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Warum unser Körper immer die Wahrheit sagt

04/11/2015 18:16 CET | Aktualisiert 04/11/2016 10:12 CET
ullstein bild via Getty Images

Körpersprache des Misserfolgs

In der verworrenen Affäre um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland bezichtigte der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger im "Spiegel" kürzlich seinen Amtsnachfolger Wolfgang Niersbach der Lüge: Es sei „klar, dass der heutige DFB-Präsident davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005. So wie ich das sehe, lügt Niersbach."

Auch der frühere DFB-Mediendirektor Harald Stenger kritisierte Niersbach für die Pressekonferenz am 22. Oktober 2015, in der er sich den Journalisten zu Fragen rund um die mutmaßlich gekaufte WM stellte. Er zeigte sich zudem verwundert, dass sich das "Zahlengenie" Niersbach nicht mehr genau an die mögliche Anweisung an die FIFA erinnern konnte:

"Das klingt unglaubwürdig und deshalb hat er momentan aus unterschiedlichen Gründen die schlechtesten Karten. Ich glaube, dass der Druck der Politik, der FIFA-Ethikkommission und der nationalen und internationalen Justizbehörden wachsen wird, weil diese Geschichte einfach im Schaufenster steht" und ihm nichts anderes „als der Rücktritt bleibt oder er als DFB-Präsident nicht mehr tragbar ist."

Für seinen Auftritt erntete der Funktionär in den Medien Hohn und Spott, was weniger mit dem zu tun hatte, was er sagte, als mit dem, was er nicht sagte. Sein Körper sprach. Diese Wahrheit reichte um zu verstehen, dass etwas nicht stimmig ist.

Der Oberkörper wippte, die Füße blieben nicht fest auf dem Boden, sondern bewegten sich unruhig. Es schien, als würde er nicht mit seinem ganzen Gewicht hinter den Dingen stehen.

Inzwischen ist das Video auf Youtube ein Beispiel für die Körpersprache des Misserfolgs. Für den israelischen Pantomimen Samy Molcho bedeutet erfolgreich zu sein, etwas anzustoßen und „in Bewegung" zu setzen. Aber auch in der Lage zu sein, Probleme lösen zu können. Dazu gehört es, die Dinge „zu seiner eigenen Sache zu machen" (Körpersprache des Erfolgs. Ariston Verlag, München 2015).

Die Pressekonferenz ist ein Lehrstück auf dem Weg zur eigenen Wahrheitsfindung.

Großorganisationen im Umbruch

Kommunikative Schwächen gehen häufig mit Führungsschwächen einher, die wiederum mit nicht stimmigen Systemen zu tun haben. Hier entstehen Betafehler, wenn sich Prozesse verselbständigen und ein bürokratisches Eigenleben führen. Der Dschungel an Zuständigkeiten führt dazu, dass viele Bereiche nur in Teilansichten verharren können und der Blick fürs Ganze verloren geht.

In seinem aktuellen Buch „schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam" (Campus Verlag, Frankfurt/M. 2015) weist der Mathematiker Gunter Dueck nach, dass daraus Schwarmdummheit entsteht.

Sie gedeiht dort, wo Machterhalt wichtiger ist als Inhalt und Sachziele, wo Entscheidungen hinausgezögert werden, wo jede Bewegung eine Gegenkraft erfährt, die sie aufhält, wo eine Ausschuss- und Protokollkultur wertvolle Lebenszeit frisst und dazu führt, dass kaum jemand im System dazu lernen kann, und das Ausmaß der eigenen Inkompetenz nicht erkannt wird - und neue Ideen schon im Keim erstickt werden.

Kultur der Schwarmdummheit

Eine Kultur der Schwarmdummheit bleibt gern unter sich und grenzt Systemfremde aus, die als Störfaktoren empfunden werden.

Sämtliche Großorganisationen wie auch der DFB stehen derzeit vor einem grundlegenden Wandel. Vieles vom „Alten" geht nicht mehr, aber das „Neue" ist noch nicht richtig da.

Vielfach bildet sich Widerstand innerhalb des Systems, weil die alten Strukturen erhalten werden sollen. Das Neue erscheint als eine Gefahr für die Stabilität eines Systems. Deshalb ist es gerade jetzt eine der Kernaufgaben der Führung, Wege zu finden, auf denen es dennoch geht.

Der folgende Kommentar von Bert Martin Ohnemüller zeigt, dass dazu das Reflektieren aller Seiten von Beziehungen und der Beziehungen selbst erforderlich und die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist.

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Bert Martin Ohnemüller: Warum unser Körper die Wahrheit sagt - und was Organisationen davon lernen können

Aus der Kommunikationsforschung wissen wir, dass das Ergebnis der eigenen Kommunikation grundlegend durch die persönliche innere Haltung bestimmt wird. Dazu sei auf die Arbeit von Professor Albert Mehrabian verwiesen: Der US amerikanische Psychologe hat bereits in den 1970-er Jahren wesentliche Grundlagen zur Bedeutung der non-verbalen Elemente in der zwischenmenschlichen Kommunikation untersucht und dabei die „7/38/55-Regel" formuliert:

Die Wirkung einer Mitteilung definiert er zu 7% durch den sprachlichen Inhalt, zu 38% durch den stimmlichen Ausdruck und zu 55% durch die körperlichen Signale.

Stimme und Tonlage definieren sich als eine bestimmte Frequenz bzw. Schwingung und erzeugen so z.B. Sympathie oder Antipathie.

Zuerst erkennt man den Typ und den bevorzugten Repräsentationskanal: Der Visualisierer redet in „Augenhöhe", sieht etwas auf sich zukommen, während der Auditive etwas „nicht mehr hören kann", und es für den Olfaktorischen „nach Verrat riecht" und es sich für den Haptiker „schlecht anfühlt".

Je mehr wir auf unsere innere Stimme hören und uns in der Wahrnehmung unserer Emotionen als Ausdruck einer unumstößlichen ehrlichen Körpersprache schulen, desto „durchlässiger" werden wir, und desto leichter können wir Energien empfinden und wahrnehmen. Das sichere Gespür und der gesunde Menschenverstand schützen dann auch vor der Identifikation mit der „dunklen Seite der Macht".

„7/38/55-Regel"

Es wäre falsch, die „7/38/55-Regel" auf jegliche Form der zwischenmenschlichen Kommunikation anzuwenden und übertragen zu wollen, aber der Forschungsansatz zeigt doch ganz deutlich, dass der verbale Inhalt, das gesprochene Wort nur dann seine Wirkung entfalten kann, wenn er kongruent mit den Dimensionen der Tonalität und Körpersprache übereinstimmt, also wenn sich das Gesagte nicht nur gut anhört, sondern auch gut „anfühlt".

Einer der Gründe für diesen Sachverhalt liegt, wie mittlerweile mehrfach wissenschaftlich bestätigt, eindeutig in unserer Evolution begründet.

Unsere Körpersprache ist nicht nur ein zentrales Signal, wie wir wahrgenommen werden, sondern hat auch sehr viel mit der Selbstwahrnehmung zu tun. Einer der Gründe liegt in der Tatsache begründet, dass unsere Körper - und vor allem unsere Gehirnfunktionen - neben elektrischen Signalen, vor allem auf biochemischen Prozessen beruhen.

Eine Körperhaltung der Schwäche sendet andere biochemische Signale als eine Körperhaltung der Stärke, die sich beispielsweise in einem geraden Rücken oder einer stolzen Brust ausdrückt.

Die US amerikanische Neurowissenschaftlerin Amy Cuddy hat diese Vermutung eindrucksvoll bestätigt und dazu eine besonders spannende Studie veröffentlicht, die für mich ein weiterer Beleg dafür ist, dass wir in einem viel stärken Maße „emotionale Fühlsysteme" sind als rein „verkopfte" Vernunftwesen.

In der Untersuchung wurden zwei Gruppen von Probanden gebeten, jeweils für zwei Minuten ihre Körpersprache bewusst in eine Schwächeposition und danach in eine Kraftposition zu bringen.

Nach zwei Minuten in der jeweiligen Körperhaltung wurde die hormonelle Veränderung in Bezug auf Cortisol, dem „Stresshormon", und auf Testosteron, dem „Powerhormon", analysiert.

Zwei Minuten in einer schwachen bzw. defensiven Körperhaltung lassen das körpereigene Cortisol ansteigen und gleichzeitig das Testosteron abfallen. Bei der entsprechenden Gegenposition konnte ein dementsprechend gegenteiliger Effekt gemessen werden.

Die Körperhaltung der Stärke und Zuversicht verringert die Menge des messbaren Cortisols deutlich und lässt zudem die Ausschüttung von Testosteron signifikant ansteigen.

Zwei Minuten entscheiden über „hire or fire"!

Zur Person:

Bert Martin Ohnemüller ist langjähriger PoS-Experte sowie Inhaber und Geschäftsführer der neuromerchandisinggroup GmbH & Co.KG in Frankfurt am Main.

Seine Bücher haben auch über den Handelbereich hinaus begeisterte Leser gefunden, zuletzt erschienen „Mehr Erfolg am Point of Sale" und „Neues Denken. Neues Handeln".

Als Dozent für neuromerchandising® und Leadership gibt er an der Hochschule Furtwangen, der American University of Iraq sowie dem Institut für Marketing und Kommunikation in Wiesbaden seine Erfahrungen weiter. Unternehmen schätzen ihn als unterhaltsamen Redner.

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