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Warum sich Unternehmen nachhaltig aufstellen und glaubwürdig präsentieren sollten: Interview mit der Medienexpertin Janine Steeger

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Fachkräftemangel, War for Talents, Recruting - viele Branchen kämpfen um ihre Mitarbeiter von morgen. „Den zukünftigen Mitarbeitern wiederum fehlen ausreichende Informationen über die Unternehmen", sagt Janine Steeger, eine der erfolgreichsten Boulevardjournalisten im deutschen Fernsehen. „Ein Film sagt hier mehr als tausend Worte. Damit können Unternehmen perfekt zeigen, was sie auszeichnet und über das Gehalt hinaus anzubieten haben, wie die Geschäftsführung tickt und warum ihre langjährigen Mitarbeiter so gerne bei ihnen arbeiten". Nach ihrer Ausbildung bei ProSieben arbeitete sie für Sat1, den MDR und war bis 2015 eines der Hauptgesichter von RTL. Dann kündigte die Mutter eines Sohnes, um sich ihren Herzensthemen der Nachhaltigkeit und dem Umweltschutz zu widmen. Ein Sprung ins kalte Wasser von der unbefristeten Festanstellung mit Top-Gehalt in die unsichere Selbstständigkeit. Aber sie tat es aus Leidenschaft. Dies sollte „unser Hauptantrieb sein", sagt sie und ist fest davon überzeugt, dass sich Unternehmen, die für die Zukunft gerüstet sein wollen, mit Nachhaltigkeit, CSR, Ethik und bewusstem Leben auseinandersetzen müssen.

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© Nadine Dilly

Frau Steeger, weshalb ist für Sie Leidenschaft der Schlüssel zu Kreativität, Innovation, Erfolg und Zufriedenheit?

So mancher hat mir bei dem Thema schon den Vogel gezeigt und gesagt: Es gibt viele Menschen, die einfach arbeiten gehen und anschließend leben. Aber jetzt rechnen Sie doch mal nach, wie viel Zeit Ihres Lebens sie mit Arbeit verbringen. Wenn diese ganze Zeit ohne Leidenschaft abgesessen oder abgearbeitet wird - für mich ist das eine furchtbare Vorstellung. Und was wäre die Welt ohne all die Menschen, die mit Leidenschaft für ihre Ideen gekämpft haben? Hätten wir dann Glühbirnen gehabt? Oder würden wir fliegen, Auto fahren oder Passivhäuser bauen? All das geht nur mit Leidenschaft und mit Leidenschaft geht alles besser.


Wie sollten sich Unternehmen künftig aufstellen, um innovativ zu sein und nachhaltig zu handeln?

Sie müssen Ökologie, Ökonomie und Soziales gleichermaßen im Blick haben, ausgehend vom sogenannten Nachhaltigkeitsdreieck. Um unseren Planeten und die Menschen zu schützen, müssen Unternehmen nachhaltig handeln. Das bedeutet, dass sie nur so viele Ressourcen verbrauchen dürfen, wie sie auf natürlichem Weg nachwachsen können. Die Ökonomie darf dabei in keinem Fall auf der Strecke bleiben. Im Gegenteil: Es kann sogar sehr lukrativ sein in Innovationen zu investieren im Sinne der Nachhaltigkeit. Denn oft sind diese Innovationen ein Alleinstellungsmerkmal von Unternehmen, das sich definitiv monetarisieren lässt.

Wenn sich Unternehmen strategisch mit Nachhaltigkeit beschäftigen und dies entsprechend verankern, hat das einen großen Abfärbe-Aspekt auf die Mitarbeiter, denn sie nehmen die vielen Gedanken mit nach Hause und bringen sie ins „Unternehmen" Familie mit ein. Umgekehrt ziehen Unternehmen, die sich der Nachhaltigkeit widmen, Mitarbeiter an, in deren Lebensstil Nachhaltigkeit ohnehin schon eine Rolle spielt. Diese Mitarbeiter werden sich mit großer Freude an Brainstorming-Runden und Workshops beteiligen, wenn es darum geht, wie eine Nachhaltigkeitsstrategie aussehen kann.

Studenten beklagen häufig, dass sie in der Regel viel zu wenig darüber erfahren, was Unternehmen im Innersten zusammenhält, wie die Führungsverantwortlichen ticken und ob Werte, über die so häufig gesprochen wird, auch wirklich gelebt werden. Wie lässt sich das Problem Ihrer Meinung nach lösen? Welche Rolle spielt dabei der berühmte Bewegtcontent?

Ich bin der Meinung, dass Bewegtcontent, also Filme, dieses Problem beheben können. Eine Art Imagefilm adressiert an zukünftige Arbeitnehmer, b to b-Filme sozusagen. Natürlich ist das eine Werbemaßnahme, bei der sich die Unternehmen in einem guten Licht darstellen wollen. Filme offenbaren aber mehr als ein geschriebenes Interview und sind damit ehrlicher und authentischer. Und darauf kommt es an: Arbeitnehmer von heute wollen ein glaubwürdiges Commitment ihres Arbeitgebers. Und sie suchen nach mehr als einem guten Gehalt.

Wie können Sie sich mit Ihrer Expertise hier konkret einbringen?

Ich habe jahrelang als Boulevardjournalistin gearbeitet und habe für mich selbst immer besonders viel Wert darauf gelegt, ich selbst zu sein, authentisch zu bleiben. Unternehmensgeschichten emotional zu erzählen und die handelnden Personen nahbar zu machen, gehört also zu meinen Kernkompetenzen. Darüber hinaus habe ich zu der Frage "Wie muss die Arbeitswelt von morgen aussehen?" inzwischen viele Gesprächsrunden moderiert, so dass ich weiß, wonach Arbeitnehmer suchen. Zudem habe ich mir durch meinen Fernstudienkurs „Betriebliches Umweltmanagement und Umweltökonomie" entsprechendes Fachwissen angeeignet.

Müssen wir in unserer modernen Arbeits- und Lebenswelt mehrere Rollen gleichzeitig entwickeln und leben? Wie gehen Sie damit um?

Das machen wir ja schon. Geht los damit, dass man als Elternteil unentwegt versucht die Rolle der Mutter in meinem Fall, mit der Rolle der Arbeiterin zu vereinbaren. Und ich halte die Rahmenbedingungen dafür in Deutschland immer noch für deutlich verbesserungswürdig. Aber selbst, wenn wir nur unsere Jobs betrachten, merken vermutlich die meisten, dass man jeden Tag dazu lernt, sich neue Bereiche erschließt. Wobei ich an dieser Stelle sagen muss, dass ich es nicht gut finde, dass immer weniger Menschen immer mehr können sollen. Dazu müssen sie ja nur die Medienbranche anschauen.

Früher gab es für einen Filmbeitrag ein ziemlich großes Team das anrückte. Heute kommt oft nur noch einer, der alles macht. Und wird noch schlechter bezahlt als früher für eine Aufgabe. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir müssen uns wieder mehr spezialisieren und Arbeit muss angemessen bezahlt werden. Ich glaube, dass uns an diesem Punkt eine skandinavische Transparenz in Sachen Gehälter und Honorare weiter bringen würde.

Warum ergibt sich die Innovationskraft eines Unternehmens auch aus dem Personalmanagement?

Mitarbeiter sind ein unglaublich kreativer Pool von Ideengebern. Aber Unternehmer müssen den Mut haben, ihre Mitarbeiter einzubeziehen, an Gedankengängen zu beteiligen. Das kann beispielsweise durch die sogenannte Gamification gelingen, sprich interne Wettbewerbe mit einem Anreiz, bei dem neue Ideen zur Einsparung von Ressourcen ausgezeichnet und belohnt werden. Corporate Volunteering ist auch so eine Sache, die die Mitarbeiter motiviert und ihnen Freiräume für neue Gedankengänge und Kreativität schenkt.

Wie kann das Kreativitätspotenzial von Mitarbeitern künftig noch besser erschlossen werden?

Jeder Mensch, jeder Mitarbeiter fühlt sich ernst genommen und Wert geschätzt, wenn er in Gedankengänge einbezogen und um Rat gefragt wird. Es geht mir nicht darum, dass Unternehmertum zukünftig als komplett demokratischer Vorgang betrachtet werden soll. Der Unternehmer trägt das Risiko, deshalb trifft er auch die Entscheidungen. Aber ich denke, dass man sich als Unternehmer ein enormes kreatives Potenzial verschenkt, wenn man die Mitarbeiter nicht mit einbezieht. Ganz konkret: Rufen Sie einen Wettbewerb im Unternehmen aus. Welche Idee spart am meisten Ressourcen und damit langfristig Geld? Der Gewinner, das kann ein einzelner Mitarbeiter oder eine Abteilung sein, bekommt eine Party oder eine Prämie oder whatever. Anreize sind der Schlüssel zu vielem, gerade im Zusammenhang mit Kreativität. Und das beschriebene Szenario ist eine Win-Win Situation für alle. Das Unternehmen spart durch eine oder mehrere gute Ideen Geld, der Mitarbeiter fühlt sich wert geschätzt und bekommt sogar noch was für seine Überlegungen. Besser geht's doch nicht.

Welche Bedeutung spielt im Unternehmenskontext der Wert Vertrauen?

Vertrauen ist etwas, das Arbeitnehmer von heute ganz stark einfordern. Wenn Unternehmer den Mut haben, dieses Vertrauen zu schenken, werden sie mit kreativen und innovativen Ideen zu allen möglichen Ideen überhäuft werden. Die Mitarbeiter sind glücklich und glückliche Mitarbeiter haben keinen Grund, den Job zu wechseln.

Werden Unternehmen, die mit dem Totschlagargument „Das haben wir schon immer so gemacht" arbeiten, bald im Markt verschwinden?

Leider ja. Ich weiß, dass das für einige ältere Unternehmer nur schwer zu akzeptieren ist. Aber die gesamte Wirtschaft erlebt so viele disruptive Veränderungen, und es werden mehr werden, da kann es sich keiner leisten, einfach business as usal zu machen. Ganz abgesehen von den vorhersehbaren Veränderungen halte ich diese Einstellung grundsätzlich für falsch. Wir leben in einer sehr dynamischen Arbeitswelt und Wirtschaft, in der viele tolle neue Ideen entstehen. Und diese Innovationskraft wiederum ist essentiell, um Wege zu finden, wie wir den Klimawandel stoppen und die Welt retten können.

Weitere Informationen:

Green Janine: Das Gesicht der Nachhaltigkeit

Werner Neumüller und Alexandra Hildebrandt: Tun statt reden. Personalverantwortung 21.0 von A bis Z (mit Werner Neumüller). Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.