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Was wir tun können, damit uns die Meister nicht ausgehen

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Am 17. März 2017 wurden die Qualitätszeichen PROJEKT N 2017 des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) im Rahmen einer Veranstaltung der Regionalen Netzstelle Nachhaltigkeitsstrategien West (RENN.west) in Düsseldorf verliehen. Über 240 Projekte wurden eingereicht. Die Jury wählte 67 Projekte aus, die das Qualitätssiegel „Projekt Nachhaltigkeit 2017" tragen dürfen.

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Dazu gehört auch der Verein Handwerk mit Verantwortung e.V. des Gründers und Steinbildhauers Timothy C. Vincent, der sich für die gesellschaftliche Anerkennung der Wertigkeit handwerklichen Tuns stark macht:

„Handwerk ist mehr als ein tumber Job, ausgeführt von tumben Menschen. Abseits vom Brauchtumsschutz gilt es, die Produktion und Fertigung handwerklicher Produkte als Archive dieses Könnens und Wissens wahrzunehmen und zu erhalten, denn diese sind Erfahrungen, die erst das technische Zeitalter ermöglicht haben. Ohne diese Einsicht wird Technik zukünftig die Menschen nicht erreichen. Handwerk soll und muss als eine alltägliche Form menschlicher Lebens- und Arbeitsweise wahrnehmbar bleiben."

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Foto: Timothy C. Vincent

Seiner Ansicht nach wird die „derzeitige Diffamierung des Handwerks und der produktiven Arbeit, einhergehend mit der zunehmenden Akademisierung der Schülerschaft" künftig mehr Arbeitslose generieren als in den derzeitigen Diskussionen angenommen werden.

Solange hingenommen wird, dass Erzeugnisse und Waren des täglichen Konsums aus Übersee oder Billiglohnländern kommen, exportieren wir diese Arbeit und mit ihr auch die Möglichkeiten des Wirtschaftens und der Zukunftsgestaltung.

Handwerk ist für Vincent gelebte Autonomie. Er plädiert dafür, dass wir wieder zu einer Kultur des Handwerkes mit Reparatur und Kreislauf zurückkehren müssen und mehr Mut zu Selbständigkeit und Verantwortung haben sollten.

Sind kleine Produktionseinheiten in einer dezentralisierten Wirtschaft vorhanden, können auch mehr gute Arbeitsplätze geschaffen werden - „und die Kultur des Selbermachens und Selberkönnens wird die Akzeptanz und Anerkennung handwerklicher Güter wieder heben". Das ist die Grundlage einer Könnensgesellschaft, die von Meistern geprägt wird. Aber sie werden in Deutschland immer weniger.

Denn die Globalisierung führt dazu, dass Routinearbeiten (bei Fachverlagen sind es sogar Lektorats- und Herstellungsprozesse) beispielsweise nach Indien ausgelagert werden, wo sie kostengünstig erledigt werden können.

Prof. Gunter Dueck, den die Computerwoche 2011 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der IT/Kommunikationsbranche in Deutschland zählte, schrieb dazu in seinem Newsletter „DD287:

Fertigexperten gesucht! Neuausbildung nicht möglich!" (14. März 2017), dass es in solchen Fällen keine „Mittelschicht" mehr gibt. Stattdessen: nur noch Routine und Hochexpertise. Bei der Arbeit nimmt das „Mittlere" ab, und damit verschwindet auch die Ausbildung der klassischen Form: „Wir kennen die Reihenfolge Azubi, Geselle, Meister." Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedoch, dass es heute keine Ausbildungsbrücke dazwischen mehr gibt.

Der Autor vieler Bestseller, zuletzt „Professionelle Intelligenz", „Das Neue und seine Feinde", „Schwarmdumm" und „Flachsinn". Er fragt mit Recht: „Wie wird ein deutscher IT-Mitarbeiter zum Superberater, der beim Kunden Eindruck macht, der aber noch nie eine Zeile Software geschrieben hat, weil das ja in Indien geschieht?"

Häufig geht es heute darum, gleich zu führen. Und wenn die Manager dann ihren Job verlieren und gefragt werden, was sie „können", antworten sie dann: „Ich kann führen!" Aber ohne Gesellenstufe ist das in Krisen- und Umbruchzeiten, wo Luftblasen schneller platzen, nichts wert.

Gunter Dueck kann keine fertige Lösung anbieten, sondern möchte lediglich auf das große Problem hinweisen:

„Uns gehen die Meister aus, sage ich Ihnen. Und wenn man das nicht ernst nimmt, werden schleichend erst Zweitklassige und dann Drittklassige ‚Meister' genannt. Und zum Schluss wird Meisterschaft gar nicht mehr gekannt."


Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: TUN! Warum wir Könner brauchen, um die Zukunft meisterlich zu gestalten. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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