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Wenn Forschung erblindet und Konsumenten beleidigt werden

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Damit die Dinge besser werden

Das Öko-Institut e.V. und die Universität Bonn, Institut für Landtechnik, legten im Februar 2016 ihre Studie zur Obsoleszenz vor. Auftraggeber war das Umweltbundesamt, das das Ergebnis der Studie wie folgt zusammenfasst:

„Viele Geräte haben eine zu kurze Lebensdauer. Aus ökologischer Sicht ist das nicht akzeptabel. Die Herstellung der Produkte verbraucht wertvolle Ressourcen; Schadstoffe und Treibhausgase belasten Umwelt und Klima. Wir müssen über Mindestanforderungen an Produktlebensdauer und Qualität nachdenken - eine Art Mindesthaltbarkeit für Elektro- und Elektronikgeräte. Gleichzeitig werden viele Geräte ersetzt, obwohl sie noch gut funktionieren. Es ist daher genauso wichtig, dass Verbraucherinnen und Verbraucher Produkte länger nutzen." (UBA-Präsidentin Maria Krautzberger)

Stefan Schridde, über dessen Themen in diesem Blog regelmäßig berichtet wird, erstellte dazu eine kritische Analyse und umfangreiche Mängelliste.

Er kritisiert, dass für dieses mehr als dreihundert Seiten starke Dokument die Auftragnehmer zu seiner Erstellung deutlich mehr als die beauftragte Zeit brauchten (statt fünfzehn Monate fast drei Jahre).

Die Auftragnehmer der Studie sollten alle Formen von Obsoleszenz thematisieren und an bestimmten Produktgruppen genauer untersuchen, eine Informationsgrundlage schaffen und Strategien gegen Obsoleszenz entwickeln.

Schridde zufolge liefert die Studie allerdings keine wirklich neuen Erkenntnisse. Sie würde bereits erfolgte Bestätigungen und Belege der geplanten Obsoleszenz ignorieren:

„Aus dem bereits vorliegenden faktenreichen Material der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte in ganz Europa werden nur die der eigenen Argumentation dienenden Inhalte entnommen. Mit rhetorischen Tricks, eigenwilligen Reduzierungen und geneigten Interpretationen versucht man die klare Sicht der Öffentlichkeit zu vernebeln."

Besonders auffällig sei, dass sie wissenschaftlich anerkannte Unterkategorien der geplanten Obsoleszenz (werkstoffliche, funktionelle, psychologische und ökonomische Obsoleszenz) benennt, angereichert durch viele konkrete Fakten, was geplante Obsoleszenz in ihren unterschiedlichen Ausprägungen bestätigt.

Abweichend von den selbst zitierten Quellen reduziert man jedoch den Oberbegriff der „geplanten Obsoleszenz" durch eigene Neuinterpretation auf die „arglistige Ausprägung, wobei man selbst eine solche Reduzierung unzutreffender Weise der öffentlichen Debatte und medialen Darstellung vorwirft".

Schridde bemerkt, dass die Studie mit ihren Aussagen indirekt die Berechtigung und Sinnhaftigkeit bereits erfolgten Regierungshandelns in Europa bezweifelt (z.B. EU-Kommission, EWSA, Frankreich, Verbraucherministerkonferenz) und ignoriert die diesen Entscheidungen zugrunde liegenden Prüfungen.

„Das Papier liest sich insgesamt eher wie eine Verteidigung für die Position der Hersteller in Reaktion auf die seitens der Studie kritisierte öffentliche und mediale Debatte."

Das Öko-Institut veröffentlichte nun sein eigenes Magazin eco@work und kommt darin wiederum zur Einschätzung, dass es keine geplante Obsoleszenz gäbe, um dann selbst ein umfangreiches Maßnahmenprogramm an die Hersteller und gegen deren typischen Vorgehensmodelle zur Verkürzung von Nutzungsdauern zu richten.

Schridde wirft dem Öko-Institut offensichtliche Blindheit und absichtliche Unterlassung vor.

Den Verantwortlichen empfiehlt er, den Gastkommentar im eigenen Magazin zu lesen. Denn dort benennt Dr. Hugo-Maria Schally, Leiter des Referats für Öko-Innovation und Kreislaufwirtschaft in der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission, „die Notwendigkeit von Lösungsansätzen gegen unlautere Praktiken wie vorsätzlicher oder geplanten Obsoleszenz". Diese Lösungsansätze findet Herr Dr. Schally, so meint Stefan Schridde, dann beim Öko-Institut wohl nicht.

Weitere informationen:

Die öffentliche MURKS-Debatte: Warum sie dringlich bleibt

Update:

Hier geht es zur Replik von Prof. Dr. Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung am Öko-Institut und Honorarprofessor für Nachhaltige Produkte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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