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Wenn Zeit keine Wunden heilt: Neuanfang mit Ankerland

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Heimat in Ankerland

Zeit heilt nicht immer alle Wunden. Das gilt beispielsweise für psychische Traumatisierungen von Kindern und Jugendlichen, die ihren Schmerz ein Leben mit sich tragen. Auch wenn tiefe Seelenverletzungen niemals heilen, so gibt es Möglichkeiten, Schmerzen besser zu bewältigen: Einfühlsam zuhören, Verwundungen der Seele identifizieren und heilen in einer warmen und liebevollen Umgebung ohne sterile Krankenhausatmosphäre ist das Anliegen des Ankerland Trauma-Therapiezentrums, das im April 2016 die Türen in Hamburg-Eppendorf öffnete. Das war der Startschuss für das bundesweit einzigartige Therapieangebot.

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Copyright: Ankerland e.V.

Hier geben spezialisierte Fachkräfte wie Psychotherapeuten, Musik-, Kunst-, Physio- und andere Therapeuten ihr Bestes.

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Kunsttherapie (Copyright: Ankerland e.V.)

Pro Quartal werden bis zu 60 Kinder begleitet, die zu ca. 60 Prozent über die stationäre Jugendhilfe in das Therapiezentrum vermittelt werden. Dies zeigt, „dass wir mit unserer therapeutischen Arbeit eigentlich noch früher ansetzen müssten. Denn Kinder aus stationärer Jugendhilfe sind ja bereits in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht. Hier wird jedoch keine Trauma-Therapie angeboten. Die traumatisierten Kinder sind verhaltensauffällig, oft aggressiv. Ihr Seelenleben bleibt im Verborgenen und damit die Ursache für ihr Verhalten. Ihnen droht der Rauswurf, doch dann stehen sie wieder allein da", beschreibt Dr. med. Andreas Krüger, Initiator der Gründung von Ankerland, den unheilvollen Kreislauf, der mit dem Ankerland-Angebot durchbrochen werden soll. Ein Viertel der schwer verletzten Kinderseelen haben ihre Traumata aus Kriegs- und Krisengebieten.

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Die kleinen Dinge des Lebens greifbar machen (Copyright: Ankerland e.V.)

Die Versorgungssituation für schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche ist nicht nur in Hamburg dramatisch: Traumatisierte Kinder stehen meistens am Rande der Gesellschaft und erfahren in ihren Pflegefamilien, bei ihren Adoptiveltern und in Jugendhilfeeinrichtungen nur selten die dringend benötigte therapeutische Unterstützung.

Die Einbeziehung ihres sozialen Umfeldes stellt eine weitere wichtige Grundlage der therapeutischen Arbeit nach PITT-KID dar. Dieses soziale Netz stärkt Kinder bei der Therapie - und so ist oft die „Ersatz-Mutter" bei der Behandlung dabei. Sie heilt gemeinsam mit ihrem Kind alte seelische Wunden.

Seelische Verletzungen müssen wie körperliche Verletzungen behandelt werden

Während seiner langjährigen Tätigkeit als Facharzt für Kinder-und Jugendpsychiatrie am Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf behandelte Dr. med. Andreas Krüger Hunderte von traumatisierten Kindern und Jugendlichen.

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Initiator Dr. med. Andreas Krüger (Copyright: Ankerland e.V.)

Da eine individuell auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene Traumaarbeit außerhalb von Klinikmauern fehlte, entwickelte er auf Basis des erfolgreichen PITT-Verfahrens für Erwachsene von Prof. L. Reddemann bereits 2007 PITT-KID: Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für Kinder und Jugendliche ist die Basis der täglichen Arbeit und wird seit Jahren klinisch erfolgreich angewendet.

Krüger verweist auf Ergebnisse aus der Hirnforschung, die bestätigen, dass durch extreme Situationen wie Gewalt und Terror akute Veränderungen im Hirn stattfinden. Deshalb brauchen die Opfer eine auf ihre Entwicklung abgestimmte Behandlung, „die sich auf die konkrete Situation des Kindes oder Jugendlichen einstellt. Solche Konzepte gab es besonders für Kinder bislang nicht", bestätigt Krüger.

Bereits seit 2008 setzt sich der gemeinnützige Verein Ankerland e.V. dafür ein, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Der Ansatz, die Kinder dort abzuholen, wo sie durch die Folgen traumatischer Erlebnisse in ihrem Leben stehen, ist nicht nur neu, sondern auch innovativ, was allerdings auch bedeutet, dass eine Regelfinanzierung durch Kostenträger trotz intensiver Gespräche noch nicht gesichert ist.

Finanziert wird die Arbeit deshalb ausschließlich über Spenden. Stifter und Förderer. „Sie sind Paten für eine bessere Zukunft und holen mit ihrem Engagement Kinder aus schwerer See", sagt Duda Zeco, die hauptamtlich für Fundraising und Kommunikation zuständig ist und dabei ihre Kommunikationserfahrung gemeinsam mit dem Vereinsvorstand nutzt, um die Hilfe für verletzte Kinderseelen auf breiter Ebene langfristig abzusichern.

Die Intensivbehandlungen sind nur durch Stifter und Spender möglich, denn die langfristige Finanzierung durch öffentliche Kostenträger ist, trotz einmaliger Zuschüsse aus verschiedenen Fonds der Hamburgischen Bürgerschaft, nicht gesichert. Stifter und Förderer können auf nachhaltige und vor allem messbare Konzepte vertrauen.

Ankerland braucht ein stabiles Fundament

Duda Zeco hatte einen guten Job in einer Werbeagentur, der sie innerlich allerdings nie ganz erfüllt hat. Als sie vom Verein Ankerland erfuhr, war sie „wie elektrisiert" und begann 2010 zunächst ehrenamtlich, das Team um Dr. Krüger zu verstärken. Während einer bewusst gewählten Auszeit, einer Reise mit dem Bus durch Europa, fasste sie den Entschluss, sich beruflich neu zu orientieren und einen Schlussstrich unter die Zeit in der Werbeagentur zu ziehen. Seither widmet sie sich in Festanstellung der Arbeit bei Ankerland. Die Marketing- und Kommunikationsexpertin sorgt dafür, die Arbeit bei Ankerland auch finanziell abzusichern.

Auch der frühere Tennis-Star Steffi Graf kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die auf ihrer Flucht nach Hamburg traumatisiert wurden. Unterstützt wird sie dabei finanziell aus dem Integrationsfonds, wie der NDR im Februar berichtete. Auch der Verein Ankerland wird dabei berücksichtigt, doch es braucht künftig vor allem Wege und Lösungsansätze, die helfen, die fürsorgliche Bürgerbeteiligung kontinuierlich zu stärken.

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Praxis: Dr. med. Andreas Krüger (Copyright: Ankerland e.V.)

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