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Wegbereiter der digitalen Revolution: Was wir den Romantikern verdanken

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DIGITAL BUSINESS
Cecilie_Arcurs via Getty Images
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Im Zeitalter der Digitalisierung gewinnt der Aspekt der Interdisziplinarität eine neue Bedeutung, weil die aktuellen Aufgaben und Herausforderungen nur aus dem Zusammenspiel der Disziplinen gelöst werden können. Das erfordert neue Methoden und Denkstile sowie neue Formen fachübergreifender Zusammenarbeit. Nur auf diese Weise lässt sich Komplexität richtig meistern.

Im Herausgeberband „CSR und Digitalisierung", an dem über 90 namhafte Autorinnen und Autoren mitwirkten, darunter Wolfgang Schäuble, Fredmund Malik, Timotheus Höttges, Henning Kagermannm, Christian Seifert, Dieter Gorny, Christoph Keese und Valerie Niehaus, werden deshalb interdisziplinäre Dimensionen miteinander verbunden. Dabei wurde auch an den Arzt, Dichter und Essayisten Gottfried Benn, erinnert, der gesagt hat: „Ich habe es nicht weiter gebracht, etwas anderes zu sein als ein experimenteller Typ, der einzelne Inhalte und Komplexe zu geschlossenen Formgebilden führt." Digitale Bildung beginnt hier.

Der internationale Innovations- und Marketingexperte Tim Leberecht, Autor des Bestsellers „Business-Romantiker", widmet sich in seinem Buchbeitrag „Von der Unternehmenskultur zur Sinnfabrik" auch der Bedeutung der Künste und Geisteswissenschaften sowie einem Zeitbegriff, der es zulässt, die Welt anzuschauen und „daraus Weltanschauung und Vielfalt zu entdecken statt immerzu geeicht zu sein auf die Konvention des gerade Vorherrschenden". Kultur und Business-Romantik verbinden sich bei ihm zu einer Neuen Welt, die gerade erst im Entstehen ist.

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Romantisches Erbe ist heute überall zu entdecken. Variationen des Gemäldes „Der Wanderer über dem Nebelmeer", das um 1818 von Caspar David Friedrich gemalt wurde und als Sinnbild der Romantik gilt, finden sich immer wieder auf Zeitschriften, Buchtiteln, CDs und in der Werbung. Die Romantik wollte vermitteln, vermischen, verbinden. Interdisziplinarität war und ist für die Organisation von Wissen seit der Antike ein wichtiges Instrument. Die Enzyklopädie als Wissenschaft strebte ein System interdisziplinärer Wissenssynthese an - und die Romantiker arbeiteten enzyklopädisch - ein Vorläufer von Google.

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Wir können unsere Zeit besser verstehen, wenn wir lernen, das Erbe der Romantik zu lesen und in die Gegenwart übertragen. Schon die Frühromantiker setzten in Kriegs- und Krisenzeiten den leidvollen Erfahrungen des Umbruchs und der existenziellen Unsicherheit etwas Neues entgegen, indem sie neue Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens erprobten (heute sind es z.B. die Unternehmensdemokraten). So gelangten sie zu einem neuen Weltverständnis sowie zu neuen Kommunikationsformen, die auch über die engen politischen Grenzen hinaus wirksam wurden.

Die geistige Revolution, die sich damals in der Literatur angedeutet hatte, erschien den Romantikern - wie vielen Menschen heute - begrüßenswerter als die politische. Es lohnt sich, vor diesem Hintergrund die Biographie über den Romantiker und Kosmopoliten August Wilhelm Schlegel (1767-1845) zu lesen. Autor ist der Marburger Professor Jochen Strobel, der das Projekt "Digitalisierung und elektronische Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels" leitet.

Schlegel, der vor allem als Übersetzer von Shakespeares Dramen bekannt ist, war weltgewandt und umfassend gebildet. Der Wissenschaftler und Bonner Professor zählte u.a. Karl Marx und Heinrich Heine zu seinen Studenten. Sein Bruder Karl August Moritz Schlegel entwarf in einem Brief des Jahres 1810 ein „ideales vergangenes und vielleicht zukünftiges, daneben ein durch Kriegsereignisse erschüttertes" Europa der Gegenwart.

Visionen von Vergangenheit und Zukunft zu entwerfen war romantisches Terrain: „[W]as wird endlich aus unserm armen unglücklichen Europa und aus den Zurückbleibenden werden, die an ein glückliches Zeitalter und an eine bessere Ordnung der Dinge gewöhnt sind? Doch höre ich noch immer eine Stimme mir zurufen: es wird und muß anders werden!"

Jochen Strobel beschreibt Schlegel als einen Revolutionär und Übersetzer „vom Schreibtisch aus", der dennoch gedanklich in der ganzen Welt unterwegs war. Er hatte das, was heute „Gefühlskompetenz" oder Einfühlungsvermögen genannt wird. Dabei vermischte er das Fremde mit dem Eigenen und umgekehrt.

Übertragungen und Übersetzungen in sämtliche Richtungen reizten die Romantiker - auch zwischen Kunst und Wissenschaft. Besonders interessant ist Strobels Bemerkung, dass Schlegel lebenslang auf das „Handwerk" großen Wert gelegt hat. Dieser handfeste Begriff erlebt auch in Zeiten des digitalen Wandels eine Wiedergeburt. Denn Meisterschaft 21.0 braucht Basiskompetenzen. Von der Pike auf erlerntes (philologisches) Handwerk war für Schlegel unerlässlich für das, was damals noch nicht „Geisteswissenschaften" hieß.

Modern war er als Wissenschaftler „im Übergang von bloßem Sammeln und Klassifizieren zu einer Ausdifferenzierung akademischer Disziplinen nach wissenschaftlichen Methoden und im Zeichen des Vorrangs eigenverantwortlicher Forschung." Heute wäre er sicher einer der innovativsten Wissenschaftsmanager, der mit seinen fragmentarischen Ansätzen nicht auf Teilwahrheiten, sondern auf das große Ganze zielt.

Weiterführende Literatur:

Jochen Strobel: August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit.
Theiss Verlag, Darmstadt 2017.

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.

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