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Wein und Sein: Salvador Dalís magische Botschaft

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Die Geheimnisse des Lebens kosten

Weinranken sind mit der menschlichen Chronologie eng verschlungen: die Geschichte des Weines zu erzählen bedeutet gleichzeitig, vom Menschen und seinen Genüssen zu berichten. „Essen und Surrealismus sind ideale Bettgesellen", heißt es im Begleittext zum Kochbuchbestseller „Les Diners de Gala" von Salvador Dalí. So wird es der spanische Maler und Exzentriker (1904-1989), der mit zehn Jahren Köchin werden wollte, vermutlich selbst gesehen haben, denn von ihm stammt der Satz: „Die Schönheit wird essbar sein oder gar nicht sein."

Der Nachfolgeband des Künstlers, „Die Weine von Gala", schildert die Wonnen der Weintraube aus typischer Dalí-Sicht. Um Wein zu gewinnen, müssen die Trauben erst den Winter überstehen und ausgepresst werden. Aus diesem Gärungstod gewinnt der Weinbauer den Wein. Jedes Jahr stellt der Weinstock von neuem alles in Frage. Doch die Geburt eines Weines ist dennoch immer wieder eine Freude - „sei er von den Stigmata des Scheiterns gezeichnet oder von der Gnade berührt."

Die Verwandlung von Wasser in Wein war das erste Wunder, das Jesus auf Erden bewirkte. Am dritten Tag fand in Kana, einem Dorf in Galiläa, eine Hochzeit statt, an der neben Jesus und seinen Jüngern auch die Mutter Maria anwesend war. Als der Wein ausging, sagte sie zu ihm: "Sie haben keinen Wein mehr." Jesus antwortete: "Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen." Jesus bat seine Diener, sechs steinerne Krüge bis zum Rand mit Wasser zu füllen. Er kostete das zu Wein gewordene Wasser. Der Evangelist Johannes berichtet weiter:

Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen, und nicht wusste, woher er kam, ... ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, und wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. (Joh. 2,1-12)

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Copyright: TASCHEN

Der Wein auf dieser Hochzeit symbolisiert das Leben der Menschen und seine Begrenztheit. Sie sind als Gefäße geschaffen, die Gott mit seinem Leben füllen möchte. Doch die Krüge werden erst mit Wasser gefüllt, das hier auch Tod bedeutet. Jesus lässt es zu, dass im Leben erst einmal das Maß voll werden muss. Das wusste auch der Reformator Martin Luther: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, / bleibt ein Narr sein Lebenlang."

Der Band „Die Weine von Gala" widmet sich der ausgelassenen Seele des Weines und versucht sich an seiner Klassifizierung „nach den Empfindungen, die sie ganz tief in unserem Inneren auslösen", und lädt mit Kategorien wie „Weine der Wollust", „Weine des Unmöglichen" und „Weine des Lichts" und zur literarischen Verkostung ein. Das multisensorische Manifest des guten Geschmacks ist im besten Wortsinn „berauschend". Unter den mehr als 140 Illustrationen Dalís finden sich zahlreiche Adaptionen klassischer Kunstwerke.

Dieses Buch ist nicht nur ein Fest der Sinne - es zeigt zugleich die Komplexität unserer Welt, deshalb sollten auch Unternehmen und Organisationen einen Blick hineinwerfen, denn hier spiegelt sich zugleich ihr Umfeld, das sie scheinbar im Griff zu haben scheinen und am Ende vor einer großen Überraschung stehen, in die sie nicht eingreifen können:

„Unter allen Himmeln ist eine Landschaft mit Weingärten eine beruhigende Landschaft. Alles erscheint ausgerichtet, geeicht und abgemessen. Hier gibt es nur gepflegte Terrassen und anmutige Kurven, von Tausenden von Furchen durchzogen oder mit Weinpfählen wie für eine nicht enden wollende Parade abgesteckt. Eine solche Ordnung sollte den Zufall ausschließen!"

Das Buch zeigt, dass dies ein Irrtum ist, denn der Wein ist „ein Sohn des Zufalls, und zwar in dem Maß, dass er sich nie gleicht. Zwischen prächtig und kümmerlich, ausgelassen und diskret hin- und herschwankend wirft er gerne alle Voraussagen über den Haufen."

Die Mühen sind jedes Jahr gleich, aber das Wetter zwingt jedem sein Gesetz auf. Das macht auch unsere Komplexitätszeitalter aus, in dem noch ein weiterer Aspekt des Buches an Bedeutung gewinnt: Handwerk, Können und Meisterschaft.

Das Buch wird geprägt durch die Gemeinschaftstugenden der Weinbauern: Geduld, Liebe und Arbeit. Der Rebhandwerker „weckt einzig durch seine Hände die gewaltigen Kräfte der Natur".

Das Schlusswort ist eine wunderbare Nach-Lese, in der beschrieben ist, was es braucht, um einen großen Wein zu schaffen:

• einen Irren, der den Rebstock pflegt,

• einen Weisen, der ihn zähmt,

• einen klarsichtigen Poeten, der ihn erschafft,

• einen Verliebten, der ihn trinkt.

Zum Wohl.

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Copyright: TASCHEN

Dalí. Die Weine von Gala. Von Salvador Domenech Philippe Hyacinthe DALI von der königlichen Akademie San Fernando, Madrid. TASCHEN Verlag. Köln 2017.