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Wein. Macht. Sein: Was uns wirklich reifen lässt

02/09/2015 14:47 CEST | Aktualisiert 02/09/2016 11:12 CEST
Motivate Publishing via Getty Images

Wein als neues Statussymbol

„Ich habe ein Weingut in der Toskana." Dieser Satz erinnert an „Ich habe eine Farm in Afrika." Baronin Karen von Blixen-Finecke sagte diesen Satz nur zweimal im Spielfilm von Sydney Pollack „Jenseits von Afrika" (1985) mit Meryl Streep und Robert Redford. Dennoch bleibt er unvermindert im Bewusstsein wie: „Mein Name ist Bond, James Bond" (vgl. Manfred Klimek: So lasst uns denn einen Weinstock pflanzen, brand eins 9/2015).

Wein ist heute das neue Statussymbol der Wirtschafts- und Medienelite. Auf die Frage, was er macht, wenn er in Rente ist, antwortete adidas-Chef Herbert Hainer kürzlich: „... es war schon immer mein Traum, einen Weinberg zu besitzen. Allerdings sollte der Weinberg nicht in der Toskana oder sonst irgendwo weit weg liegen." (FOCUS, 29/2015) Auch Hartmut Mehdorn ist Winzer in Frankreich geworden, wo er „La Cabane, der Rote aus der Hütte vom Hobbywinzer Mehdorn" präsentiert.

Der Trend geht zum Eigenheim mit eigenem Wein. Viele Beispiele dafür finden sich auf der Webside von weinundkunst: Riesling von Günther Jauch's Weingut von Othegraven, Rosé aus Anjou vom Weingut Château de Tigné (Gérard Depardieu), Rotwein Clos de l'Hermitage Côtes du Rhône von Jean Alesi , Rosé Château Miraval Côtes de Provence, aber auch Wein aus dem Hause von Angelina Jolie und Brad Pitt.

Heute wird weniger Wein getrunken, aber dafür besser, bestätigt Baron Éric de Rothschild (FOCUS 37/2015), der nicht von billigen und teuren Produkten spricht, sondern von guten und schlechten. Gerade im Nachhaltigkeitskontext ist das besonders wichtig, denn es gibt auch gerade unter den Bio-Weinen gute Produkte, die sich auch der normale Konsument leisten kann.

Sein statt Schein: Bio-Wein

Vor einigen Jahren wurden Ökopioniere wie Gerhard Roth in Wiesenbronn noch belächelt, weil sie Bio-Wein angebaut haben. Heute ist es selbstverständlich.

So berichtete der Bayerische Rundfunk kürzlich in seiner TV-Dokumentation „Landfrauenküche" über die Agraringenieure Linda und Erhard Haßold, die seit 1991 nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus wirtschaften und Mitglied im Anbauverband "Naturland" sind. Angeboten werden Weißweine, Rotweine, Rosé, Rotling und Secco jahrgangs- und sortentypisch.

Umwelt- und sozialverträgliches Handeln ist auch für den Ökoversender memo AG eine Selbstverständlichkeit. Das Unternehmen hat sich auf Produkte für ein nachhaltiges und bewusstes Leben spezialisiert. Wein-Produkte wurden vor einigen Jahren als Teil des Bereichs "Geschenkideen" aufgenommen und finden sich nun bei memolife.

"Wir haben hier ein kleines, aber für den Alltag doch sehr schönes Sortiment. Alle Produkte in diesem Sortiment sind Bio-zertifiziert und ein Großteil ist für Veganer geeignet", sagt Claudia Silber, die hier die Unternehmenskommunikation leitet und deren Favorit der La Jara Bio-Prosecco Frizzante "Jarasole" DOC ist, „weil er nicht nur sehr gut und frisch schmeckt, sondern weil er auch noch ein schönes Geschenk durch den integrierten Bügelverschluss ist".

Im Angebot finden sich auch Bio-Weinpakete. Da die Rebsorte Pinot Grigio in Vinotheken und Restaurants sehr beliebt ist, wurde auch Bio-Pinot Grigio aus den Terre di Chieti in den Abruzzen aufgenommen, ebenso Bio-Rosé "Camino Rosado" Vino de España Irjimpa. Auch aus dem französischen Languedoc stammen Bio-Weine ohne Pestizide synthetischen Dünger oder sonstige Chemie.

Monat der Weinernte

Der September ist der Monat der Weinernte, aber auch ein Monat des Nachdenkens und Vorsorgens. Am Thema Wein lässt sich besonders gut zeigen, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet und welche symbolische Kraft darin verborgen ist. Die „Weinlese" lässt sich gerade jetzt auch sehr gut mit dem Lesen verbinden.

Eine passende Lektüreempfehlung ist Tom Hodgkinsons „Schöne alte Welt". Der Titel spielt auf Huxleys „Schöne neue Welt an" und bringt zum Ausdruck, dass die alte Welt „schöner, weil aufrechter und wackerer war als unsere".

Hodgkinson betrachtet jeden Wein als den besten, „der ohne Konservierungsstoffe bleiben kann, und es sollte auch überhaupt nichts hineingemischt worden sein, was seinen natürlichen Geschmack überlagert; denn der Wein ist am vortrefflichsten, der durch seine eigene natürliche Qualität Genuss bereitet hat".

Philosophisches, Lebenspraktisches und Literarisches sind hier auf nachhaltige Weise verbunden. Die Verbindung zum Wein zeigt sich auch im aktuellen Buch von Katja Kraus: „Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz". Der Wein ist hier nicht nur Bestandteil vieler Gespräche mit Prominenten, sondern findet sich schon auf dem Titelblatt:

Im Hintergrund sind gefüllte Weingläser sichtbar - davor ein roter Kreis, der wie ein vergrößerter Blutstropfen anmutet. Blut und Wein verleihen dem Thema eine starke symbolische Kraft, denn Blut ist Leben und Wein ein Urbild für den Menschen, Quelle des Daseins und des Todes.

Er muss wie die Freundschaft immer wieder gepflegt, beschnitten und veredelt werden, um in Fülle Früchte und Blüten zu tragen. Seine Botschaft reift an den Rebstöcken. Wer sie kennt, kennt den Grund des Daseins. Um Wein zu gewinnen, müssen die Trauben erst den Winter überstehen und ausgepresst werden. Auch Freundschaft ist eine ständige Transformation.

Die letzte Süße im schweren Wein

Dass aus dem Tod unter Gottes Händen neues Leben entsteht, erzählt schon das Wunder der Hochzeit zu Kana aus dem Johannesevangelium. Der Wein auf dieser Hochzeit symbolisiert das Leben der Menschen und seine Begrenztheit. Sie sind als Gefäße geschaffen, die Gott mit seinem Leben füllen möchte. Doch die Krüge werden erst mit Wasser gefüllt, das hier auch Tod bedeutet. Jesus lässt es zu, dass im Leben erst einmal das Maß voll werden muss.

Blut ist Leben. Das wird besonders deutlich, wenn das Blut erkrankt. In seinen letzten Lebensjahren leidet der Dichter Rainer Maria Rilke an unheilbarer Leukämie. Er spürt die körperliche Veränderung zum Tode am eigenen Leib. Doch auch am Weinstock verdorren die Blätter, wenn die Rebe reif geworden ist.

Die Berge des Wallis und die Regionen des drohend kalten Schnees bleiben Rilke, der lieber im Tal ist, unbekannt und verschlossen. Kalte Gebirge ohne "gewohntes Wachstum" sind ihm "wider die Natur". Muzot, ein Stückchen den Hang hinauf, in die Weinberge hinein, ist ihm genug.

So verlässt Rilke von Februar 1922 bis Mai 1923 seinen geliebten poetischen Ort nur zweimal. 1923 entstehen hier seine „Sieben Entwürfe aus dem Wallis" und „Das kleine Weinjahr". Der inzwischen verstorbene Schweizer Historiker Jean Rudolf von Salis besucht den Dichter 1924 in Muzot.

Anfang 1993 erinnert er sich in einem Gespräch mit der Schriftstellerin und Journalistin Klara Obermüller an die Begegnung mit Rilke, der mit erdigen Fingern seine Verse im Rebenlicht schrieb:

"Es war wirklich ländlich dort. Rilke liebte die Reben, er liebte die Rosen, er pflegte den Garten, er war überhaupt ein Mensch, der gern mit der Hand arbeitete."

Für Rilke ist der Umgang mit Blumen und Reben mehr als nur Sprache des Jahres - aus ihnen steigt ein "buntes Offenbares". Reben gleichen Sonnenkollektoren, sie leben und gedeihen im Licht der Sonne. An den Rebstöcken, die zur gelungenen Symbiose von Sonne und Boden, von Himmel und Erde führen, reift seine Botschaft. Wer sie kennt, kennt den Grund aller Dinge, den Sinn des Lebens als auch seines Endes.

Anfang Oktober 1925 hindert ein quälendes Mundleiden, eine schmerzhafte Bläschenbildung an den Schleimhäuten, Rilke am Sprechen und weckt in ihm die Angst, er könne an Krebs leiden. Seiner Todeskrankheit haftet etwas Mystisch-Verklärendes an:

Im Herbst 1926 verletzte er sich beim Rosenschneiden in seinem Garten so heftig an den Dornen, dass er bald an einer Infektion erkrankte. Am 30. November suchte er zum letzten Mal Val-Mont auf. Die sofort vorgenommene Blutuntersuchung zerstört jede Hoffnung auf Heilung. Anfang Dezember wird sein Leiden als eine äußerst seltene, besonders bösartige Leukämie diagnostiziert.

Rilke stirbt, kaum noch 50 Kilogramm wiegend, am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux. Sein berühmtes und viel zitiertes Gedicht „Herbsttag" beschreibt in einer Vorahnung des Todes die Zeit der Vollendung, der Weinlese und der Ernte:

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

Kein Statussymbol dieser Welt kann das, was ein vollendetes nachhaltiges Leben ausmacht, zum Ausdruck bringen. Manager könnten viel von Dichtern lernen, wenn sie sich nicht nur der Wein-„Lese" widmen.

Weiterführende Informationen:

Tom Hodgkinson: Schöne alte Welt. Ein praktischer Leitfaden für das Leben auf dem Land. Rogner & Bernhard GmbH & Co. KG, Berlin 2011.

Katja Kraus: Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Rainer Maria Rilke: Mitten im Leben schreib ich Dir. Ausgewählte Briefe. Hrsg. von Rätus Luck. Frankfurt a. M. 1998.

Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. Leipzig 1912.

Rolf Vollmann: Die schönen Schweizerinnen. Auf Rilkes Spuren im Wallis. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 186 (12.8.2000).

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