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Was hinter der Dokumentation „Embrace - Du bist schön" steckt

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Schöne neue Welt

Die australische Fotografin und dreifache Mutter Taryn Brumfitt löste mit einem ungewöhnlichen Vorher-Nachher-Foto ihres fast nackten Körpers auf Facebook Begeisterungsstürme aus. Ihr Post wird100 Millionen Mal in den sozialen Netzwerken angesehen. Als sie Mutter wurde, begann sie, an ihrem unförmigen Körper und an sich selbst zu zweifeln. Als ihr bewusst wird, welches Vorbild sie ihrer Tochter damit vermittelt, beschließt sie, ihren Körper so anzunehmen, wie er ist.

Die Dokumentation "Embrace - Du bist schön" begleitet sie zum Thema Selbstliebe und Body Positivity auf ihrer Reise zu einem gesunden Selbstbild. Sie erzählt von sich und lässt unterschiedlichste Frauen rund um den Globus über ihre eigenen Unsicherheiten dem eigenen Körper gegenüber sprechen. Mitproduziert hat den Film die Schauspielerin Nora Tschirner. Für sie ist Taryns Gegenentwurf zu den vorherrschenden Schönheitsidealen „einfach eine Wohltat", denn Medien, Werbung und Gesellschaft vermitteln ein falsches Körperbild, nach dem sich Frauen bewerten und verurteilen.

Parallel zum Film ist eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung zu verzeichnen, denn Frauen, die als Models arbeiten wollen, brauchen in Frankreich seit 6. Mai 2017 eine ärztliche Bescheinigung, dass ihr Gesundheitszustand dies zulässt. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Body-Mass-Index, der ihr Körpergewicht in Relation zu ihrer Körpergröße bewertet. Wer Models ohne diese Bescheinigung (die alle zwei Jahre erneuert werden muss) beschäftigt, muss künftig mit bis zu sechs Monaten Haft und 75.000 Euro Strafe rechnen.

Die Nachweise werden auch von Models aus anderen Ländern des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) verlangt, wenn sie in Frankreich arbeiten wollen. Ab Oktober 2017 müssen zudem Fotos in Werbung, Medien und im Internet mit dem Hinweis „retuschiert" versehen werden, wenn die Figur der Models am Computer nachbearbeitet wurde.

Das Gesetz wurde bereits im Januar 2016 verabschiedet, doch erst vergangene Woche veröffentlicht. Es soll verhindern, dass junge Frauen ständig mit dem vermeintlichen Vorbild sehr dünner Models konfrontiert sind. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums soll nicht mehr länger ein „unerreichbares Schönheitsideal" vorgegaukelt werden, das junge Frauen und Models in die Magersucht treibe. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Menschen als untergewichtig ein, deren Body-Mass-Index unter 18,5 liegt.

Die Leibhaftigen

Dass das Versprechen der Schönheit einen Wandel zu Natürlichkeit und Authentizität erlebt, ist nicht neu. Vor zehn Jahren gab es ähnliche Ansätze, den „Leibhaftigen" auch in der breiten Öffentlichkeit wieder Gewicht zu geben.

Wer ist schöner? Wer ist besser? Das Frauenbild, das in Reality-Shows lange als Zerrbild einer normierten Schönheit zelebriert wurde, war schon damals im Umbruch.
Kampagnen von Body Shop und Dove haben Jahre zuvor einem neuen Schönheitsideal den Weg geebnet. Statt Normmaßen zählen vor allem in Krisenzeiten Eigenart und Mannigfaltigkeit. „Be yourself!" ist die Botschaft an die selbstbewusste Frau von heute. Und immer mehr Unternehmen folgen dem Trend zu natürlicher Schönheit und Authentizität.

Dieses Nicht-identisch-Sein mit sich selbst machte Wolfgang Joop bereits vor einigen Jahren zum Thema seines Romans „Im Wolfspelz". Dessen Hauptfigur ist besessen vom Gedanken an das wahre Leben, das er ironischerweise durch Puppenspiel und den Kampf um Aufmerksamkeit zu realisieren sucht. Es ist eine kalte, fragwürdige Wahrheit, die sich in Kleiderpuppen ohne geistige Substanz manifestiert. Die Nachahmungen sind tot, tun aber so, als wären sie lebendig. "Puppen müssen funktionieren. Je abstrakter ihre Persönlichkeit ist, desto leichter kann ein Puppenspieler, ihr Mieter für einige Stunden, seine Vorstellung von Wirklichkeit auf sie projizieren. Was dann entsteht, nennt sich Zeitgeist."

In den vergangenen Jahren verlangten immer mehr "echte" Frauen eine Neudefinition der Schönheit. Und zwar eine, welche Eigenart und Mannigfaltigkeit berücksichtigt, statt einen körperlichen Idealzustand zu propagieren. Von zentraler Bedeutung waren dabei Natürlichkeit, Selbstbestimmtheit, Individualität, Ausstrahlung und Haltung, die mit Kultiviertheit und Individualität zu tun haben.

Denn Schönheit hat nicht nur mit Aussehen zu tun, sondern mit der gesamten Persönlichkeit. Mit der Ruby-Kampagne, die sich gegen gängige Schönheitsideale richtete und für mehr Selbstbewusstsein und Wohlbefinden eintrat, hat The Body Shop International im Jahr 1998 Millionen von Frauen angesprochen.

Das veränderte auch die Repräsentanten der Schönheit. "Keine Models, aber straffe Kurven." Mit diesem Satz schrieb Jörg Herzog Werbegeschichte. Als er früher bei einer Plattenfirma arbeitete, kam er angesichts eines Fotos der ungeschminkten Madonna vor weißem Hintergrund auf die Idee, anstelle des Popstars mollige Frauen mit starker Ausstrahlung ins Bild zu rücken - die Grundidee der Dove-Kampagne war geboren. Doch es dauerte noch einige Zeit, bis es so weit war.

Aus dem Konzept, mit "normalen" Menschen zu werben, entstand dann die Idee der "Dove-Aktion für mehr Selbstwertgefühl". Sie warb für wahre Schönheit und stellt überzogene Schönheitsideale infrage. Erklärtes Ziel: "Kindern und Jugendlichen zu helfen, ein realistisches Bild von Schönheit zu gewinnen und mit einem gesunden Selbstbewusstsein im Umgang mit dem eigenen Äußeren aufzuwachsen".

Die Aktion lud ein, "eine breitere Definition von Schönheit zu unterstützen und zu fördern". Damit zeigte Dove, dass es gut ist, zu dem zu stehen, wie frau ist. Und zu zeigen, dass sie trotzdem eine positive Ausstrahlung und Sex-Appeal hat - selbst wenn vielleicht ein paar mehr Kilo zu viel "drauf" sind.

Die authentische Werbung, die normale Frauen mit "Problemzonen" und Falten zeigte, war richtungweisend. Der Kosmetikhersteller änderte die Sicht auf Frauen und ihr Älterwerden.

So verwundert es auch nicht, dass der Markt für große Größen (ab Konfektionsgröße 44) seit 2008 überdurchschnittlich gewachsen ist. Sinnlichkeit ist nicht von Schönheitsidealen abhängig, sondern eingebunden in ein besonderes Körpergefühl. Frauen wie die Schauspielerin Christine Neubauer, die Autorin Susanne Fröhlich, die Sängerin Angelika Milster, die Politikerin Renate Schmidt oder die TV-Moderatorin Tine Wittler haben ihren Typ akzeptiert und verschwenden keinen Gedanken daran, dass Attraktivität eine Frage der - schmalen - Figur sein könnte.

In jedem Pölsterchen steckt Leben, und das sollte man(n) nicht wegschneiden. "Die Erscheinung verbirgt nicht das Wesen, sondern sie enthüllt es: Sie ist das Wesen." Jean-Paul Sartres Erkenntnis ist so wahr wie die von ihnen verkörperte Schönheit. Sie möchten ihr Selbst nicht verhüllen, sondern betonen.

"Be yourself!" So lautet das Versprechen der Schönheit. Damit wird sie wieder das, was sie sein sollte: natürlich.

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