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Warum sich Unternehmen heute wertebasiert und human aufstellen müssen

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Interview mit Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. und Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

Weshalb ist es wichtig, dass sich Unternehmen heute wertebasiert und human aufstellen?

Dirzus: Menschen verändern sich: Individualisierung, Work-Life-Integration, Gesundes Leben, Digitale Transformation, Hyperconnectivity, Digitalkompetenz und neue Jobprofile sind Ausprägungen der heutigen Zeit. Auf der Seite der Unternehmen bedeutet Digitale Transformation, dass das wichtigste Kapital das Know-how der Mitarbeiter ist. Wenn diese Mitarbeiter sich entscheiden, das Unternehmen zu wechseln, kommt dies heutzutage einem Kapitalverlust gleich. Mitarbeiterbindung wird daher zu einer der wichtigsten Aufgaben eines jeden Unternehmens, sonst droht der Brain-Drain.

SAP-Vorstand Leukert sagte ganz zu Recht: „Die Digitalisierung vernichtet in Summe keine Jobs. Sie verändert Berufsbilder und die Ausbildung." Damit verändert die Digitale Transformation auch die Art der Weiterbildung in Unternehmen und dieser Wandel kann nur mit den Mitarbeitern gemeinsam und deren individueller Bereitschaft sowie deren Fähigkeiten vollzogen werden.

Weissenberger-Eibl: Im Gegensatz zur heutigen Arbeitswelt, die sich durch feste Berufsstrukturen und fachspezifischen Aus- und Weiterbildung kennzeichnet, werden sich in der digitalen Arbeitswelt der Zukunft viele Tätigkeitsprofile an der Mensch-Maschine-Schnittstelle stärker ähneln. Diese Hybridisierung von Branchen ist ein wesentliches Merkmal der Digitalisierung und hat zur Folge, dass es quer über Branchen hinweg mehr fachübergreifende und fachunabhängige Qualifizierungsanforderungen geben wird. Fachbezogenes Wissen - (so lautet eine weitere Erkenntnis der Studie des Fraunhofer ISI für die Vodafone Stiftung), könnte damit zusehends in den Hintergrund rücken und allgemeine digitale Grundkompetenzen sowie universelle Fähigkeiten deutlich aufwerten.

Sie sagen, dass sich langfristig dann Berufsbilder mehr und mehr von Branchengrenzen lösen werden. Welche Entwicklungen sind damit verbunden?

Weissenberger-Eibl: Für Arbeitnehmer steigen dadurch die Chancen für eine im Vergleich zu heute größere horizontale berufliche Mobilität mit häufigeren Jobwechseln zwischen verschiedenen Branchen.

Dirzus: Außerdem wird sich in der Smart Factory die Rolle der Führungskräfte ändern müssen. Dessen ist sich bisher nur ein Bruchteil der aktuellen Führungskräfte bewusst. Viel zu viele halten an alten Denkmustern fest - nur 9% sind sich sicher, dass sich ihr Führungsverhalten grundlegend ändern muss (Staufen 2015a), 56% halten an traditionellem Führungsverhalten fest. Aber was ist schon traditionell?

Schon in den 30er Jahren erkannte Mayo, dass das größte Potenzial für Produktivitätssteigerung im emotionalen und psychologischen Bereich liegt. Daraus folgten die ersten Management-Theorien; Herzberg erkannte, dass das Gegenteil von Unzufriedenheit nicht Zufriedenheit, sondern das Fehlen der Unzufriedenheit ist und spätestens seit Lean Management haben wir in den 80ern erkannt, dass die Förderung der Mitarbeiterkompetenz, die Steigerung der Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein an erster Stelle stehen müssen. Wir müssen daher dringend von hierarchischen Strukturen zur lernenden Unternehmenskultur kommen.

Welche gesicherten Trends werden unsere zukünftige Arbeitswelt bestimmen?

Dirzus: Produktions- und Wissensarbeit wachsen zusammen, dabei nehmen indirekte Tätigkeiten zu und Routinetätigkeiten ab, Kooperation und Kommunikation nehmen ebenso zu wie das Arbeiten in interdisziplinären Teams, Entscheidungstätigkeiten und Assistenzsysteme nehmen zu, wobei für alle Tätigkeiten gilt: Digitalkompetenzen werden überall gefragt sein. (VDI-Statusreport 2016: „Arbeitswelt Industrie 4.0")

Interne und externe Einflüsse bestimmen die Arbeitswelt von Morgen. Nicht nur veränderte Anforderungen seitens der Mitarbeiter, sondern auch seitens der dynamisierten Märkte bedingen neue organisationale Intelligenz, um die Handlungsfähigkeit der einzelnen Mitarbeiter sowie der Unternehmen zu erhalten. Dazu gehören Offenheit der Führungskräfte und flexibel vernetzte Organisationen, um eine lernende Unternehmenskulturen zu etablieren. Dies kann auf unterschiedliche Weisen erreicht werden: kleine Projektgruppen, die agil unterwegs sind und häufig mit dem Namen „Speedboats" bezeichnet werden. Erfolgreiche Projekte können eine Strahlwirkung entfalten und die Gesamtorganisation positiv beeinflussen.

Es können auch unterschiedliche Mitarbeiter auf verschiedenen Hierarchieebenen und aus unterschiedlichen Bereichen geschult werden und positive Erfahrungen weiterreichen - hier gehen sowohl wissenschaftliche wie Praxis-Erfahrungen auseinander, welche dieser Methoden zu Ziel führen werden. Wir sind der Meinung, dass eine Kombination aus beidem auf der einen Seite schnell genug und auf der anderen Seite nachhaltig sein wird.

Was bedeutet das für die Personalpolitik?

Weissenberger-Eibl: Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels müssen Unternehmen ihre Personalpolitik altersgerechter gestalten sowie eine differenzierte Personalentwicklung umsetzen, um gute Mitarbeiter an sich zu binden. Führungskräfte müssen mit atypischen Beschäftigungsmodellen wie flexibler Teilzeitarbeit umgehen können und sie im besten Fall sogar fördern. Durch häufig wechselnde Teams gibt es auch mehr horizontale (Selbst-)Organisation und weniger Bedarf nach vertikalen Hierarchien. Statt auf ihrer übergeordneten Position zu beharren, müssen Führungskräfte Eigeninitiative und Verantwortung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern, dabei aber nicht den hohen Koordinationsaufwand unterschätzen.

Darüber hinaus wird sich Führung deutlich verändern müssen...

Weissenberger-Eibl: Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird die Zahl der Erwerbstätigen stark sinken - von derzeit über 49 Millionen auf etwa 44 bis 45 Millionen. In solchen schrumpfenden Gesellschaften, die das Fraunhofer ISI kürzlich in einer Studie erforscht hat, ist für Unternehmen insbesondere die Sicherung von Fachkräften wichtig - und dies geschieht auch durch gute Führung. Die Menschen werden erwarten, dass ihre Führungskräfte die individualisierten Lebensstile und den Wertewandel verstehen und bestenfalls mittragen: Ohne flexible Arbeitsmöglichkeiten sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wird es kaum gelingen, in Zeiten zunehmender Konkurrenz gute Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Dirzus: Dennoch stellen wir auch heute immer wieder fest, dass das Beharrungsvermögen größer ist als die Erkenntnis, deshalb sind wir auf Kongressen und Messen unterwegs, um mit Publikationen, Fachvorträgen und Diskussionen Aufklärung zu betreiben und Veränderungen anzustoßen.

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