Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Warum Putzen glücklich machen kann

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PUTZEN
Thinkstock
Drucken

Putzen gehört für viele Menschen häufig in die Kategorie von Nichtereignissen, die keinen guten Ruf genießen, weil sie für Gedankenlosigkeit und Zeitverlust stehen. Sie fühlen sich unbehaglich, wenn die Zeit beim Saubermachen einfach so verstreicht und nicht „effizient" genutzt wird.

Doch es wäre im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens, wenn es gelänge, kein schlechtes Gewissen mehr bei banalen und sich wiederholenden Tätigkeiten wie dem Putzen zu haben. Denn seine Bedeutung ist gesellschaftlich nicht zu unterschätzen.

Das Putzen macht uns bewusst, dass in einer beschleunigenden Welt die Selbst-Besinnung und Selbst-Bestimmung nicht aus dem Blick verloren gehen darf. Die Moderatorin Barbara Schöneberger sagte vor einigen Jahren in einem Interview, dass sie ihre Wohnung selbst putzt, weil sie sonst das Gefühl hat, dass ein anderer ihr Leben lebt. Das verdeutlicht sehr schön, dass es beim Putzen immer auch darum geht, selbst die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen zu haben und zu behalten.

Zuhause - ein Netz aus Routinen

Das Beispiel von Claudia Silber, die bei der memo AG in Greußenheim die Unternehmenskommunikation leitet, bestätigt dies ebenfalls: Die Nachhaltigkeitsexpertin bezeichnet sich augenzwinkernd als "Wohnungsspießerin", denn keine Woche vergeht, ohne „zumindest einmal die Wohnung von oben nach unten auf Vordermann zu bringen."

Gefühlt stand sie damit immer allein da, wenn sie hörte, dass Bekannte entweder eine Putzfrau haben oder maximal alle vier Wochen zu Hause saubermachen. Beides kommt für sie nicht in Frage:

„Denn insgeheim genieße ich das Gefühl nach dem Putzen, wenn alles sauber ist und frisch riecht. Sehr viel besser fühle ich mich seit kurzem, als ich gelesen habe, dass Putzen auch eine Art Meditation sein kann und sogar eine der wichtigsten Traditionen der japanischen Kultur ist. Selbstreinigung sozusagen - und das ist es auch für mich. Beim Putzen lasse ich Gedanken kommen und gehen, denke über schwierige Entscheidungen nach und bringe auch innerlich alles in Ordnung. Danach ist dann oft alles glasklar - im wahrsten Sinne des Wortes."

Organisatorisch ist ihr jedoch eines besonders wichtig: „Durch meine ‚Selbstreinigung' sollen weder Mensch, noch Umwelt, noch Klima zu Schaden kommen. Deshalb verwende ich ausschließlich ökologische Reinigungsmittel auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Mein Staubsauger ist energieeffizient, und sogar meine Müllbeutel tragen den Blauen Engel."

Wer also behauptet, dass Putzen eine Last sei, dem legt sie ans Herz: „Ändert den Blickwinkel und ‚genießt' auch diese Zeit im Hier und Jetzt!"

An ihren Aussagen lässt sich besonders gut ablesen, dass das Putzen vor allem mit unserem Zuhause zu tun hat, dass es ein Netz aus Routinen ist, die wiederum eine wichtige Grundlage für zielgerichtete Aufmerksamkeit sind.

Der Begriff „Routine" ist eine Verkleinerungsform von Route, einem schmalen Pfad. Beide entstehen ähnlich - durch Wiederholungen, die mit einem Sicherheitsgefühl einhergehen, das viele als Gegenmittel gegen den Stress empfinden.

Putzen ist für viele Menschen mehr als nur Routine - es ist für sie auch ein Ritual, eine selbstbezügliche „Handlung ohne Worte" (Christoph Wulf), die Intensität und innere Befriedigung vermittelt - aber auch sehr viel aussagt über die Qualität des Fließens von inneren Prozessen, die für selbstverständlich gehalten werden und körperlich verinnerlicht sind („das ist wie ein Teil von mir"). Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi hat sie untersucht und für sie den Begriff „Flow-Erlebnis" geprägt.

Routinen machen glücklich

Wer mit der Routine des Putzens umzugehen weiß, verschafft sich auch Zugang zu beschränkten Ressourcen wie Zeit und Optimismus. Denn sie lenkt geistige Energie in geregelte Bahnen und hält Stimmungsschwankungen fern, zudem wird genauer wahrgenommen, was uns glücklich macht. Wird Routine „seelenlos", bindet sie unsere Aufmerksamkeit nicht mehr und macht einen mechanischen, und abgenutzten Eindruck.

Das Putzen hilft, unsere Aufmerksamkeit zu schärfen. Ablenkung wiederum führt auch dazu, dass Gedanken „seichter" werden - „und je kürzer unsere Überlegungen sind, desto trivialer werden sie wahrscheinlich auch." Schreibt der amerikanische Psychologe und Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman in seiner „Anleitung zum modernen Leben": „Konzentriert Euch!"

Im April 1870 vermerkte der achtundzwanzigjährige Begründer der modernen Psychologie, William James, in seinem Tagebuch. „Denk daran, dass sich feste Gewohnheiten bilden müssen, bevor wir zu wirklich interessanten Tätigkeiten fortschreiten können -häufe daher geizig Körnchen um Körnchen bewusster Entscheidung an, und vergiss nicht, dass jeder falsche Schritt unzählige andere nach sich ziehen kann."

Später setzte er sich intensiv mit der Bedeutung solcher „festen Gewohnheiten" und der Konzentration als selektiver Wachsamkeit im Hier und Jetzt auseinander. Dazu gehört, seinen Geist nur auf ein einziges Ziel zu richten und gleichzeitig eine Flut anderer Reize zu ignorieren.

Alltagsroutinen, feste Gewohnheiten haben für die meisten Menschen mit innerer und äußerer Ordnung sowie Berechenbarkeit zu tun - und mit bewussten Entscheidungen. Das Wort „Ordnung" kam über die Architektur in das moderne Denken, wo es ursprünglich für ein Ganzes stand, bei dem alle Teile zueinanderpassten, so dass keines ersetzt werden konnte, ohne die Harmonie zu zerstören.

Sich ein Leben ohne Gewohnheiten vorzustellen, heißt für den amerikanischen Soziologen Richard Sennett, eine wahrlich geistlose Existenz zu haben. Putzen hilft also, unser Dasein geistreicher und nachhaltiger zu machen.


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Fehlende Routine, erschöpfte Eltern: Was Kinder unglücklich macht