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Warum wir der Digitalisierung nicht blind vertrauen sollten

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DIGITALISIERUNG
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Die Rolle der Digitalisierung verstehen

Wer sich heute mit dem weiten Feld der Digitalisierung beschĂ€ftigt, muss vieles gleichzeitig können: einen analytischen Blick fĂŒr die großen ZusammenhĂ€nge haben, aber auch Details und NebensĂ€chlichkeiten ernst nehmen, aktuelle gesellschaftliche technologische Entwicklungen berĂŒcksichtigen und (im Sinne der Philosophin Hannah Arendt) sein Denken, Verstehen, Erleben und Handeln verĂ€ndern.

Gemeinsam mit Werner LandhĂ€ußer wurde ĂŒber Monate Material zusammengetragen und mit namhaften Expertinnen und Experten kostenlos der Herausgeberband „CSR und Digitalisierung" erstellt, der Anfang 2017 bei SpringerGabler erscheint.

Wir konnten lediglich eine thematische Auswahl treffen und unverbundene Themen miteinander in Beziehung setzen. Dabei erinnerten wir uns auch an die Worte des Arztes, Dichters und Essayisten Gottfried Benn, der einmal sagte:

„Ich habe es nicht weiter gebracht, etwas anderes zu sein als ein experimenteller Typ, der einzelne Inhalte und Komplexe zu geschlossenen Formgebilden fĂŒhrt."

Solche offenen AnsÀtze braucht es heute, um Menschen in eine produktive Position im Umgang mit dem Thema Digitalisierung zu bringen. Dabei geht es um positive und negative Entwicklungen und Dinge, die unsere IdentitÀt und unser Handeln prÀgen.

Wir sollten verstĂ€rkt die Vielfalt zeigen, die mit dem digitalen Wandel verbunden ist und dazu beitragen, nicht nur in Kategorien von schwarz (digitale Abstinenz) und weiß (vollmundige Verheißungen der schönen neuen Welt) zu denken.

Worauf es heute vor allem ankommt, ist, die Rolle der Digitalisierung zu verstehen, um sie richtig gestalten zu können (statt sie nur zu verehren oder zu verfluchen).

Der verstorbene Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, machte in seinen BĂŒchern „Payback" und „Ego" Algorithmen verantwortlich fĂŒr die Endsolidarisierung der Gesellschaft und den „Siegeszug des digitalen Kapitalismus".

Leben auf Autopilot

Zu diesem Themenkomplex erschien gerade das aktuelle Buch von Gerd Pfitzenmaier: „Leben auf Autopilot. Warum wir der Digitalisierung nicht blind vertrauen sollten" (oekom Verlag), auf das im CSR-Herausgeberband aufgrund des Erscheinungstermins leider nicht mehr Bezug genommen werden konnte. (In diesem HuffBlog werden deshalb auch kĂŒnftig Themen aufgenommen, die wichtige ErgĂ€nzungen zum Herausgeberband darstellen.)

Seit den 1980er-Jahren konzentriert sich Gerd Pfitzenmaier in seiner publizistischen Karriere auf die Themen Umwelt, Energie und Nachhaltigkeit. Der ehemalige Chefredakteur der Zeitschriften „Natur" und „Natur & Kosmos" lebt als freier Publizist in MĂŒnchen.

Ihn beschĂ€ftigt derzeit, inwieweit der augenblickliche Hype um die Digitalisierung unsere Gesellschaft verĂ€ndert: Es geht ihm dabei weniger um die technische Seite (da sei er „Realist"): „Was gemacht werden kann, wird irgendwann gemacht".

Ihn interessiert eher, „was die immer engere Daten-Vernetzung (und unser vergeblicher Versuch, Herr unserer Daten zu bleiben) sowie die ausschließliche Fixierung aufs Ökonomische, die der wesentliche Treiber dafĂŒr ist, mit uns anrichten".

Pfitzenmaier ist sich sicher: „Das prĂ€gt unsere zwischenmenschliche Ebene um. Es verwischt RealitĂ€t und Virtuelles."

Wenn er die Kids auf der Jagd nach Pokemons betrachtet, die sich allabendlich im Park am MĂŒnchner Bordeauxplatz tummeln, wird ihm bange, wie sie ihren "Freunden" im Laufschritt durch die Straßen hinterherjagen und sich völlig ohne nachzudenken von einem Computerprogramm manipulieren lassen...

Dann wird ihm bewusst, wie aktuell George Orwell ist und wie Recht heute Wissenschaftler wie Sarah Spiekermann haben:

„Sie fordert eine ethische Einbindung der Maschinen in ein GefĂŒge, die - und nur sie allein - garantieren kann, dass diese ‚schöne neue Welt' nicht aus dem Ruder lĂ€uft".
Dann setzt er auf KĂŒnstler, die uns voraus sind, weil sie sich ihr GespĂŒr bewahrt haben, „Zeitströmungen zu fĂŒhlen und sie mit Literatur, Bildern oder Filmen auf den Punkt zu bringen".

Dann hofft er, dass wir so sensibel sind, „wenigstens diese Botschaft zu vernehmen: dass jede Seite auch eine Kehrseite besitzt". Sie zu entdecken ist jetzt dringlich, denn nur dann wird uns Menschen bewusst, „wie viel Macht wir der Technik zugestehen wollen und welches Leben wir erstreben".

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Gerd Pfitzenmaier (Copyright: Frank Hanewacker/Sedan Sieben)

In seinem aktuellen Buch geht er der Frage nach, was passiert, „wenn unsere Versorgungsnetze durch diesen Fortschritt immer anfĂ€lliger werden? Entscheidet sich der Bordcomputer im Auto im Falle eines Unfalls ‚richtig', wenn er das Leben des Fahrers schĂŒtzt, das des FußgĂ€ngers aber nicht?" Wie viel Macht gestehen wir der Technik zu, und welches Leben ist erstrebenswert?

Er zeigt, wie problematisch es ist, mit Algorithmen ĂŒber das Leben von Menschen zu urteilen:

„Sie bestimmen, wer welchen Kredit zu welchen Konditionen bekommt, wer fĂŒr welchen Job am geeignetsten erscheint oder welche Produkte man auf den Einkaufszettel schreibt. Sie schĂ€tzen nach geheimen Scorings die BonitĂ€ten der Kunden, beurteilen, wie gut sich Kandidaten in ein Team integrieren, oder schlagen uns - ebenfalls nach undurchschaubaren Rechenmethoden - vor, unter welchen Waren wir aussuchen sollen, was uns gefalle."

Pfitzenmaier unterzieht den Hype um das Internet der Dinge einer „PrĂŒfung" und plĂ€diert dafĂŒr, nicht alles umzusetzen, was möglich ist, weil jenseits der Annehmlichkeiten auch eine Vielzahl von Risiken lauern: vom einfachen Kurzschluss, der Stromnetze lahmlegt bis hin zu Sabotageakten durch Hacker und Terroristen.

Umso wichtiger sei es, dem Wandel, der unsere Welt gerade grundlegend umwĂ€lzt, nicht blauĂ€ugig zu vertrauen, sondern „kritisch bedenkend" zu begegnen und den Fortschritt - soweit möglich - bewusst zu steuern.

Viele Themen dieses HuffBlogs fĂŒgen sich ins thematische Netzwerk des Buches von Gerd Pfitzenmaier, etwa wenn es um das „große Plus des Menschen" geht: seine KreativitĂ€t und das BauchgefĂŒhl, ĂŒber das heute mindestens genauso viel geschrieben und diskutiert wird wie ĂŒber die Digitalisierung.

Flucht in die Zukunft

Interessant ist auch der Passus bei Pfitzenmaier ĂŒber das traditionelle Motiv der Siebenmeilenstiefel, mit denen „die Menschen auf dem Weg in diese neue Welt immer mehr Grenzen" ĂŒberwinden.

Schon in Paul Virilios Lehre von der Dromologie (Lehre von der Geschwindigkeit) wurden sie mit der alogischen Zeitvernichtung gleichgesetzt.

Die Geschwindigkeit, traditionelle Raumgrenzen zu ĂŒberschreiten, zeigt auch romantisches Erbe an (in Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" spielen die Siebenmeilenstiefel ebenfalls eine Rolle) und komponiert Denkmuster des 21. und 20. Jahrhunderts, wie ein Blick auf Botho Strauß' „Kalldewey Farce" (1981) zeigt:

„Da rennt der Mensch, da rennt er fort: der Hinkefuß in Siebenmeilenstiefeln!"

Das Motiv der Siebenmeilenstiefel verweist auf die Vergötterung der fĂŒr die wahre Zeit gehaltenen Schein-Zeit und ihre negative Überwindung. Gemeint ist die Beschleunigung einer Existenz, die dem Tod den RĂŒcken kehrt:

Sie „hastet" ruhelos und tötet das Leben durch GeschĂ€ftigkeit.

Den meisten literarischen Gestalten ergeht es mit den Siebenmeilenstiefeln, deren Gewalt sie vollkommen ausgeliefert sind, wie dem Zauberlehrling mit dem Besen aus Goethes berĂŒhmter Ballade:

In den Dienst genommen, gerĂ€t das wundersame Werkzeug unversehens außer Kontrolle. Es fĂŒhrt ein nicht mehr steuerbares Eigenleben, und die menschlichen „Schwellenwerte" werden ĂŒberschritten.

Mitgerissen in einem Hin und Her gibt es buchstĂ€blich keinerlei „Grund" mehr zum Innehalten.

Gerd Pfitzenmaier vergleicht die Siebenmeilenstiefel mit leistungsstĂ€rkeren Rechnern, die die „Flucht in die Zukunft" ermöglichen sollen - „eine Zukunft, die teils irreale ZĂŒge annimmt, denn dank der fortschrittlichen Datenverarbeitung begeistern sich immer mehr Menschen fĂŒr eine bloß virtuelle Schein- und Nebenwelt, in der sich Wirklichkeit und Fiktion mischen".

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