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Wie Deutsche im Senegal Schilfrohr ernten und die Welt verbessern

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REED
Kiriko Shirobayashi via Getty Images
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Die Unternehmerin Heidi Schiller möchte im Senegal nachhaltig wirtschaften und mit ihrer Firma KAITO dafür Schilfrohr ernten. Für dieses Projekt wird sie im Herbst ihr Amt als Vorsitzende der Münchner Grünen aufgeben.

Die kleine AG ist seit zehn Jahren mit Projekten der ländlichen Entwicklung im Senegal tätig und wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. Deutscher Solarpreis 2009, Ausgewählter Ort in „Deutschland - Land der Ideen 2011", sea - Sustainable Entrepreneurship Award 2012 und #SocEntBY 2016 Award.

Der Ehemann von Heidi Schiller ist auch geschäftlich ihr Partner. Die beiden Kinder, 11 und 13 Jahre alt, sind daran gewöhnt, dass oft ein Elternteil unterwegs ist. Sie werden schon früh ins gesellschaftliche Engagement eingebunden.

„Wir haben Dörfer mit Strom versorgt - und zwar ohne Netz mit Solarenergie. Zuletzt haben wir herausgefunden, dass Typha Australis ein super Baustoff wäre - und auch sonst ein Multitalent", sagt sie.

Typha Australis ist ein Schilfrohr, das am Senegal-Fluss wie Unkraut wächst. Jährlich werden es 10 bis 15 Prozent mehr.

„Wenn man nur den Zuwachs ernten würde, würde das wahrscheinlich reichen, um eine erste Produktionseinheit mit Typha-Rohmaterial zu versorgen. Dieses Schilfrohr wuchert im Senegal-Fluss Schifffahrtswege zu und bedroht sogar die Trinkwasserversorgung der senegalesischen Hauptstadt Dakar", so Schiller.

In den vergangenen zwei Jahren war KAITO vom Senegalesischen Umweltministerium damit beauftragt, Prototypen für Baustoffe aus Typha zu erstellen. Kooperiert wurde mit Partnern in Österreich, Tschechien und Spanien. Sie hatten die Erfahrung, wie aus Hanf oder Stroh Baumaterialien entstehen. Mit ihnen entstanden Bausteine, Platten für den Fertigbau und einige Ideen außerhalb von Baustoffen, wofür die „Reste" noch so gut sein könnten.

Typha ist für Heidi Schiller „ein Wunderding", denn daraus lässt sich auch Fischfutter machen oder Spanplatten für Kleinmöbel. Aus den Spanplatten könnte man, „weil Typha so gut dämmt, auch Kühlboxen bauen, aus den Fertigbauplatten sogar ganze Kühlhäuser, die nur noch ganz wenig Solarenergie bräuchten und überall stehen könnten", sagt die Unternehmerin.

Bislang wird Typha nur handwerklich und im kleinen Rahmen genutzt, aber nicht industriell. Um hier ansetzen zu können, braucht es eine effiziente Erntemethode, die es allerdings noch nicht gibt.

Heidi Schiller war sofort begeistert von der Idee, aus dem Schilfrohr Häuser zu bauen. Dafür sind etwa 240 Tonnen frisches Typha notwendig. Von Hand zu ernten ist keine Option, zumal Material für viele Häuser notwendig ist.

Es ist ihre Vision, jeden Tag ein preiswertes Öko-Haus für Menschen im Senegal herzustellen und eine wirtschaftliche Perspektive in Ernte und Produktion zu haben.

Die Vögel leiden unter dem Schilf: So warnte der WWF kürzlich davor, dass der Djoudj-Nationalpark im Norden Senegals zuwuchert. Er bildet das drittgrößte Vogelreservat der Welt und ist Weltnaturerbe der UNESCO.

Vor lauter Typha sehen die Vögel das Wasser nicht mehr und machen deshalb dort nicht mehr Rast. Ein Vogelpark ohne Vögel ist nicht nur für die Tiere problematisch, sondern auch für Menschen, denn der Djoudj-Park ist wegen der Tiere eine Touristenattraktion.

Bleiben die Zugvögel weg, kommen auch kaum noch Touristen, und eine wichtige Einnahmequelle für die Senegalesen versiegt.

Viele Menschen dort wissen nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen, bestätigt die Unternehmerin:

„Natürlich sehen sie deshalb keine Chancen für sich. Sie verlassen das Land, kommen als Flüchtlinge nach Europa. Kein Mensch flieht ohne Grund aus seiner Heimat. Nur wenn einer keinen Job und nicht genug zum Leben hat, dann ist das eben ein Grund!"

Vor wenigen Wochen wurde ein Crowdfunding für SENtypha (so tauften sie ihr Projekt) gestartet, und die Beteiligung ist enorm.

Heidi Schiller und ihre Partner möchten Perspektiven vor Ort entwickeln, die Hilfe zur Selbsthilfe sind: Denn wer Häuser (mit nachhaltigen Mitteln) baut, gestaltet auch seine Zukunft.

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