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Warum Philosophische Salons heute eine Renaissance erleben

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"Street Philosophy" ist in Deutschland ein neuer Trend, der sich in Großbritannien lĂ€ngst etabliert hat. "Raus aus dem Elfenbeinturm", beschreibt Julia Kalmund einen ihrer BeweggrĂŒnde, warum sie "Street Philosophy"-Abende veranstaltet. "Bisher wurden Philosophie-Clubs eher als etwas ElitĂ€res, ziemlich Abgehobenes wahrgenommen. Philosophie fĂŒr jedermann bedeutet aber, die Themen anzusprechen, die alle Menschen angehen". Und das in einer Weise, die alle gleichermaßen anspricht.

„Philosophieren heißt sterben lernen", schrieb einst der Philosoph Montaigne. Vielleicht boomen die Philosophischen Salons heute, weil wir es verlernt haben. Die aus Frankreich stammende Salonkultur erlebte in Deutschland im 19. Jahrhundert ihre BlĂŒtezeit. In den Salons wurde philosophiert, debattiert und diskutiert. KĂŒnstler und Wissenschaftler stellten ihre Werke vor. Julia Kalmund, die in MĂŒnchen einen Philosophischen Salon betreibt, pflegt diese Tradition der geistreichen Geselligkeit.

Ihre Eltern sind nach dem Aufstand in Ungarn 1957 nach England ausgewandert. In London verbrachte sie ihre prĂ€genden Schuljahre. WĂ€hrend ihres Studiums in Genf lernte sie ihren zukĂŒnftigen deutschen Mann kennen. Seit ĂŒber vier Jahrzehnten lebt sie in Deutschland, doch schuldet sie der „angelsĂ€chsischen MentalitĂ€t und dem britischen Pragmatismus sehr viel" in ihrer Entwicklung.

Der „Mischehe" ihrer Eltern - ihr Vater gehörte zum Kleinadel und war WiderstandskĂ€mpfer, Mutter JĂŒdin - verdankt sie vermutlich ihre Weltoffenheit, aber auch ihr Bewusstsein fĂŒr ZusammenhĂ€nge und Geschichte sowie ihre Sprachkenntnisse. Sie ist Mutter von zwei Kindern und Großmutter von fĂŒnf Enkelkindern. FĂŒr sie möchte sie „ein kleines SchrĂ€ubchen drehen, damit die Welt, in der sie aufwachsen, nachhaltig gesĂŒnder und die Menschen, die auf unserem Planeten leben, nachhaltig bewusster werden". Die philosophischen Salons sind fĂŒr sie dieses SchrĂ€ubchen.
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In guter Gesellschaft

Interview mit Julia Kalmund

_ Woran spĂŒren Sie, dass die Gesellschaft heute eine neue philosophische Salonkultur braucht? Welche Gemeinsamkeiten gibt es zur klassischen Salonkultur, und worin unterscheiden sich beide?

Philosophen haben seit 2500 Jahren nicht aufgehört zu fragen: „Was ist ein gutes Leben? Was ist eine gute Gesellschaft?" Wir leben in einer Zeit, in der eine Kluft zwischen den Werten, die wir leben möchten, und dem was das tĂ€gliche Leben von uns abverlangt, besteht. In unserem Salon pflegen wir eine praktische Philosophie, die es uns ermöglicht, gemeinsam nach Antworten zu suchen und gemeinsam zu reflektieren. Die klassische Salonkultur war hauptsĂ€chlich der Literatur gewidmet und war eine Plattform fĂŒr die Emanzipation vieler jĂŒdischer Frauen. Salons haben damals und heute die ganz wichtige Funktion des Austausches und des Kennenlernens. Sie sind durch Offenheit und Toleranz geprĂ€gt, und ĂŒben sich in der Kultur des Zuhörens und des Diskutierens.

_ Was war der Auslöser fĂŒr die GrĂŒndung eines eigenen philosophischen Salons?

Ich bin sehr durch meine Jugend in London geprĂ€gt worden und glaube fest daran, dass man viele alltĂ€gliche Probleme durch die Philosophie angehen kann. Ich habe das GlĂŒck gehabt, junge Philosophen und vor allen Dingen junge Philosophinnen kennen zu lernen. Sie zeichnen sich alle durch eine hervorragende Ausbildung in mehreren Disziplinen aus und gleichzeitig durch die FĂ€higkeit, komplexe ZusammenhĂ€nge leicht verstĂ€ndlich und lebensnah zu vermitteln. Diesen wertvollen Menschen - die an den klassischen Lehranstalten immer noch nicht ganz ernst genommen werden - wollte ich gleichzeitig ein Forum bieten. Die Philosophin Dr. Celina von Bezold war an der GrĂŒndung von Street Philosophy maßgeblich beteiligt.

_ Wie alt sind die Menschen, die Ihre Salons besuchen?

Das, was die Salons auszeichnet, ist eine wunderbare Mischung an Altersklassen und Berufen. Es entstehen Freundschaften ĂŒber die Generationen hinweg, und das ist fĂŒr alle sehr bereichernd.

_ Inwiefern wird die Generation Y, die mehr als ihre VorgĂ€ngergeneration nach dem Warum fragt, berĂŒcksichtigt? Wie sprechen Sie die jungen Menschen an?

Mir ist die Teilnahme der jĂŒngeren Generationen ein großes Anliegen. Am Anfang kamen die Kinder unserer Freunde und Bekannten. Sie ihrerseits haben dann Freunde und Bekannte mitgebracht. Die jungen Menschen mĂŒssen sich tĂ€glich im Beruf und in der Familie zurechtfinden. Ihre Herausforderungen sind gewaltig. Viele traditionelle Institutionen bieten keinen Halt mehr, und die Fragen werden dringender.

_ Weshalb heißt Ihre Veranstaltungsreihe „Street Philosophy"?

Mit Street Philosophy möchte ich einem breiterem Publikum die „Hilfeleistung" der Philosophie im tĂ€glichen Leben zugutekommen zu lassen. In England gibt es 2000 Philosophie Clubs, zum Teil auch in Pubs. Philosophie fĂŒr jedermann heißt auf Englisch „Grassroot Philosophy". Ich dachte, das versteht hier niemand, aber Street Philosophy sehr wohl. Wir treffen uns nicht in einem Pub, sondern in der Josef Bar im Glockenbachviertel in MĂŒnchen.

_ Derzeit ist ein „Freundschaftsboom" zu verzeichnen: unzĂ€hlige Buchtitel widmen sich dem Thema, die Werbung greift es im Zusammenhang mit Freizeit (SĂŒĂŸwaren), Feierabend (Bier) und Sport (GemeinschaftsgefĂŒhl) auf. Wie erklĂ€ren sie sich diese Entwicklung?

Der „Freundschaftsboom" ist sicherlich ein PhĂ€nomen, das jungen Menschen, die eher als „ME- Generation" unterwegs sind, Halt geben soll. Echte Freundschaften sind in Zeiten, in denen man 600 sogenannte Freunde im Netz hat, wertvoller denn je - schließlich machen auch nur die echten Freunde weniger einsam.

_ Warum brauchen wir auch Freundschaft zu Dingen und Orten?

Unsere Welt ist „multi-kulti" und globalisiert geworden. Wenige Menschen sind noch ewig sesshaft. Man wechselt Jobs, Orte, Dinge und sogar Partner viel leidenschaftsloser als frĂŒher. Die Leidenschaftslosigkeit ist aber oft nur eine Fassade. Dinge und Orte geben Halt. Man bekommt ein ZugehörigkeitsgefĂŒhl - die Dinge gehören mir, und ich gehöre zu dem einen Ort.

_ Warum brauchen wir das Fragenstellen? Gilt doch das Fragen vielen Managern als „ineffizient", weil sie Zeit beanspruchen...

Ein wichtiger Aspekt dieser ZusammenkĂŒnfte ist, dass die Teilnehmer lernen, und es erfahren, dass man durchaus in der Frage bleiben darf. Viele, gerade vielleicht Manager, unterschĂ€tzen den Wert von Fragen, weil sie es verlernt haben zuzuhören. Dadurch entgeht ihnen aber sehr viel. Es gehört Mut dazu, einzusehen, dass es nicht auf alles Antworten gibt. Es hĂ€tte sonst nach der Antike keinen Bedarf mehr fĂŒr Philosophen gegeben. Und wir philosophieren immer noch lustig weiter, wohlwissend, dass endgĂŒltige und allgĂŒltige Antworten ausbleiben werden. Gertrude Stein wurde angeblich auf ihrem Sterbebett gefragt „Was ist die Antwort?" Sie hat erwidert: „Was ist die Frage?"

_ Welche Fragen stehen im Mittelpunkt Ihrer Veranstaltungen?

Die Fragen, die im Mittelpunkt stehen, sind unmittelbare Fragen zur seelischen und geistigen Gesundheit: Wann leben wir? Wann lieben wir? Wann lassen wir? Was ist Wahrheit? Zufall oder Schicksal? Freund oder Feind? Es gibt aber auch wichtige Fragen an unsere Gesellschaft: Religion und Menschenrechte? Ethik in der Wirtschaft? Vernunft und Glaube? Rechtssysteme im Vergleich? - und viele mehr.

_ Sind große Frager die besseren Beobachter?

Vielleicht sind die großen Frager die bescheideneren Menschen, die dazu beitragen möchten, sich und die Gesellschaft ein StĂŒckchen weiterzubringen....
Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Weitere Informationen:

Street Philosophy