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Weltmeister sein in Menschlichkeit: Warum wir "das" schaffen

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Tom Merton via Getty Images
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Menschlich sein in Zeiten des Umbruchs

Die wahre Bedeutung des berühmten Merkel-Satzes „Wir schaffen das" erschließt sich nur, wenn er weiter gedacht und nicht nur im Flüchtlingskontext gesehen wird.

Worum es wirklich geht, ist die Frage, was uns als Menschen menschlich macht in Zeiten des Umbruchs und der Digitalisierung.

Es reicht nicht, nur Wissen anzuhäufen - es muss durchdacht, reflektiert und in Zusammenhänge gebracht werden. Wissen ansammeln können Computer besser. Menschen sind ihnen allerdings mit ihren Fähigkeiten und soziale Kompetenzen voraus: Sie sind in der Lage, sich um ihre Mitmenschen und ihre Umwelt zu kümmern, sie zu umsorgen und Mitgefühl zu entwickeln.

Der Mensch soll ein „Anthropos" sein, ein „nach oben Schauender", das liegt in seinem ganzen Wesen begründet, formuliert der Arzt, Maler und Naturphilosoph Carl Gustav Carus 1853 im „Handbuch zur Menschenkenntnis", das im Haupttitel „Symbolik der menschlichen Gestalt" heißt:

„Der Mensch entwickelt sich nur durch den Menschen und innerhalb des Bundes der Menschheit, und wie zum Verständnis des eignen Geistes, so muss auch im Näherbringen verschiedener fremder Individualitäten eines dem andern helfen ..."

Mit zunehmendem Alter stand Carus dem Prozess fortschreitender Spezialisierung ablehnend gegenĂĽber.

Was gelungene Unternehmens- und LebensfĂĽhrung ausmacht

Carus' Themen sind auch heute hochaktuell. Sie sind mit dem modernen Begriff „Dekade der Menschlichkeit" verbunden. Der Handels- und Neuromerchandising-Experte Bert Martin Ohnemüller verweist darauf in seinem persönliche Erfahrungs- und Erlebnisbericht über die drei wesentlichen Elemente gelungener Unternehmens- und Lebensführung: „Lead. Speak. Inspire."

Er möchte dazu beitragen, Brücken zu bauen, die wir heute brauchen, um mehr Menschlichkeit und Freude in das (Business-)Leben zu bringen. Die vor uns liegende „Dekade der Menschlichkeit" fordert laut Ohnemüller neue Sichtweisen auf Führung, Teams und Unternehmenserfolg.

Firmen, die mehr Leistung fordern, mĂĽssen auch immer mehr Sinn bieten.

Das Buch erschien Anfang 2016 - fast zeitgleich mit der aktuellen Publikation des Business-Vordenkers Hermann Scherer: „Fokus! Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen."

Auch er spricht darin von der Dekade der Menschlichkeit und beschreibt sein Gefühl, dass wir momentan mehr zufällig in diese neue Ära hineinrutschen, in der wir erstmals in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit haben, die Sinnfrage zu stellen:

Noch vor 50 Jahren lebten zwei Drittel der Menschen, die nicht in den Industrieländern lebten, in Armut von weniger als einem Dollar pro Tag. Heute lebt nur noch etwa ein Siebtel der Menschheit von weniger als einem Dollar pro Tag - „und das obwohl es seit damals vier Milliarden Menschen mehr gibt auf der Welt".

Der Optimist Hermann Scherer ist davon überzeugt, dass es unmöglich ist, die Menschlichkeit in uns zu zerstören: „Es ist eher so, dass sie verschüttet wird."

Scherers „Ausgrabungen"

Um die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen und „das" zu schaffen, was Angela Merkel mit ihrem Machbarkeits(an)satz meint, müssen wir das, was verschüttet wurde, nur wieder sichtbar machen.

Wie das geht, beschreibt Scherer an einem persönlichen Beispiel. Dabei übt er schonungslos Kritik an sich selbst: Er ist ein Könner, der das Meisterliche will - und arbeitet ständig.

Er ist sich bewusst, dass es nicht einfach ist, mit einem „Süchtigen" wie ihm zusammenzuleben, für den sich Familie „manchmal anfühlt wie kalter Entzug".

Und wenn ihn seine Frau und die Kinder dann für einige Zeit alleine lassen, bekommt er plötzlich Angst, seine Menschlichkeit vielleicht nie wieder „ausgraben" zu können.

Doch er weiĂź, dass sie nicht verloren ist - das zeigt ihm seine Angst. Und die Freude, wenn seine Familie dann wieder bei ihm ist. An dieser Stelle verweist er auf die Demut, fĂĽr die es SchlĂĽsselmomente braucht.

Demut hängt mit Bodenständigkeit („Grund unter den Füßen") zusammen. Das Wort kommt von „diomuoti" („dienende Gesinnung") und drückt die Bereitschaft aus, andere als Hilfe und Korrektiv an sich arbeiten zu lassen.

Demut und Achtsamkeit haben auch mit Anerkennung zu tun, die nicht echt ist, wenn sie nicht von Herzen kommt.

Der persönliche „Menschlichkeitsindex"

„Nehmen wir uns hingegen Zeit, Dinge und Menschen wahrzunehmen, werden wir viele Gelegenheiten finden, Dankbarkeit, Anerkennung und andere Gefühle zu spüren und auszudrücken", sagt Dr. Karin Uphoff, Gründerin der Initiative heartleaders, die Menschen und Unternehmen dabei unterstützt, ein tiefes Verständnis dafür zu erlangen, wie Wertschätzung gelebt und das Miteinander mit Achtsamkeit, Klarheit, Neugier und Wohlwollen gestaltet werden kann.

Dieser Wandel braucht Zeit, Raum und Zugewandtheit. Deshalb bietet die Initiative besondere Formate an: Gespräche beim Waldspaziergang, Meetings im Denk-Kreis und Kulturgestaltung im Open Space nähren die innere Grundhaltung.

Jeden Monat greift die Initiative heartleaders einen Aspekt auf und beschäftigt sich intensiv damit. Am 3. September ist es der Tag der Wertschätzung.

Wer es „schafft" (!), in wesentlichen Augenblicken jedem Menschen, Ding und Ereignis sowie jeder Tätigkeit mit Bewusstheit (einer „höheren Qualität von Wachheit" (Peter Sloterdijk) und Achtsamkeit zu begegnen, der hat nach Scherer seinen ganz persönlichen „Menschlichkeitsindex" entwickelt - der ist „menschlich und muss nicht mehr den Eindruck erwecken" menschlich und gut zu sein.

Wer das erlebt, lässt sich davon anstecken und lässt andere an seinen Erfahrungen teilhaben.

Dabei verweist Scherer auch auf den World-Giving-Index, der für ihn eine „wunderbare Weltmeisterschaft" ist, denn dabei kann ein ganzes Volk mitmachen, ja nicht nur „die rund zwanzig besten Fußballer". Dies sollte uns anspornen, so der Businessexperte, uns gegenseitig beim Geben zu übertreffen.

Die Generation Y verbindet damit noch etwas anderes: uns anderen mit unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten zu zeigen. Das sei ein „Geschenk", weil sich dann auch unser Gegenüber öffnet und seine Menschlichkeit und Wunden offenbart.

„Wenn wir versuchen, stets den Starken, Abgebrühten und unglaublich Selbstbewussten zu spielen, dann schaffen wir keine Verbindung zu unseren Zuhörern", schreibt Jonathan Sierck in seinem Buch „Fü(h)r Dich Selbst".

Bert Martin OhnemĂĽller verbindet mit Menschlichkeit ebenfalls Ehrlichkeit und Offenheit, die auch eine nachhaltige Auswirkung auf den Unternehmenserfolg haben.

Eine lebendige Wirtschaft setzt für ihn voraus, dass das Herz zum Schwingen gebracht und die Einzigartigkeit des Menschen berücksichtigt wird - ebenso wie seine Talente und Fähigkeiten.

Er entspricht einem Typus, den der internationale Marketingexperte Tim Leberecht „Business-Romantiker" nennt. Die von ihm aufgestellten Regeln, zu finden in seinem gleichnamigen Buch, das sich der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben widmet, basieren nicht auf typischen Fallstudien aus der Wirtschaft und wollen auch keine Problemlösungen bieten; „sie liefern keine Silberkugeln, und sie tun nichts (oder jedenfalls nicht viel) für unsere Produktivität".

Vielmehr fordern sie uns dazu heraus, neue Perspektiven zu suchen und den Wert unserer Inspirationen und Emotionen zu erkennen, „Konflikt und Reibung zu begrüßen und unsere eigene Menschlichkeit (!) zu zelebrieren".

Tim Leberecht und Bert Martin OhnemĂĽller sind in diesem Jahr Referenten der Burgthanner Dialoge, die sich erstmals ebenfalls diesem Thema widmen.

Die Tragödie im Leben ist für Ohnemüller nicht, „dass wir sterben, sondern das, was wir in uns sterben lassen, während wir leben."

Auch hier trifft er inhaltlich mit Hermann Scherer zusammen, der in seinem Buch „erhellend" schreibt:

„Zögern ist wie das Nichtanzünden einer Kerze, die eigentlich dafür gemacht ist, zu brennen."

Weitere Informationen:

Warum das Prinzip Menschlichkeit Politik „machen" sollte


Das Projekt Zukunft: Warum die Dekade der Menschlichkeit vor uns liegt

WeiterfĂĽhrende Literatur:

Hermann Scherer: Fokus! Provokative Ideen fĂĽr Menschen, die was erreichen wollen. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2016.

Bert Martin Ohnemüller: Lead. Speak. Inspire. Ein persönlicher Erfahrungs- und Erlebnisbericht über die drei wesentlichen Elemente gelungener Unternehmens- und Lebensführung. Frankfurt a. M. 2016.

Jonathan Sierck: FĂĽ(h)r Dich Selbst: Mit dem richtigen Mindset zum Erfolg. MĂĽnster 2014 (Edition Octopus).

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