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Was die soziale Mitte unserer Gesellschaft zusammenhält

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Kelvin Murray via Getty Images
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„... dass die Neu-Definition des Begriffs Familie mehr als überfällig ist, ist ja wohl klar angesichts der aktuellen Mischung aus sozialen Bedürfnissen und technischen Möglichkeiten." (Tamara Dietl)

Die Familie und ihr Unternehmen

Wertschätzung, Vertrauen und Bescheidenheit. Auf diesem moralischen Fundament beruht das Führungsmodell des 2005 verstorbenen Ökonomen Peter Drucker, dem sich die Einsicht verdankt, dass das Management eine gesellschaftliche Aufgabe und soziale Innovation ist und Unternehmen einen sinnvollen Daseinszweck, ein höheres Ziel, brauchen, um im Wettbewerb nachhaltig bestehen zu können. Diese Gedanken sind auch heute höchst aktuell.

Aufgabe einer starken Führungskraft ist es, bei Krisen Kurs zu halten und einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, eine leistungsfähige Organisation aufzubauen und Menschen zu fördern. Kenntnisse der Menschenführung, Einfühlungsvermögen, Takt und diplomatisches Geschick sind dabei unabdingbar.

Die meisten nachhaltig ausgerichteten Familienunternehmen vertreten auch in Zeiten der Globalisierung über Jahrzehnte hinweg gleich bleibende Werte: Hier besteht die Verantwortung gerade darin, aus innerer Überzeugung und Pflichtgefühl heraus für die Folgen seines Handelns einzustehen, das Unternehmen langfristig zu erhalten, indem es auf eine nachhaltig solide Grundlage gestellt wird.

Angela Merkel sagte in ihrer Festrede auf dem „Tag des deutschen Familienunternehmens" der Stiftung Familienunternehmen im Juni 2016: „Familienunternehmen sind keine Organisationsform, sondern eine Haltung."

Die soziale Mitte

Wie sehr der Begriff „Familie" mit dem Privaten und Beruflichen verschmilzt, zeigt sich am Beispiel des persönlich und unbeschränkt vollhaftenden Eigentümers des Textilunternehmens Trigema, Wolfgang Grupp, der von seiner „Firmenfamilie" spricht: Darin ist er „so etwas wie der Versorger, der Verantwortliche für über tausend Lebensläufe".

Die Institution „Familie" ist laut Familienreport 2009 des Bundesfamilienministeriums von besonderer Bedeutung, weil sie das Rückgrat und die „soziale Mitte unserer Gesellschaft" sei.

Schon in der klassischen Unternehmerfamilie spielte die Ehefrau eine wichtige Rolle. Der Rechtswissenschaftler, Rechtsanwalt und Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Familienunternehmen, Prof. Brun-Hagen Hennerkes, führt dazu in seinem aktuellen Buch „Die Familie und ihr Unternehmen" eine Vielzahl von Beispielen an:

Er lernte in seinem Berufsleben viele intakte Unternehmerehen kennen, in denen sich die Ehepartner auf einzigartige Weise ergänzten. Es waren vor allem die Ehefrauen, die nicht nur eine unersetzliche Stütze, sondern im Unternehmen auch wichtige Aufgaben übernahmen. Dabei müssen sich Kind und Karriere nicht ausschließen.

Familienfreundlichkeit ist ein wesentliches Merkmal dieser Unternehmen - auch wenn die Diskussionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft darüber weiter anhalten und sich in den vergangenen Jahren verschärft haben.

Die neue Rolle der Ingenieure

Positiv zu beobachten ist, dass sich heute vor allem Bereiche öffnen, die vor Jahren noch als reine Männerdomäne galten: die Welt der Ingenieure, die in unserer komplexer werdenden Welt immer mehr an Bedeutung gewinnt.

„Wir brauchen Ingenieure mit mehr Weitblick", schrieb Prof. Dr.-Ing Michael F. Jischa, Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, bereits 2012 und beklagte, dass das Nachdenken über die nachhaltigen Folgen des Handelns bei Ingenieuren kaum stattfinden würde - höchstens in Vorlesungen wie Technikbewertung oder Technikgestaltung.

Eine positive Entwicklung ist, dass Ingenieurbüros und Personalunternehmen, die in Familienhand liegen, in besonderer Weise auf eine nachhaltige Ausrichtung des Berufsbildes achten und es selbst vorleben.

Dazu gehört beispielsweise die Neumüller Gruppe in Nürnberg. Ihr Geschäftsführer Werner Neumüller, der das Diktum des Unternehmers Reinold Würth, „Schaffe! Net schwätze", zu seinem Leitsatz erklärt hat, studierte nach Schule, Berufsausbildung und Fachabitur Maschinenbau an der FH Regensburg.

Nach einer ersten Anstellung bei der Jungheinrich AG Hamburg wechselte er nach fünf Jahren zur Herberg Ingenieurbüro GmbH in die Personaldienstleistung. Nach weiteren fünf Jahren erfolgte die Gründung der ersten eigenen Unternehmungen.

Der Familienunternehmer orientiert sich von seinem Naturell her eher an Chancen als an Risiken. Er ist überzeugter Optimist.

Marie-Lucie Linde, Chefredakteurin des Nachhaltigkeitsmagazins N-Kompass, fragte ihn im Interview, warum ihm als Mittelständler und Familienunternehmer Ehrlichkeit und Fleiß so viel bedeuten - seine Antwort: Weil dies mit der Unternehmensidentität (DNA) zu tun hat. Nachhaltigkeit gebe es ohne diese beiden Werte nicht:

„Ich habe gelernt, dass ich ehrlich sein und mit Fleiß ausreichend Leistung erbringen kann, um mich so durch Outperformance vom Durchschnitt abzusetzen. Nachhaltigkeit entsteht so für mein Dafürhalten automatisch über die Zeit. Jeder fleißige Mensch wird versuchen, die Umwelt mit den Menschen, mit denen er lebt, zu erhalten und chancengleich zu fördern.

Der Ehrliche wird soziale Verantwortung nach Möglichkeit durch Unterstützung von sportlichen, kulturellen oder sozialen Projekten annehmen, sei es ehrenamtlich und/oder durch Spenden. Es geht um das Vertrauen der Menschen zueinander und untereinander."

Doch was heißt das konkret? Wie wird Familienfreundlichkeit hier wirklich gelebt?

Das Unternehmen braucht keine Frauenquote, was auch die Ansicht von Brun-Hagen Hennerkes spiegelt, der bemerkt, dass die allgemeine Frage der grundsätzlichen Anerkennung der Frau und ihrer Gleichstellung mit dem männlichen Geschlecht in der Wirtschaft heute „hoffentlich" überwunden ist: „Hier hilft eine Frauenquote ohnehin nichts."

Soweit es um die Anerkennung der Frau und deren Leistung in Führungspositionen bei Unternehmen geht, sind Frauen in Familienunternehmen seit Jahrzehnten anerkannt, akzeptiert und haben auch mit der notwendigen Öffentlichkeitswirkung große Aufbauleistungen erbracht.

Er belegt dies durch Beispiele wie die von Käthe Dassler, Johanna Ahlmann, Grete Schickedanz, Irene Kärcher und in jüngster Zeit Nicola Leibinger-Kammüller oder Brigitte Vöster-Alber.

Das sind die bekannten Vorzeigebeispiele - aber es gibt auch etliche unbekannte, die es genauso wert sind, kommuniziert zu werden:

Die interne Besetzung verantwortungsvoller Positionen von Frauen bei den Neumüller Unternehmungen (ca. 350 Mitarbeiter) ist überdurchschnittlich hoch: angefangen beim Spitzenmanagement (die weibliche und männliche Geschäftsführung haben

Regina und Werner Neumüller), über das obere Management (je ein Mann und eine Frau bis zum Mutterschutz) und das mittlere (mehr Frauen als Männer) bis zur Belegschaft, wo der Frauenanteil in den MINT-Fächern etwa doppelt so hoch ist, wie bei den Kunden von Neumüller.

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Regina und Werner Neumüller (Copyright: Neumüller Ingenieurbüro GmbH)

Intern werden jene Frauen gefördert und ermutigt, die sich für eine weiterführende Aufgabe interessieren. So sind z.B. die ehemalige Buchhalterin oder Empfangsdame mittlerweile beide Führungskräfte im HR-Umfeld, sagt Neumüller, der allerdings auch betont, dass Frauen generell anders Karriere machen als ihre männlichen Kollegen: „mehr kollegial, weniger egoistisch".

Es kommt noch ein anderer Aspekt hinzu, auf den Hanno Kahnt verweist, der den Studiengang Elektrotechnik in Jena aufgebaut hat:

Männer seien manchmal praxisorientierter, „bauten drauflos und müssten das Modell dann korrigieren, weil sie nicht richtig geplant hätten. Frauen überlegten länger, das bauen gehe aber zügiger, weil der Plan stimmt." (Gianna Niewel: Messbarer Widerstand, in: SZ 20.6.2016) Die Lösungswege mögen sich zwar unterscheiden, die Ergebnisse aber seien meist gleich (gut).

Für Neumüller ist die Gleichbehandlung von Frauen und Männern selbstverständlich - alle werden entsprechend ihrer Qualifikationen und Fähigkeiten entlohnt, unabhängig ob Mann oder Frau.

Angeboten werden familienverträgliche Teilzeitarbeit für Mütter, Teams von Voll- und Teilzeit-MA/innen garantieren gegenseitige Vertretung. Aufgaben werden nach Absprache familienfreundlich umorganisiert (z. B. durch Homeoffice).

„Zusätzlich wird über Work Life Efficiency berufliche Entwicklung, familiäre Verpflichtungen und persönlich Notwendiges verstärkt in Einklang gebracht", sagt der Geschäftsführer.

Damit würden nicht nur zusätzliche berufliche Erfolgserlebnisse entstehen, sondern es wird auch das persönliche Wohlbefinden gefördert, das sich wiederum auf das private und familiäre Wohlergehen positiv auswirkt.

Das bestätigen auch aktuelle Studien: Familienfreundliche Unternehmen verzeichnen weniger krankheitsbedingte Fehltage und haben produktivere, motiviertere und zufriedenere Mitarbeiter.

Sie gehören wie die hier vorgestellten zu jenen Unternehmen, „die lieber nachhaltig, substantiell und gesund wirtschaften wollen". Sie meiden darum „das grelle Schaufensterlicht des Börsentrubels tunlichst. Die typisch deutschen mittelständischen Familienunternehmen jedenfalls können Sie nicht so leicht herauf- oder herunterjubeln und die brauchen auch keine frisierten Abgaswerte, um kurzfristige Erfolgsmeldungen auf schwierigen Märkten zu vermelden." (Hermann Scherer)

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