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Was möglich ist, wird wirklich: Beispiel sein und Vorbild

24/09/2015 12:03 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 11:12 CEST
Tim Robberts via Getty Images

Gemeinwohl statt Gewinnmaximierung

„Wie aber kann einer allein anständig handeln, wenn alle anderen sich noch gehen lassen?" Diese Frage stellte der Theologe Hartwig von Schubert im Jahr 2009 während der Wirtschafts- und Finanzkrise, die das Vertrauen der Menschen erschütterte und heftige Debatten über die Regulierung der Märkte auslöste.

Seine damalige Antwort ist zeitlos gültig: Der Einzelne kann nur anständig handeln, wenn möglichst viele Menschen gemeinsam „am Bau wahrer politischer Freiheit mitarbeiten, wenn es soziale Absicherungen gibt, die ihn nicht ins Bodenlose fallen lassen, wenn sich Richter finden, die sein Recht bestätigen." Ein Ehrbarer Kaufmann wird lieber auf den Erfolg verzichten als seine Seele und seine Ehre zu verlieren.

Die Idee des Ehrbaren Kaufmanns geht auf italienische Handelsbücher des Mittelalters zurück. Sie war ein Grundstein des historischen Erfolgs der wirtschaftlichen Selbstverwaltung und ist bis heute auch eine Voraussetzung für nachhaltigen Unternehmenserfolg im Sinne von Werner von Siemens, der 1884 sagte: „Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht."

Aufgabe des Leitbilds war es, das Verhalten der einzelnen Händler so zu kanalisieren, dass dies den Interessen der Kaufmannsgemeinschaft entsprach. Unter dem Einfluss von Kaufmannsgilden entwickelten sich hierfür spezielle Verhaltensnormen, die den Charakter von freiwilligen Selbstbindungen besaßen. Die Einhaltung der Verhaltensnormen wurde durch die Mitbürger überprüft.

Ehrbar war, wer im Einklang mit den Normen handelte und Tugenden wie Integrität, Aufrichtigkeit, Integrität, Fairness, Anstand, Mäßigkeit und Demut lebte. Betrug oder Täuschung waren mit dem Vertrauensverlust und dem Verlust der Ehre verbunden.

Die Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V. (VEEK) hat ein modernes Leitbild entworfen, das die drei Rollen eines Ehrbaren Kaufmanns herausarbeitet: der Ehrbare Kaufmann als Person, in seinem Unternehmen sowie in Wirtschaft und Gesellschaft.

In dem 1517 gegründeten Verein verpflichten sich die Mitglieder, die Grundsätze der Hanse zu stützen, sich an geltende Gesetze zu halten und sich für das Gemeinwohl einzusetzen (vgl. auch Paragraph 1 des IHK-Gesetzes, das die „Wahrung von Anstand und Sitte des ehrbaren Kaufmanns" enthält).

2008 veröffentlichte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die Unternehmer-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive", die von „Ehrbaren Kaufmännern" und „kundigen Kunden" verlangt, für eine Moralisierung der Märkte einzutreten. Damit ist eine Wirtschafsweise gemeint, die nicht nur auf Eigennutzen und rücksichtslose Gewinnmaximierung setzt, sondern auch auf das Gemeinwohl.

Das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns ist eng mit dem Genossenschaftsgedanken verknüpft, der die gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und sportlichen Belange einer Region („Umfeld-Verantwortung") einbezieht.

Es geht darum, gemeinsam etwas zu erreichen nach dem Grundsatz „Was einer alleine nicht schafft, schaffen viele!" Wer kooperiert, schafft nachhaltige Ressourcen und stärkt die Widerstandsfähigkeit sozialer Systeme vor allem in Krisenzeiten.

Leider wird die Kluft zwischen wohlhabenden und finanzschwachen Kommunen heute immer größer. Ein Viertel von ihnen steckt mittlerweile so tief in den Schulden, „dass trotz fabelhafter Konjunktur kein Aufwärtstrend zu erkennen ist" (FOCUS 34/2015). Städte, die heute einen gewissen Verschuldungsgrad überschreiten, haben keine Chance, sich selbst zu retten.

Das Richtige und die Richtigen: Michaela und Andreas Marth

Diese Situation vor Augen und der unbedingte Wille, selbst die Kraft der Veränderung zu sein, um Regionen nachhaltig zu stärken, waren der Auslöser für das Engagement von Michaela und Andreas Marth: Am Frühstückstisch hatten die beiden eines Tages die Idee, dass sie etwas tun sollten, das „mit Heimat und ehrbaren Kaufleuten" zu tun hat, Unternehmern, die einen kleinen oder mittleren Betrieb führten.

Diese Idee hatte zugleich etwas Reflexhaftes - so wie Gutes manchmal einfach geschieht. „Es bedarf nicht immer eines moralischen Imperativs oder einer pflichtbewussten Ethik. Es gibt auch die Banalität des Guten; manchmal reicht es zu wissen, was getan werden könnte. Oder was zu unterlassen wäre", schreibt Carolin Emcke in ihrem lesenswerten Beitrag „Das Richtige" (Süddeutsche Zeitung, 6./7.12.2014).

Michaela und Andreas Marth gründeten die Stiftung „green blue social you", die interessierten Unternehmern die Möglichkeit bietet, sich in den Bereichen Umwelt, Bildung und Soziales so zu engagieren, dass sich alles mit ihrem Kerngeschäft verbinden lässt und keinen zusätzlichen Aufwand erfordert.

Mit einem Euro pro Monat und Mitarbeiter (mindestens jedoch 50 Euro monatlich) können sie die Stiftung als Förderer unterstützen. Bislang wird sie u. a. Architekten und Ingenieure, Berater, ein Stahl- und Metallbauer, ein Telefonmarketing-Unternehmer und ein Elektrotechniker gefördert.

„Durch uns können Sie geschaffene Werte für Bürger, Kunden und Politik sichtbar machen und werden positiv wahrgenommen. Förderbeiträge fließen in Projekte von Städten und Gemeinden und kommen dadurch direkt der positiven Entwicklung der Region und der Gesellschaft zugute", heißt es auf der Website.

„Wenn es ihnen gefällt, was wir mit ihrem Geld tun, zahlen sie", sagt Andreas Marth. Bislang sei noch niemand ausgestiegen - zumal die Unternehmen keinerlei Verpflichtung gegenüber der Stiftung eingehen. Treuhänderin ist eine bereits 2012 gegründete gemeinnützige GmbH, die den gleichen Namen wie die Stiftung trägt.

Die Wahl einer geeigneten Bank war für Michaela und Andreas Marth ebenfalls an die Kriterien des Ehrbaren Kaufmanns geknüpft. Beiden war wichtig, dass hier ebenfalls die gesellschaftliche Verantwortung im Vordergrund steht ("sozialökologische Anlagepolitik"), dass die Anlagepolitik transparent ist und beispielsweise auch vergebene Kredite regelmäßig veröffentlicht werden ("gläserne Bank").

Auch der Vorstand soll für sie als Kunde erreichbar sein, ihre Anforderungen verstehen und nach gemeinsamen Lösungen suchen, „die unseren Förderern und Stiftern und uns ein gutes Gefühl gibt: Mit Ihrer Anlagepolitik nimmt die EthikBank aktiv Einfluss auf eine nachhaltige Wirtschaft".

Kooperation statt Konfrontation

Der Wiesbadener Kurier berichtete kürzlich, dass „green blue social you" mit etwa 10 000 Euro im Jahr in vielen Fällen Unterstützung geleistet hat. Künftig soll das Geld noch nachhaltiger eingesetzt werden.

Deshalb wurde am 7. August 2015 eine Kooperationsvereinbarung zwischen green blue social you und dem Wiesbadener Umweltamt unterzeichnet. Ziel ist es, „in partnerschaftlicher Zusammenarbeit die regionale Entwicklung voranzutreiben und dadurch eine dauerhafte Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bürger in der Region zu etablieren".

Das soll durch die Bereitstellung von finanziellen Mitteln durch green blue social you verwirklicht werden. Das erste gemeinsame Projekt ist der Hochwasserschutz, denn die im Juli 2014 durch starke Regenfälle entstandenen Hochwasserschäden müssen dringend beseitigt werden.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für Themen wie Klimawandel und Umweltschutz, Verknappung von Ressourcen und Verteuerung von Energie und weltweite Armut verstärkt den Anlass für Unternehmen, ihre gesellschaftliche Verantwortung auch als Managementauftrag zu verstehen.

Dahinter steckt, was heute unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility (CSR) firmiert: die von Unternehmen freiwillig übernommene Verantwortung der Gesellschaft. CSR hat nicht nur einen hohen gesellschaftlichen Wert, sondern stärkt auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Allerdings mangelt es den vielfältigen CSR-Aktivitäten deutscher Unternehmen häufig nicht nur an einem klaren Profil, sondern auch an Sichtbarkeit. Deshalb ist es gut, wenn auch die Stiftung deutlich macht: Wir sind auf der Seite von Unternehmen, die gesellschaftliche und ökologische Verantwortung übernehmen und unterstützen dieses Engagement.

Auch wenn viele kleine und mittelständische Unternehmen nicht immer von CSR, sondern einfach nur von „Verantwortung" sprechen, so ist es wichtig, dass auch sie Anregungen erhalten, wie sie ihr Engagement wirksam in die Öffentlichkeit tragen können. Im Austausch mit gleichgesinnten Kooperationspartnern lernen sie Mittel und Wege kennen, die ihre Transparenz verbessern und die Glaubwürdigkeit erhöhen.

Am wichtigsten ist jedoch der Anfang von allem: Vertrauen. Im Gespräch mit Dr. Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, verwies auch Altkanzler Helmut Schmidt 2010 darauf und erklärt nebenbei, was den Ehrbaren Kaufmann ausmacht:

„Vertrauen kann man nur herstellen, indem man sich selber anständig, durchsichtig und ehrlich benimmt. Vertrauen gewinnt man auch nicht durch Public Relations und auch nicht durch Schaffung einer Marke. Es geht um das Vertrauen von Menschen. Und dafür gibt's seit Jahrtausenden dieselben Rezepte, nämlich: Sei Beispiel und Vorbild!"

Weitere Informationen:

Informationsportal zum Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns

Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V. (VEEK)

Green Blue Social You - Die Kraft der Wirtschaft für Ihre Region

Warum wir uns engagieren

Starke Heimat: So werden lokale Gemeinschaften heute wirtschaftlich gestärkt

„Wir müssen den ehrbaren Kaufmann leben"

Hartwig von Schubert: Vom Ehrbaren Kaufmann. In: Harvard Business manager, 8/2009, S. 106 f.

Weise, nicht leise. In: mobil 9 (2010), S. 11.

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