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Wie der Kollaps unseres Planeten verhindert werden kann

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Matthew Salacuse via Getty Images
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„Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen"

1991 fragten drei Deutschbanker bei einem Sozialethiker am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität an, wie mit „gutem Gewissen" am Kapitalmarkt Gewinne zu erzielen seien. Hintergrund war, dass sich zwar einerseits ethisch motivierte Investoren diese Frage stellten, andererseits aber hatten institutionelle Anleger (z.B. Kirchen) bei der Deutschen Bank (und anderen) Geld in zweistelliger Milliardenhöhe angelegt ohne zu wissen, was damit geschah - ob möglicherweise der Schaden, der durch die Anlage entstand, größer war als der Nutzen.

In der Folge kam der Schutz der Gemeingüter in den Blick, die Forderung, den Wettbewerb zu gestalten und die Frage, wie Externalisierung zurückgedrängt werden kann.

Im folgenden Interview erklärt Gerhard Hofmann, was Externalisierung heute bedeutet, welche Gesetzesveränderungen ein nachhaltiger Wettbewerb braucht und was uns hilft, unser Denken zu erneuern.

Gerhard Hofmann, Jahrgang 1948, ist Geschäftsführer der Agentur Zukunft und war bis 2008 Chefkorrespondent von n-tv und RTL. Heute ist er Mitglied der Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating www.ethisch-oekologisches-rating.org/ und im Beirat der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte. Er arbeitet als Berater im Bereich der Erneuerbaren Energien und Nachhaltigen Entwicklung, u.a. für die Max-Plank-Gesellschaft und acatech - Akademie der Technikwissenschaften.

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Copyright: Gerhard Hofmann

Interview mit Gerhard Hofmann:

_ Herr Hofmann, was bedeutet Externalisierung, und weshalb müssen die Rahmenbedingungen für einen zukünftigen Wettbewerb verändert werden?

Es bedeutet, dass Kosten nicht selbst getragen, sondern - legal - auf die ungeschützte Außenwelt, die Gemeingüter, abgewälzt werden. Die Abwälzung besteht in der Unterlassung von Aufwendungen, die nötig wären, um Schädigung oder Verbrauch eines Gemeinguts zu vermeiden oder zu kompensieren.

Ein Gemeingut wird dann geschädigt, wenn es durch Produktion oder Konsum über das Maß hinaus abgenutzt wird, das es durch Regeneration selbst ausgleichen kann. So werden die Meere überfischt, Bodenschätze hemmungslos ausgebeutet, die Atmosphäre durch Emission von Schadstoffen vergiftet, Ökosysteme dem Gewinnstreben geopfert. Externalisierung zehrt die ökologische Widerstandsfähigkeit aus, vernichtet die Vielfalt des Lebens, schädigt die naturgegebene Fruchtbarkeit.

Daher müssen die Rahmenbedingungen für einen zukunftsfähigen Wettbewerb verändert werden. Denn der Ressourcenverbrauch überschreitet von Jahr zu Jahr schneller die globale Biokapazität. Ein Parameter für diesen - fortschreitenden - Prozess ist der „Earth Overshoot".

_ Warum ist der Earth Overshoot Day für Sie die „Marke des Raubbaus"?

Der sogenannte Earth Overshoot Day bezeichnet den Tag des Jahres, an dem die Ressourcen fürs laufende Jahr eigentlich aufgebraucht sind - man kann ihn auch den ökologischen Fußabdruck des Menschen pro Jahr nennen. Er zeigt die Aufzehrung der globalen Gemeinschaftsgüter in Jahreszyklen an und ist damit eine Art Maß für die Überschreitung der Biokapazität der Erde.

Anschauliches Beispiel ist der Earth Overshoot Day deshalb, weil er im Kalender immer weiter nach vorne rückt. Fiel er 1987 noch auf den 19. Dezember, war er 1993 schon auf den 21. Oktober vorgerückt, 2012 fiel er auf den 22. August und 2016 schließlich auf den 8. August.

An diesem Tag waren die Ressourcen erschöpft, zu deren Erneuerung die Erde ein ganzes Jahr braucht. Ab diesem Zeitpunkt begeben wir uns in den „ecological overshoot" (vgl. www.footprintnetwork.org). Der EOD markiert also den Tag, an dem wir beginnen, über unsere jährlichen natürlichen Ressourcen hinauszugehen, d.h. wir beginnen, unsere Ressourcenvorräte abzubauen - kurz: wir treiben Raubbau an unseren Vorräten und den unserer Nachkommen. Wir leben auf deren und sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen.

_ Die Marktordnung verlangt im Wettbewerb immer stärker von den Unternehmen, Risiken und Kosten auf Gemeinschaft und Umwelt abzuwälzen (zu „externalisieren"), wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen. Was bedeutet das konkret?

Durch die Externalisierung von Kosten, durch den Raubbau an den Ressourcen werden Gewinne erhöht und Wettbewerbsvorteile erzielt. Diese Praxis ist zu einem wichtigen Wachstumsmotor geworden. Kaum ein Unternehmen ist frei von diesem Wettbewerbszwang.

Externalisierung von Kosten ist somit das Gegenteil von Nachhaltigkeit. „Extern" sind ungeschützte Gemeingüter wie Atemluft, Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit, Fischreichtum, Klimasystem, Rohstoffvorkommen, Trinkwasser - auch Arbeitskräfte und kulturelle Güter. Nachhaltigkeit verlangt, dass sie auch für künftige Generationen verfügbar bleiben. Wer sie nutzt, muss sie entweder so schonend behandeln, dass sie sich selbst regenerieren können, oder mindestens im gleichen Maß der Abnutzung wiederherstellen bzw. gleichwertigen Ersatz leisten - kurz: Erhaltungs- oder Ersatzinvestitionen tätigen.

_ Der Wettbewerb soll also nicht abgeschafft, sondern zukunftsfest gemacht werden?

Ja, das ist jedoch nur möglich durch Zurückdrängung der Externalisierung, durch Internalisierung externer Kosten - kurz durch nachhaltige Entwicklung. Dazu schlägt die Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating einige Gesetzesveränderungen vor.

_ Welche Gesetzesveränderungen braucht es für einen nachhaltigen Wettbewerb?

• Der Artikel 14 des Grundgesetzes sollte durch den Begriff „Nachhaltigkeit" bzw. Naturverträglichkeit ergänzt werden: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll nachhaltig zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

• BGB: Die beliebige Verfügung über das Privateigentum nach § 903 des Bürgerlichen Gesetzbuchs sollte unter den Vorbehalt gestellt werden, dass keine Kosten auf das Natur- und Sozialkapital abgewälzt werden.

• Externalisierung sollte in die verbotenen Wettbewerbshandlungen des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb aufgenommen werden. Ein neuer Absatz sollte bestimmen, dass auch derjenige unlauter handelt, der sich durch Abwälzung von Kosten auf Umwelt und Gesellschaft Vorteile gegenüber Mitbewerbern verschafft.

• GWB (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung): Flankierend sollten Vereinbarungen zwischen Unternehmen, die einander eine Internalisierung bestimmter von ihnen bisher abgewälzter Kosten zusichern, vom Kartellverbot ausgenommen werden.

• AktG: Im Aktiengesetz und im Deutschen Corporate Governance Kodex sollten die Unternehmensvorstände auf den Schutz der naturgegebenen und der gesellschaftlichen Gemeingüter verpflichtet werden, die unsere Lebens- und Produktionsgrundlagen bilden - des Natur- und Sozialkapitals. Dabei muss sichergestellt sein, dass die „Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters") nicht verletzt wird, wenn er etwa Umweltschutzinvestitionen anordnet, die Arbeitsbedingungen verbessert oder durch Arbeitszeitverkürzung Entlassungen vermeidet.

• KWG und InvG: Ins Kreditwesengesetz und ins Investmentgesetz muss die Verpflichtung zu einer zertifizierten Anlageberatung aufgenommen werden, welche die Investoren darüber informiert, ob Anlageprodukte natur- und sozialverträglich sind. Erst dadurch kann ethische Geldanlage mit der Zeit zur allgemeinen Norm werden.

• Schließlich sollte die EU entsprechende Richtlinien erlassen, indem sie die „Schwarze Liste" der Richtlinie 2005/29/EU über unlautere Geschäftspraktiken im Binnenmarktverkehr um das Verschweigen von Externalisierungspraktiken ergänzt.

Weitere Informationen:


Blog Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating (Goethe Universität Frankfurt)

Johannes Hoffmann: Systemänderung oder Kollaps unseres Planeten. Erklärung der Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating der Goethe-Universität Frankfurt - Arbeitskreis Wissenschaft. Altius Verlag 2016.

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