Herausforderung - und sein barockes Verhältnis dazu.

Gewissermaßen war er selbst ein barocker Mensch, der bewusst und sinnlich lebte. Kunst war für ihn gestaltetes Dasein, geordnete Sinnlichkeit. Den Tod hat er als äußersten Moment des Lebens begriffen, der immer noch der Kunst des Lebens (Ars Vivendi) zugehört. In ihr verbinden sich die Kunst des Liebens (Ars Amandi) und die Kunst des Sterbens (Ars Moriendi).

Lust und Tod sind Geschwister - im Glanz des Luxus und der Feiern spiegeln sich die Zeichen der Vergänglichkeit. Im Barock verkörpert sich ein Werden, nicht das Befriedigte, sondern das Unbefriedigte und Ruhelose, das Dietls Wesen ausmachte.

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Im Januar 1999 kaufte er sich ein Haus auf dem Land, in Eichenried - eine halbe Stunde nördlich von München. Dietl träumte vom idealen Garten und ließ einhundert große Obstbäume pflanzen, was ihn ein Vermögen kostete. Auch sein Garten in Roquefort-les-Pins mit den symmetrisch gepflanzten Zypressen und Olivenbäumen hatte etwas von einer barocken Theaterkulisse. Helmut Dietls idealer Garten konnte - wie das ideale Leben - nur eine „Inszenierung" sein.

Es ist der Versuch zu leben ohne sich zu verlieren. Ein exklusives Refugium, auf das wir auch heute nicht verzichten können.

Weitere Informationen:

„Der ewige Stenz". Helmut Dietl. Und sein München. Literaturhaus München. München Hefte Nr. 9/2016.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.Ă  r.l. Kindle Edition 2017.

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