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Wie CSR-Manager ihrer Berufung folgen: Interview mit Andrea Lachmuth

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Interview mit der CSR-Managerin und Kommunikationsexpertin Andrea Lachmuth

Frau Lachmuth, wann sind sie mit dem Thema Nachhaltigkeit das erste Mal bewusst konfrontiert worden? Und was hat dies in Ihnen ausgelöst?

Grundlegend geprägt hat mich ein einjähriger Aufenthalt in Lateinamerika mit Anfang 20. Danach war meine Entscheidung klar, Lateinamerikanistik zu studieren. Ich habe viel Zeit in Peru, Ecuador und Bolivien verbracht, Spanisch studiert, bin gereist und habe mir im andinen Hochland Entwicklungshilfeprojekte angeschaut.

Was haben Sie gelernt?

Dass beispielsweise bereits ein Glas Milch pro Kind und Schultag eine erste und grundlegende Chance für Bildung bedeutet. Eiweiß fördert die organische Gehirnentwicklung und ist grundlegend für die Lernfähigkeit von Kindern. Das hat mich nachhaltig beeindruckt und für Beziehungszusammenhänge von entwicklungspolitischen Fragestellungen sensibilisiert. Vor 30 Jahren war die Welt in Peru sozusagen noch im ökologischen Gleichgewicht, jedenfalls im Vergleich zur Gegenwart.

Heute bedrohen Klimawandel, Abschmelzen der Gletscher, Flächenverbrauch für Lebensmittelmonokulturen für Exporte das ökologische Gleichgewicht und den Frieden im Land. Früher haben hier die andinen Kleinbauern Kartoffeln, Mais und Quinoa für die Eigenversorgung angebaut. Wenn ich im Winter in einem Supermarkt in Deutschland einkaufe, sind die Gemüsetheken mit frischem Spargel, Erbsenschoten oder Bohnen gefüllt. Produziert in Entwicklungsländern wie Peru und der ganzen Welt bedienen die Agrarprodukte die Nachfrage der Konsumenten in Industrieländern. Ich als Verbraucher entscheide aber darüber mit, ob ich diese Lebensmittel kritiklos einkaufe, oder ob ich bevorzugt saisonal verfügbare Lebensmittel aus regionalen Kreisläufen einkaufe!

Bleiben wir bei Peru: Minengesellschaften in Cochabamba beuten die Rohstoffe des Landes aus, verunreinigen das Grundwasser und hinterlassen ökologische Wüsten. Beschäftigt Sie das Thema?

Ja, leider wird der Protest der lokalen Bevölkerung nicht gehört. Gegenwärtig ist Peru zum beliebtesten Reiseland in Südamerika geworden, die Tourismuszahlen steigen. Im Tal der Inka (Urubambatal) wird ein internationaler Airport gegen den Willen der lokalen Bevölkerung gebaut. Damit werden noch mehr Menschen in ökologisch sensible Zonen geholt. Wachsende Globalisierung, weltweite Handelsströme, Freihandelsabkommen und zunehmender Massentourismus belasten die Systeme und die Menschen. Ist das zukunftsfähig? Wenn Nachhaltigkeit bedeutet, eine WIN-WIN-Situation für alle Beteiligten zu schaffen, dann sind die externen Kosten für Umwelt und Entwicklung nicht berücksichtigt. Es braucht deshalb den Diskurs von Naturwissenschaftlern, politischen Weltgemeinschaften wie der UNO, Nichtregierungsorganisationen und Politikern über Ressourcenknappheit und die Zukunftsfähigkeit wirtschaftlichen Handelns.

Von der Lateinamerikanistik wechselten Sie familiär bedingt auf das Studienfach Politikwissenschaften, hatten aber immer noch den Fokus auf Entwicklungspolitik. Wie ging es weiter?

1996 schloss ich mein Studium mit der Magisterarbeit "Das Leitbild des Sustainable Development in der Agenda 21 - Umsetzungsmöglichkeiten auf lokaler Ebene" ab. In meiner anschließenden Elternzeit habe ich mich zuerst ehrenamtlich engagiert und gab Vorträge zur Agenda 21 an der VHS. Die Lokale Agenda 21 wurde in Rathäusern, Beiräten und Aktionsgruppen diskutiert und mit lokalen Aktionen öffentlich gemacht. Ich leitete den „Eine Welt Arbeitskreis" der Lokalen Agenda 21 in Erlangen, und wir sensibilisierten auf Plakatwänden für faire Nord-Südbeziehungen und setzten uns für die „Clean Cloth Campaign" und Transfair-Produkte wie Kaffee ein. Die öffentliche Reichweite lokaler Gruppen und NGOs war in den 90er Jahren relativ begrenzt, und das Agenda21-Leitbild von „Global denken, lokal handeln" wurde im Alltag eher als Konsumverzicht interpretiert, und das Verständnis und die Resonanz in der lokalen Bevölkerung war relativ schwach.

Sie bezeichnen sich als Kind der Agenda 21. Was bedeutete dies für Ihren Werdegang?

Nach einer Weiterbildung zur Medienwirtin 1999 war ich als PR-Beraterin in einer Kommunikationsagentur bei dem Aufbau der Dachmarke „Original Regional" zur Förderung von Direktvermarktern und regionalen Wirtschaftskreisläufen in der Metropolregion Nürnberg projektmäßig eingebunden. Seit 2002 bin ich selbständige Kommunikationsberaterin. Ich habe für Familienunternehmen wie die Martin Bauer Gruppe (Global Player für Kräuter- und Früchtetee- und extrakte) von 2002 bis 2007 und für die Onlineprinters von 2009 bis 2015 die internationale Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aufgebaut und die Mitarbeiterkommunikation begleitet. Seit 2010 berate ich auch das klimaneutrale Creativhotel Luise in Erlangen, das ein Leuchtturmprojekt im Bereich Nachhaltigkeit in der Hotellerie ist.

Auf welchen inneren Fundamenten basiert Ihre Arbeit?

Mir liegt sehr daran, die Wertehaltung in Familienunternehmen und Nachhaltigkeitsleistungen in der allgemeinen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kommunikativ herauszuarbeiten. Darunter waren Projekte wie „Girls Day", „Earth Day", „Klimaneutral Drucken" oder „CO2-Fußabdruck", die das ökologische, soziale und lokale Engagement thematisch einbinden. Mit der Etablierung von CSR als allgemein anerkanntes Managementkonzept sehe ich ganz neue Möglichkeiten, Nachhaltigkeitsleistungen in Unternehmen strukturiert und in eine integrierte Kommunikationsberatung einfließen zu lassen.

Von September bis Dezember 2015 haben Sie deshalb am bundeseinheitlichen IHK-Zertifikatslehrgang „CSR-Managerin" (IHK) in Nürnberg teilgenommen. Weshalb schließt sich für Sie mit Ihrer Qualifizierung der Kreis zu Ihren beruflichen Anfängen in Anlehnung an die lokale Agenda 21?

Seit der Verabschiedung der Agenda 21 bis zur CSR-Berichtspflicht 2017 habe ich mich bis heute mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. In der bisherigen CSR-Kommunikation liegen meine Schwerpunkte auf regionalen Wirtschaftskreisläufen, Ressourcenmanagement, Hotellerie und Tourismusangebote. Mit der Erfüllung der EU-Berichtspflicht ist Nachhaltigkeit jetzt politisch verordnet in Unternehmen angekommen. Ich sehe darin eine enorme Chance für den Mittelstand, das unternehmerische Potenzial von CSR zu nutzen und gezielt für Innovationen in Kernprozesse und Wertschöpfung zu integrieren.

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Thema gemacht?

Ich habe viele Unternehmerpersönlichkeiten kennengelernt, die ihre mittelständisches Familienunternehmen werteorientiert im Sinne des „Leitbildes des Ehrbaren Kaufmanns" führen und Engagement für Umwelt und Gesellschaft aus ihrem Werteverständnis als Unternehmer heraus erbringen. Was lange fehlte, war ein Managementkonzept, das Nachhaltigkeit in den Handlungsfeldern Arbeitsplatz, Markt, Umwelt und Gemeinwesen untersucht und mit Unternehmenskennzahlen verifizierbar und vergleichbar macht. Der CSR-Manager begleitet die Entwicklung einer professionellen Systematik für die Unternehmenspositionierung mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwerten.

Sie sind auch Schulungspartnerin für den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Was heißt das konkret?

Der DNK ist ein Standard für mehr Transparenz über das Nachhaltigkeitsmanagement und soll Analysten die Beurteilung nicht-finanzieller Risiken erleichtern. Dabei gehören Kommunikation und Nachhaltigkeitsberichterstattung für mich zusammen! Wir leben in einer visuellen Welt. Die Herausforderung der Kommunikation besteht darin, Nachhaltigkeit anschaulich einer breiten Öffentlichkeit zu erzählen. Sie mit Emotionen zu versetzen, Interesse zu wecken und dadurch Nachfrage zu erzeugen.

Zurück zum DNK: Welche Vorteile sind für den Mittelstand damit verbunden?

Mit dem DNK sehe ich für mittelständische Unternehmen einen einfach handhabbaren Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. „Warum soll ich Geld und Ressourcen dafür zur Verfügung stellen, ich bin nicht verpflichtet", mögen sich kleinere Firmen fragen. Es stimmt, wir reden bei Nachhaltigkeitsreportings überwiegend von freiwilligen Leistungen. Nachhaltigkeit ist in mittelständischen Familienunternehmen oft gelebte Tradition. Die DNK-Entsprechenserklärung bietet einen standardisierten Berichtsstandard, um Nachhaltigkeitsleistungen transparent und vergleichbar zu machen. Nach dem Prinzip „Comply or Explain" geht es um eine Fortschrittsberichterstattung der eigenen Nachhaltigkeitsstrategie. Keiner ist perfekt. Also Mut zur Lücke. Den CSR-Weg zu gehen, heißt Zukunft gestalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

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Foto und Copyright: Andrea Lachmuth

Andrea Lachmuth gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit. Sie ist Kommunikationsexpertin und zertifizierte CSR-Managerin. Sie arbeitet seit 2002 für die Branchen Technologie, E-Commerce und Onlinehandel sowie Tourismus im Bereich strategische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Nachhaltigkeitskommunikation und -management. Die Schulungspartnerin des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) begleitet CSR-Reportings im Rahmen einer integrierten Kommunikationsstrategie. Andrea Lachmuth studierte Lateinamerikanistik (UNI Köln), Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Romanistik (TU Braunschweig) und beschäftigt sich bereits seit 1996 mit dem UN-Leitbild des Sustainable Development und seiner Umsetzung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bis 2001 arbeitete sie in einer Kommunikationsagentur an Projekten zur Förderung nachhaltiger Regionalentwicklung.

Weitere Informationen: Alexandra Hildebrandt: CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Amazon Media EU S.à r.l.

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