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Was es heißt, solidarisch zu sein

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Solidarität 2.0

Jemand wird solidarisch genannt, wenn er sich für andere einsetzt, ihnen helfen möchte und eine Haltung hat. In der Öffentlichkeit wird Solidarität als eine Art Bekenntnis wirksam, das dazu beiträgt, die soziale Bindung zu stärken.

Die Ursprünge des Begriffs reichen bis ins römische (Schuld-)Recht zurück. Vom „Solidus" der Spätantike leiten sich „solide" und „solidarisch" ab. Seine politische Bedeutung erhielt das Wort Solidarität allerdings erst durch die Französische Revolution:

Aus der Parole der „Brüderlichkeit" entwickelte sich die der Solidarité. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff dann im Englischen verankert. Danach nutzten ihn vor allem linke Gruppierungen im Sinne einer internationalen Arbeitersolidarität.

Die Begriffe Brüderlichkeit und Solidarität mögen antiquiert anmuten, gewinnen jedoch im Digitalisierungszeitalter wieder verstärkt an Bedeutung.

So wählte die Schauspielerin und Sängerin Natalia Avelon, die die Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT von Valerie Niehaus unterstützt, das Wort Brüderlichkeit aus und bemerkt dazu:

"Die Aufmerksamkeit auf die wichtigen Dinge lenken. Wenn man gemeinsam, zusammen auf die Straße gehen würde, würde man auch mehr erreichen, bei der Elite, die uns anführt. Brüderlichkeit ist auch Zivilcourage!"

In diesen Zusammenhang gehören auch die Kraft des Internets und die Macht des Bloggens, denn sie unterstützt uns darin ...

• laut und vernetzt zu denken
• Gedanken zu fokussieren
• unterschiedliche Menschen, Ansichten und Wertvorstellungen zu verbinden
• neue Möglichkeiten globaler Gruppenbildung zu nutzen und Möglichkeitsräume zu erweitern
• den Zugang zu Informationen zu öffnen
• die (Netz-)Solidarität zu stärken und öffentlich Stellung zu beziehen.

Jeder gegen jeden: Hinsehen statt wegsehen

Soziale Netzwerke wie nebenan.de und Wirnachbarn.com machen Menschen nicht nur miteinander bekannt, die im selben Viertel wohnen, sondern sorgen auch für soziale Mehrwerte (so können ältere Menschen länger in ihrer gewohnten Umgebung bleiben) und stärken die (Solidar)Gemeinschaft.

Auch der Begriff Gemeinschaft findet sich auf der Website AUF EIN WORT - er wurde von der Schauspielerin und Synchronsprecherin Katrin Heß ausgewählt.

Ihr geht es um hinsehen statt wegsehen vor der Kulisse einer gespaltenen Gesellschaft.

Was hier im übertragenen Sinne gemeint ist, findet sich konkret im österreichischen Theaterstück JEDER GEGEN JEDEN. Das meint: Alt gegen Jung. Arm gegen Reich. Mann gegen Frau. Arbeitslose gegen Berufstätige.

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Copyright: Gerhard Breitwieser

In einem theatralen Schaukampf wird gezeigt, was von einer Gesellschaft übrig bleibt, „wenn Grenzzäune im Außen auf das Innen wirken. Zwischen harten Beats und betörenden Balladen wird die schleichende Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft auf den Einzelnen, auf das Individuum heruntergebrochen".

Der Autor und Regisseur Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble setzen dabei nicht starr vorgegebene Stücktexte um, sondern entwickeln den Stoff mit Interviews der DarstellerInnen. Deshalb kann aktuell und spontan auf gesellschaftliche und politische Situationen reagiert werden.

Bei JEDER GEGEN JEDEN handelt es sich um eine Neubearbeitung der Produktion aus dem Bregenzer Festspielhaus (Premiere ist am 22. September in Wien):

In vorauseilender Paranoia werden die österreichischen Grenzen dicht gemacht. Mit dem Fehlen „der Solidarität zum Außen bricht auch die Solidarität im Innen".

Vor dieser Kulisse entwirft Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble das Bild einer schleichenden Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft und bricht dieses Szenario auf Alltagskonflikte herunter.

Waren die Protagonisten aus „Pension Europa" noch zu einem empathischen Miteinander fähig, so dienen die fragmentarischen Dialoge der Figuren nur noch dazu, die eigene Karriere voranzubringen:

Roswitha ist die prototypische Wutbürgerin, für die (dank TTIP und Finanzwelt) alles den Bach runter geht. Babett ist Mietshausbesitzerin, findet aber keinen Anschluss. Kirstin will keinen Anschluss, fühlt sich vom sozialen Umfeld bedrängt.

Isabella will endlich bei einem positiven Stück mitspielen, Susanne ist das alles egal. Martin ist Anarchist und hätte die Lösung, die aber niemand hören will. Alexander will das auch nicht, freut sich aber, wieder alles sagen zu dürfen. Alev geht ihre Großfamilie auf die Nerven, und Michaela will unbedingt ein Watschenspiel machen...

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Copyright: Gerhard Breitwieser

Das Stück zeigt, was Wertezerfall und Entsolidarisierung mit uns machen, wie zerbrechlich wir sind im Scherbenhaufen der großen Weltbühne, an der er wir uns unentwegt schneiden.

Indem wir wieder lernen zu schauen, zu fragen und zuzuhören (für den Management-Theoretiker Peter Drucker gehört dies zur zielgerichteten Innovation), steht nicht mehr das das Ausgrenzende im Fokus, sondern das Verbindende.

Die Macht der Gemeinschaft

„Achten wir auf die Bedürfnisse der Machtlosen unter uns, können wir unsere Macht nutzen, um Gutes zu tun und der Gesellschaft auf nachhaltige Weise dienen." Schreibt der Psychologieprofessor der University of California, Dacher Keltner, in seinem aktuellen Buch „Das Macht-Paradox" (Campus Verlag), in dem er sich mit der Frage beschäftigt, wie wir Einfluss gewinnen - oder verlieren.

Bereits als Teenager las er Bücher von Virginia Woolf und Gedichte bedeutender Romantiker. So wurde er schon früh mit biologischen und entwicklungsgeschichtlichen Aspekten menschlicher Emotionen vertraut.

Nach seiner Promotion an der Stanford University arbeitete er in San Francisco bei Paul Ekman, dem Pionier der Emotionsforschung.

Heute leitet Keltner als Fakultätsdirektor das UC Berkeley Greater Good Science Center, eine gemeinnützige Organisation verschiedener Forscher, die Glück und Altruismus untersuchen.

Bleibende Macht hängt für ihn davon ab, einfache Dinge zu tun, die gut für die anderen sind.

Er bricht damit das negative Bild auf, das häufig mit Macht in Verbindung gebracht wird (z.B. Machtmissbrauch und unethisches Verhalten).

Macht gedeiht dort, wo Solidarität und Begeisterung spürbar sind, wo positive Einflussnahme durch Freundlichkeit, Gemeinsinn und Gerechtigkeit wächst. Sie ist das Ergebnis „kleiner Handlungen" und des persönlichen Engagements, das Solidarität AUCH bedeutet.

Die Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber, die hauptberuflich als Leiterin Unternehmenskommunikation bei der memo AG arbeitet, wählte für die Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT den Begriff "Engagement" aus, weil ohne Engagement für sie gar nichts laufen würde:

„Wenn ich nicht engagiert bin, bin ich nicht motiviert, habe keine Ideen und bin nicht kreativ. Wenn mir Sachen egal sind, sind sie von Haus aus zum Scheitern verurteilt. Engagement kommt - zumindest bei mir - oft gegenteilig bei den Menschen an, sprich sie empfinden mich als nervig, penetrant und hyperkorrekt. Dahinter steckt jedoch die Tatsache, dass mein Engagement zu einem positiven Ende oder Ergebnis führt."

Dafür "kämpft" sie, wenn sie von etwas überzeugt ist.

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Claudia Silber und Uwe Johänntgen (l.) mit Jutta Speidel und Christine Lindemann (HORIZONT e.V.) bei den Burgthanner Dialogen 2013 (Copyright: Gemeinde Burgthann)

Wer sich mit dem Thema Solidarität und all seinen Facetten beschäftigt, wird immer wieder auf die Themen Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit zurückgeführt sowie auf die Themen Nähe und Nachbarschaft.

Gute Nachbarschaft ist kein Konzept von gestern

Der internationale Innovations- und Managementexperte Tim Leberecht, Autor des Bestsellers „Business-Romantiker", der in der Regel vor 4000 bis 6000 Menschen spricht, wird am 14. Oktober im Rahmen der nicht-kommerziellen Burgthanner Dialoge vor einer kleinen „Gemeinschaft" von etwa 140 Personen sprechen, was zugleich auch eine enorme Symbolik hat, denn vieles, was für Unternehmen gilt, gilt auch für die Gesellschaft und die in ihr lebenden Gemeinschaften. Das Kleine spiegelt sich im Großen und umgekehrt.

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Heinz Meyer (links) mit Ehrengast Jutta Speidel und einigen „Gesichtern der Nachhaltigkeit" bei den Burgthanner Dialogen 2013 (Copyright: Gemeinde Burgthann)

So ist es für den 1. Bürgermeister der Gemeinde Burgthann, Heinz Meyer, der Schirmherr der jährlich stattfindenden Veranstaltung ist, selbstverständlich, Traditionen zu bewahren und aufgeschlossen für Innovationen zu sein - „eine wichtige Voraussetzung für eine wirtschaftlich starke, umweltbewusste und liebenswerte Gemeinde, die zugleich für kleine überschaubare Lebensräume mit einer funktionierenden ehrenamtlich getragenen Bürgerkultur steht".

Hier gibt es über 1000 Betriebe, die ein wichtiger Bestandteil im Leben der Gemeinschaft geworden sind.

„Eine optimale Förderung von Jungunternehmern und eine gezielte Ansiedlung von Klein- und Mittelbetrieben sind mir große Anliegen, um daraus hervorgehende Potenziale für die Entwicklung unseres Wirtschaftsstandortes auszuschöpfen", sagt er.

Mit Blick auf die Europäisierung sei in Netzwerken und größeren Wirtschafts-und Lebensräumen zu denken und zu handeln.

Dieses „kleine Beispiel" ist ein Teil fürs Ganze, denn eine Gesellschaft ist erst tragfähig, wenn die in ihr lebenden Gemeinschaften gut funktionieren und Sinn schaffen, der für Leberecht „tiefgründig, gemeinschaftsorientiert und transzendent" ist.

Letztlich suggeriert Sinnhaftigkeit für ihn fast immer „eine Verbindung zu einem größeren Gemeinschaftsgefühl", das wir dringend brauchen, um auch weiterhin solidarisch zu sein.

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Copyright: Tim Leberecht

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