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Was macht das Leben aus? Stimme einer Generation

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Stimme einer Generation: Claudia Behringer

Claudia Behringer, Jahrgang 1955, ist Generationenberaterin IHK, Wirtschaftsrätin der Deutschen Umweltstiftung, Dozentin und Fachberaterin für nachhaltiges Investment. Im Interview erzählt sie, wie sie das Thema Nachhaltigkeit in Zeiten des Wirtschaftswachstums für sich entdeckt hat, wie es ihr Leben prägte, und warum wir auch künftig nicht darauf verzichten können, auch wenn der Begriff zuweilen inflationär verwendet wird. Durch das Erzählen eigener Geschichten wird er vom manipulativen und werblichen Gebrauch gereinigt und auf seine Substanz zurückgeführt. Reden, schreiben und zuhören sind ein guter Weg dorthin.

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Foto und Copyright: Claudia Behringer (Schweden, Sommer 2017)

Frau Behringer, wann kamen Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit das erste Mal in Berührung?

Ich bin zu Zeiten des Wirtschaftswachstums in den 1960-er und 1970-er Jahren groß geworden. Der zunehmende Konsum und die Wegwerfmentalität missfielen mir schon damals. Ich hatte Herzschmerzen, als meine Eltern die schönen alten Eichenmöbel verschürten und dafür „Quelle"-Teile in unser Haus einzogen. Damals hatte ich schon eine Abneigung gegen das notorische Fernsehen. Die Beeinflussung der Menschen, gewisse Dinge aus dem Werbeprogramm vermeintlich besitzen zu müssen, um dazu zu gehören, verglich ich mit Marionetten.

Was bewirkte all dies in Ihnen?

Fragen wie „Was ist Glück?", „Was macht das Leben aus?", „Warum geht es uns gut und Menschen in anderen Kontinenten nicht?", „Wie kann ich helfen?" wuchsen in mir. Mit der Geburt meiner drei Söhne in den 80er Jahren sah ich immer mehr die Notwendigkeit, selbst Stellung beziehen zu müssen. Nach Tschernobyl und dem Waldsterben habe ich mich einem

Ortsverband der Grünen angeschlossen - jedoch festgestellt, dass ich kein politischer Mensch bin. So habe ich vor allen Dingen mein Leben und das meiner Familie umgestellt.

Wie zeigte sich das konkret?

Bei uns gab es schöne, jedoch ausgewählte Einrichtungsgegenstände. Beim Einkauf habe ich damals schon auf natürliche Werk- und Inhaltsstoffe geachtet und mir immer die Frage gestellt: Brauche ich das wirklich? Oder ist es in ein paar Monaten schon zu viel und fällt dem Simplify-Gedanken zum Opfer? Die Kinder wurden gestillt, in Baumwoll- und Schafwolle gewickelt. Unsere Ernährung bestand aus 100 % Brucker-Kost, d.h. Vollkorn, Demeter Obst und Gemüse und verschiedene natürliche Lebensmittel.

Stießen Sie damit auch auf Unverständnis in Ihrem persönlichen Umfeld?

Meine Eltern und Verwandten konnten mich nicht verstehen. Meine Mutter meinte damals, dass wegen mir die Metzger aussterben würden. Für mich war es ein Mittel gegen die Ohnmacht. Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten kleine Dinge tun, kann sich das Gesicht der Welt der verändern. So meine Devise.

Wo fanden Sie eine Heimat?

Beispielsweise im Naturheilverein. Mit vielen Vorträgen des Vereins konnten wir Menschen inspirieren umzudenken. Es gab Vorträge u.a. zu Ernährung, Kleidung, Hausbau, Generationenhäuser. Das alles fand in Baden-Württemberg im Raum Stuttgart statt. Als ich mit den Kindern die Großeltern besuchte, war ich den Franken fremd geworden. Dort schaute man argwöhnisch darauf, dass ich meine Jungs noch stillte, obwohl sie sechs Monate waren und sie im Tragetuch durch die Gegend getragen habe. Wir waren viel in den Wäldern unterwegs, es wurden Holzäste, Moos und ähnliches gesammelt, was der Großvater auch nicht verstehen konnte. Die Kinder haben einen anderen Wert in ihren Schätzen gesehen als er. Als die Söhne in den Kindergarten kamen, haben sie vieles gesehen, was sie nicht unbedingt kannten.

Irgendwie haben wir es geschafft, über diese Phase hinwegzukommen. Das eine oder andere wie Eis, Süßigkeiten, Weißmehlspaghetti und Zuckerlimo waren sehr begehrt. Bevor die Kinder die Nachbarn um diese Leckereien anbettelten, gab es diese dann ganz bewusst auch bei uns. Ebenso hat die pazifistische Mutter zugesehen, wie die Cowboys im Fasching reihenweise Menschen totgeschossen haben.

Was ist aus den Jungs geworden?

Heute sind die drei Anhänger von Friedensorganisationen. Verbote verstärken Wünsche, wenn sie zu stark sind. Deshalb ist für mich eine offene und annehmende Kommunikation das Mittel der Wahl.
Wie sah ihre nachhaltige Lebensweise damals aus? Was war besonders prägend?

Meine Freunde haben mit mir über den Glauben und den Erhalt der Schöpfung diskutiert. In den 80-ern gab es Migranten aus Eritrea, denen man half, sich im Ländle zurechtzufinden. Man ermutigte sich gegenseitig, beim Einkaufen keine Plastiktüte anzunehmen und die Lebensmittel nicht in Plastik einpacken zu lassen. Ressourcenschutz war ebenso wie Helfen bei der Ernte bei einem Demeter-Bauern im Urlaub angesagt. Wir hatten damals schon eine wöchentliche Öko-Kiste mit frischem Obst und Gemüse aus der Region.

Und heute?

Erst 2016 bei einer Wanderung im Harz wurde mir bewusst, wie man bei Kindern etwas anlegen kann, dass sie verinnerlichen. Wir haben damals in unserem wunderschönen Schlosspark, in dem wir viel unterwegs waren, Abfall gesammelt. Das machen meine Jungs noch heute! Bei allen in unserer Familie wird das Essen frisch zubereitet, und es wird nichts weggeworfen. Auch sind zwei von ihnen heute Veganer und einer Vegetarier. Sie essen vor allen Dingen deshalb kein Fleisch oder sind gegen tierische Produkte, weil sie nicht möchten, dass Tiere leiden, aber auch wegen der extremen C02-Belastung. Sie sind alle drei offene und neugierige Menschen geworden, die gerne Menschen in und aus aller Welt kennenlernen und einladen. So wie wir früher - wir hatten immer ein open house.

Ist es leicht, ein nachhaltiges Leben zu führen?

Nein, man kann es nur so gut wie möglich machen, und Spaß gehört zum Leben eben auch dazu. Ein bewusstes Leben ist für mich mein Rezept. Der Alltag nimmt ab und zu die Kreativität, und am Abend sieht man oft, dass man im Konsum etwas anders hätte machen können.

Für uns war z.B. der Bankenwechsel lang ein Thema, obwohl ich als nachhaltige Finanzberaterin ganz nah daran bin. Die regionale Sparkasse war seit der Kindheit mein Partner. Da ich aber weiß, wie wichtig es ist, dass Geldströme in die richtige Richtung fließen, haben wir uns nun für die Triodos Bank entschieden. Den Jungs fällt es viel einfacher, auf ein Auto zu verzichten. Sie sind es nicht gewöhnt, einfach ins Auto steigen zu können. Sie wählen ganz selbstverständlich die Öffentlichen, auch wenn es bedeutet, öfters umsteigen zu müssen und länger unterwegs zu sein. Sie lernen nette Menschen kennen, weil sie mit BlaBla Car unterwegs sind und machen so einen Spaß daraus.

Und beim Wohnen?

Hier machen wir kaum Kompromisse. Das wirkt sich auch in einer guten Atmosphäre bei uns zuhause aus. Natürliche Werkstoffe und weniger ist gepaart mit gemütlichen Kuschelecken und einer Küche, die einlädt zusammen zu kochen. Unsere Besucher meinen immer, dass es bei uns so unkompliziert und gemütlich ist. Ich bin heute glücklich, dass mein Mann und ich zu unserem Zuhause stehen können. Früher war ich schon das eine oder andere Mal versucht erklären zu müssen, warum wir dieses oder jenes nicht haben.

Wie sollte das Thema Nachhaltigkeit heute vermittelt werden?

Hier hat für mich die Gemeinwohlökonomie gute Ansätze. In verschiedenen Bereichen wie mein Umfeld oder das gesellschaftliche Umfeld werden in einer Matrix die Werte Menschenwürde, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz durch ein Punktesystem bewertet. Ich möchte mich durch eine Zertifizierung in der Zukunft für die Gemeinwohlökonomie stark machen. Ansetzen sollte man schon bei den Eltern. Kindergärten und Schulen können ihnen aufzeigen, wie das Leben einfacher und natürlicher gestaltet werden kann. Auch die Erzieher und Lehrer gehen heute zum Teil einen guten Weg in die richtige Richtung. Organisationen wie Energieagenturen schulen Kinder, Eltern, Migranten. Es gibt in unserem Land so viel ehrenamtliches Engagement, und auch seitens der Politik kann man Programme anzapfen.

Was ist Ihre Aufgabe im Leben?

Ich sehe es als meine Aufgabe, Menschen liebevoll einen Weg aufzuzeigen. Es geht nur mit Liebe und nicht mit Angst oder Drohung. Ein Einwirken auf Politiker seitens einer Änderung in der Landwirtschaftspolitik sehe ich als sehr dringlich an. Unsere Ernährung ist unsere Energie. Lebensmittel sind immer mehr zu Nahrungsmitteln verkommen. Hier kann man sich in Organisationen zusammenschließen und auf die Würdenträger einwirken. Da sich die Menschen im Internet zusammenfinden, können die sozialen Medien eine große Hilfe dabei sein.

Sie gehören zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit. Was verbinden Sie persönlich heute und in Zukunft mit diesem Thema?

Wir dürfen heute nicht auf die Kosten der nächsten Generationen leben und die Welt vergiften bzw. den Klimawandel vorantreiben. Wir sind es unseren Kindern schuldig, dass sie weiterhin in einer lebenswerten Welt leben können. Ich bin nach der Geburt meiner Kinder diesbezüglich aufgewacht. Ich wünsche mir eine gerechtere Verteilung der Ressourcen weltweit. Hierdurch und durch Bildungsoffensiven können Kriege und Völkerwanderungen vermieden werden. Ich denke, dass wir auf der Welt sind, weil wir eine Aufgabe haben. Wenn diese Berufung den Einzelnen bewusst wird, können sie sich dafür einsetzen, dass es eine gerechtere Entlohnung für alle, gute soziale Lebens- und Arbeitsbedingungen und Generationengerechtigkeit geben wird.

Last not least geht es mir darum, Gottes Schöpfung zu erhalten und davon zu erzählen - Kleinen und im Großen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Foto und Copyright: Claudia Behringer (mit Astrid Lindgren, Schweden, Sommer 2017)

Weitere Informationen auch zum beruflichen Werdegang von Claudia Behringer:

Alexandra Hildebrandt: Mit kleinen Schritten die Welt verbessern: Nachhaltig denken und handeln von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l., Kindle Edition 2017.

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