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Was nützt ein Intellektueller?

01/09/2015 14:21 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 11:12 CEST

Dieser Frage von Bertolt Brecht widmet sich der Schweizer Soziologe, Politiker, Berater des UNO-Menschenrechtsrats und Publizist Jean Ziegler in seinem aktuellen Buch „Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen". Es ist ein Plädoyer für das Denken, das seine Wurzeln in einem kulturellen und intellektuellen Nährboden hat, der bereits vorhanden ist. Er beschreibt, wessen Erbe er ist, wer sein Denken beeinflusst hat und noch immer anregt.

Es ist ein weises Buch, das nur jemand schreiben kann, bei dem sich die Nachhaltigkeit des eigenen Lebens bereits entfaltet hat und das eigene Tun Früchte trägt. Jean Ziegler, Jahrgang 1934, fragt sich, wie nützlich sein berufliches Wirken war und versucht, seinen Sinn aufzuspüren.

Dabei spielen plötzlich Zeitpläne und Termine, das Schreiben von Berichten und Forschungsergebnissen keine wesentliche Rolle mehr. Es geht um das pragmatische Anpacken im Hier und Jetzt ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder das Gefühl von „Zeitverlust".

„Ein schlechtes Gewissen ist ein lebendiger Feind", zitiert er Jean-Paul Sartre, mit dem er neben Simone de Beauvoir (die ihn mit Nachdruck anregte, seinen Vornamen in Jean zu ändern) befreundet war. Fjodor Dostojewski gehörte zu denen, die ihr ganzes Leben gegen diesen „lebendigen Feind" kämpften.

Ziegler zitiert aus dessen Roman „Die Brüder Karamasow" (1880): „Ja, unbedingt, [das Leben] lieben vor aller Logik, unbedingt vor aller Logik, dann erst wird auch der Sinn begreiflich. Die Hälfte deiner Sache ist getan, Iwan, und gewonnen. Du lebst gerne. Jetzt musst du dich auch um die zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet." (Aljoscha)

Die Aufgabe des Intellektuellen heute

Wie viele andere Menschen auch lebt Jean Ziegler ständig gegen sich selbst: „Zu tun, was man will, und zu wollen, was man tut, ist das Schwierigste, was es gibt."

Sinn erwächst für ihn in der freien Beziehung zu einem anderen Menschen, von denen er das erhält, was er nicht hat. „Deshalb ist eine soziale Ordnung, die nicht auf wechselseitigen Beziehungen gründet, darauf, dass die Menschen sich ergänzen, sondern auf Konkurrenz, Beherrschung und Ausbeutung, zum Scheitern verurteilt."

In seinem Buch beschreibt er das neue Bewusstsein für Nachhaltigkeit und die Rolle des Intellektuellen heute, der sich gesellschaftlich einmischen, für jeden verständlich kommunizieren und die Dinge beim Namen nennen sollte, damit die Menschen in der Lage sind, unsere Zeit zu verstehen und durch das eigene Handeln zu verändern.

Er zitiert dazu den Mediologen Régis Debray: „Die Aufgabe des Intellektuellen ist es nicht, Liebenswürdigkeiten zu verteilen, sondern zu sagen, was ist. Er will nicht verführen, sondern bewaffnen."

Der Intellektuelle (der Soziologe) muss nach Jean Ziegler ans Licht bringen bzw. aufdecken, was nicht in der „Selbsthervorbringung der Gesellschaft auftaucht". Das ist eine enorme Herausforderung, denn das Verborgene - die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Interessen sowie die ideologischen und sozialen Strategien der gesellschaftlichen Akteure - wurde und wird vielfach absichtlich versteckt.

Durch seine scharfen Analysen trägt er dazu bei, dass zerfällt, was die freie Kreativität behindert. Was ihn im Innersten bewegt, ist auch das, was Wissenschaft ausmacht: die Suche nach der Wahrheit. „Die Universität bietet den idealen Freiraum für solches Tun."

Die Suche nach dem Sinn der Gesellschaft, der Geschichte und des Lebens kann nur gemeinschaftlich stattfinden, getragen vom Wunsch jedes Einzelnen, glücklich sowie vor Angst und Einsamkeit geschützt zu sein.

Jean Ziegler ist davon überzeugt, dass jedem ein reflektierendes Bewusstsein innewohnt, Kants kategorischer Imperativ, der der Motor der weltweiten Zivilgesellschaft ist: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." (§ 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft in der Kritik der praktischen Vernunft)

Der moralische Imperativ ist nach Ziegler der Antrieb der neuen weltweiten Zivilgesellschaft, die auf den fünf Kontinenten wirkt - allerdings gehören auch Wut und Zorn über das Chaos in der Welt dazu.

Es geht in diesem lesenswerten Buch darum, die Welt zu erkennen und die eigene Situation darin zu verstehen, denn jeder - wo auch immer er sich befindet und zu welcher Gesellschaft er auch gehört - kann viel zur Verbesserung gesellschaftlicher Zustände beitragen: „Jeder und jede von uns muss in jedem Augenblick seines und ihres Handelns klar wählen, wo er oder sie steht."

Der rote Faden, der prägende Gedanken, Erfahrungen, Angst, Zweifel und Hoffnung miteinander verbindet, ist der prophetischen Satz von Ernesto Che Guevara, dessen Chauffeur Jean Ziegler während der Teilnahme Kubas an der ersten Weltzuckerkonferenz der UNO in Genf in der Schweiz war: „Auch die stärksten Mauern fallen durch ihre Risse."

Sie werden heute immer größer. Ja, auch wenn die Ordnung der Welt wankt: Bücher wie dieses geben auch dann noch inneren Halt, wenn die Welt aus den Fugen gerät, weil sie uns zeigen, was es bedeutet, frei zu denken, zu träumen und zu handeln.

Engagiert euch!

Den Intellektuellen, wie ihn Jean Ziegler versteht und beschreibt, brauchen wir heute dringender denn je. Menschen, die sich gesellschaftlich einmischen, die unerschrocken sind, mehrdimensional denken und Fachdisziplinen verbinden.

Leider fanden sich schon immer die wirkmächtigsten Individuen außerhalb der Universität, wie auch die Germanistikprofessorin Sandra Richter kürzlich in ihrem ZEIT-Artikel „Profs, träumt nicht von gestern" (13.8.2015) nachgewiesen hat:

„Jean-Paul Sartre scheiterte beinahe an der Prüfung für das höhere Lehramt; er wurde Publizist und Frankreichs wichtigster Philosoph des 20. Jahrhunderts." Professoren könnten ihrer Sache in Politik und Öffentlichkeit Gehör verschaffen, wenn sie es wie die Intellektuellen machen würden: „unabhängig und kritisch denken und sich aufeinander beziehen".

Einer der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands, Roger Willemsen, erhielt nur wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag die Diagnose Krebs. Am 15. August 2015, vor der traurigen Nachricht, sprach er beim Domradio über Gott, den Papst, das soziale Engagement und "die Frist, die noch bleibt".

An seinem Beispiel zeigt sich, wie das persönliche Engagement im eigenen Rahmen aussehen kann: So hat er sich in seiner Arbeit für afghanische Frauen und Mädchen engagiert, ja war immer in den Ländern aktiv, die er bereist hat.

Als er das erste Mal mit der Hilfsorganisation Care in Afghanistan war und dann mit dem afghanischen Frauenverein, dessen Schirmherr er ist, wurde ihm bewusst, dass er diese Menschen nicht aus seinem Interesse entlassen kann.

„Ich glaube, jedes Leben wird dadurch besser, dass man es auch für andere lebt. Und wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendwas tun, das anderen hilft."

Das ist die Wahrheit.

Literatur:

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

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