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Was Glückskinder anders machen und warum sie Erfolg haben

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Warum kommt das Glück zu manchen Menschen so selten und warum zu anderen auffällig oft? Sind Glückskinder instinktsicherer, weil sie mit nachtwandlerischer Sicherheit den Weg Fortunas zu gehen wissen, sie zwingen, sie sich dienstbar zu machen durch Zupacken oder List?

Hinter dem Motiv des Zugreifens(„Erkenne die Lage") steht das alte Bild von Occasio, der Göttin mit der Haartolle vorn und der Glatze hinten: Wird das Haar nicht im rechten Moment gepackt, fasst man ins Leere, und die Göttin ist vorbei gezogen. Ende des 16. Jahrhunderts war Fortuna in England ein bedeutendes mythologisches Denkbild, das verbunden war mit Eigenschaften wie praktischer Klugheit, Wagemut, Anpassungsfähigkeit und dem Erfassen des rechten Moments. Damit hängt allerdings auch zusammen, dass Fortuna als Disposition bereits bei den Glücksfindern angelegt sein muss. „Man sieht nur, was man weiß" ist mehr als nur ein Werbespruch eines Reisebüros. Man findet ihn schon bei Theodor Fontane.

Das Rad der Fortuna symbolisiert die Wechselfälle des menschlichen Schicksals. Es wirft die einen ab und trägt die anderen nach oben. Für alle kommt die Schicksalswende unerwartet und wider alle Logik. Die Botschaft ist: Sei dir deiner Sache nie sicher - alles kann sich von einem zum anderen Augenblick ändern. In der Neuzeit wird die Glücksgöttin nicht mehr allein mit ihrem Rad dargestellt, sondern auch mit maritimen Emblemen wie dem geblähten Segel und dem Steuerruder. Neben der Kugel ist es ihr ältestes Attribut, das zeigt, dass sich das Glück auch der eigenen Tüchtigkeit verdankt.

Das erzählte Glück in den meisten Märchen ist ebenso immer vom Glück des Tüchtigen bestimmt, der es erarbeitet und deshalb auch verdient hat. Die Neuzeit fügt den maritimen Zeichen noch den Würfel hinzu, deren Fall den Begriff des „Risikohandelns" generiert: die Chance (Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals).

Glückskinder leben auf eine Art, die es ihnen ermöglicht, in jedem Augenblick Chancen, die weder zahlreich noch selten sind und nicht immer wie Chancen aussehen, zu entdecken und mühelos zu nutzen. Der Business-Experte Hermann Scherer spricht zu Recht vom „Chancenblick" der selektiven Wahrnehmung, die ihnen eigen ist. In seinem gleichnamigen Buch „Glückskinder. Warum manche lebenslang Chancen suchen - und andere sie täglich nutzen" (http://www.hermannscherer.de/home/?buch=gluckskinder) beschreibt er sie und gleichzeitig sich selbst: Sie packen sofort an und sehen Lösungen, wo andere reden und Probleme sehen. Sie bringen die Dinge ins Laufen, auch wenn sie unvollständig sind - der Anfang verschafft ihnen den entscheidenden Vorsprung.

Wer Chancen erkennen und nutzen will, sollte sich nicht anpassen und die Nischen und Ränder suchen. Wer bietet, was alle bietet, so Scherer, erhält auch nur das, was alle haben: das Durchschnittliche: „Diejenigen, die in der Welt vorankommen, gehen hin und suchen sich die Umstände, die sie brauchen. Und wenn sie sie nicht finden, dann machen sie sie sich selbst." Es ist immer ein Trotzdem, das diese Menschen innerlich bewegt und vorwärts bringt. Er zitiert Gerd Müller als das „größte Tier in der Geschichte des Fußballs": „Wenn's denkst, is' eh zu spät". Nach-Denken kommt für ihn immer zu spät - nämlich dann, wenn eine Entscheidung schon gefällt wurde. Das bestätigt auch die ehemalige Nationalspielerin Katja Kraus: „Ich habe nie Elfmeter gehalten. Ich habe immer zu viel gedacht in solchen Situationen. Wenn ich überlegt habe, was die Schützin denkt, was ich denke, was sie denkt - dann war der Ball schon drin. In intuitiven Situationen war ich eindeutig besser." (http://www.zeit.de/2013/32/fussball-torhueterin-katja-kraus)

Fußballgeschichten sind immer auch Glückgeschichten, die nicht nur von Journalisten geschrieben, sondern auch selbst erlebt werden: Rainer Holzschuh, Herausgeber des „kicker", wollte eigentlich Jurist werden. Doch dann kam alles anders: „Nach meinem Abitur in Regensburg und der Bundeswehr habe ich angefangen zu studieren. Für einen Kumpel, der sonntags beim Regensburger Tagesanzeiger Tabellen ausgerechnet hat, bin ich eingesprungen, weil der zum Antrittsbesuch bei den Eltern seiner Freundin eingeladen war. Rechnen konnte ich. Und da habe ich dann für eine Mark fünfzig die Stunde Tabellen erstellt. Das war mein erster Kontakt zum Journalismus. Ein paar Wochen später durfte ich die ersten Zeilen schreiben, habe Torschützen und Ergebnisse eintelefoniert. Von Jahr zu Jahr wurde es mehr. Bis irgendwann der einzige Sportredakteur dieser Zeitung zu mir sagte: 'Ich habe so lange keinen Urlaub gemacht, vertreten Sie mich doch mal.' Da habe ich zunächst drei Tage neben ihm gesessen und ihm über die Schulter geschaut. So ging's 1968 los." 1970 stellte er sich bei der Augsburger Allgemeinen vor: „Ich bin mehr aus Neugierde hingefahren, wollte mit denen reden und pokern, das Spesengeld kassieren und weiterstudieren. Ich dachte, die werfen mich gleich bei meiner ersten Forderung raus. Aber die haben meine ersten beiden Ansprüche, Eishockey und Formel 1 zu übernehmen, ebenso abgenickt wie die dritte Forderung nach übertariflicher Bezahlung und mich sofort als Sportredakteur eingestellt."

In Augsburg machte er sich schnell einen Namen als jemand, der Haltung hat, worauf er sich nach einem Jahr beim Kicker bewarb und dort als Regionalredakteur arbeitete. Vom DFB erhielt er einen Fünf-Jahres-Vertrag. Nach rund 18 Monaten bot ihm der damalige Kicker-Chefredakteur Karl-Heinz Heimann an, sein Nachfolger zu werden: „Ich habe so viel Glück in meinen Leben gehabt, das ist kaum zu fassen. Ich bin an einem Sonntag geboren, das erklärt einiges." (http://www.mittelhessen.de/sport/sport-aus-der-region_artikel,-Die-Profis-werden-gleichgebuegelt-_arid,83738.html)

Glückskinder bringen mit ihrem Chancenblick aber nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt voran. Hermann Scherer betont zu Recht: „Glückskinder halten Abstand zu sich selbst. Um sich näher zu sein." Sie nehmen sich selbst nicht zu wichtig, sondern die Sache, um die es ihnen geht. Die Lieblingstochter von Thomas Mann, Elisabeth Mann Borgese, einziges weibliches Gründungsmitglied des Club of Rome und maßgeblich an der UN-Seerechtskonvention von 1982 beteiligt, antwortete einmal auf die Frage, was für sie Glück bedeute, dass es die wenigen essentiellen Dinge sind, auf die es anzukommen scheint. Zu viel Selbstreflexion, wie es den meisten der Manns eigen war, hätte ihr den (Chancen)Blick für eine bessere Welt versperrt. Glück ist immer der Teil, der über das eigene Leben hinausreicht.

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