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Warum Philosophie Unternehmern und Managern nützt

15/09/2015 20:16 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 11:12 CEST
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Die Beschäftigung mit Philosophie wird heute immer beliebter - auch im Management. Warum? Weil sich hier die Sinnfragen am unmittelbarsten verbinden und Motivationstrainer keinen nachhaltigen Erfolg generieren können, wenn sie methodisches Denken vernachlässigen. Ein konkreter Nutzen entsteht, wenn es gelingt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und seine begrifflichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und zu schärfen.

Der konkrete Nutzen der Philosophie offenbart sich immer dann, wenn sich Menschen mit ihr beschäftigen. Der Gastbeitrag von Dr. Ina Schmidt widmet sich der Frage „Wozu Philosophie?".

Die Philosophin (Jahrgang 1973) studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg und promovierte im Bereich Philosophie über den Begriff des Lebens in der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Vordergrund ihrer Forschungen stand der Einfluss der Lebensphilosophie auf das frühe Denken Martin Heideggers.

2005 gründete Ina Schmidt die denkraeume, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt - sowohl von Unternehmen wie Privatpersonen - verständlich macht.

Sie ist Autorin verschiedener Bücher, zuletzt erschien 2014 im Münchner Ludwig Verlag „Auf die Freundschaft. Eine philosophische Begegnung oder wie aus Menschen Freunde werden." Ina Schmidt ist Mitglied der Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis und arbeitet als Referentin für die Liechtenstein Academy sowie die modern life school in Hamburg.

Außerdem schreibt sie für das Philosophie-Magazin „Hohe Luft" und hat verschiedene Beiträge in Zeitschriften veröffentlicht, u.a. als Kolumnistin für das Magazin Emotion. Ina Schmidt ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Reinbek bei Hamburg.

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Gastbeitrag von Dr. Ina Schmidt

Wozu Philosophie?

Die Philosophie erfreut sich derzeit einer besonderen Beliebtheit, aber dennoch bleibt das, was viele Menschen mit ihr verbinden, eher ambivalent. Sie ist auf der einen Seite ehrenwert, manchmal auch faszinierend, hin und wieder werden auch bahnbrechende junge Denker gefeiert, aber meistens scheinen die Philosophen doch eher etwas weltfremde Geister, die sich in Details verrennen, Begriffe so lange klären, bis sie keiner mehr versteht und im besten Fall bei einer guten Flasche Rotwein die Welt verändern wollen, ohne wirklich ins Handeln zu kommen.

Was genau also kann Philosophie ausrichten bzw. verändern, was ist ihr - wenn nicht Nutzen, dann doch ihr Wert? Denn schließlich muss man ihr zugutehalten, dass sie sich seit über 2000 Jahren beständig den grundlegenden Fragen des Lebens zuwendet, während andere Disziplinen davon sehr gern und immer öfter Abstand zu nehmen versuchen.

Was also macht die Philosophie eigentlich? Sie ist die Disziplin, die den existenziellen Sinnfragen auf den Grund zu gehen versucht - sie fragt nach dem Sinn, dem Guten, dem, was den Menschen und ein gutes Leben ausmacht.

Dabei geht es weniger darum, allgemeingültige Antworten zu finden, die meist ihrem Wesen nach nicht einmal möglich sind, sondern es geht darum, sich gerade in dieser Offenheit zurecht zu finden. Was soll an einem Leben gut sein, dass mit dem Tod endet? Wie erleben wir Sinn in einer Welt, die so viel Sinnloses bereit zu halten scheint?

Wenn es auf diese Fragen keine klaren oder beweisbaren Antworten geben kann, dann können wir allein darin Orientierung finden, dass wir uns ihnen auf die bestmögliche Weise nähern. Ebendas tut die Philosophie, indem sie das kritische Denken schärft, Begriffe differenziert und das Denken bzw. seine Grenzen selbst zum Thema macht.

Das mag nicht immer die Bilanzen verändern und ganz sicher entsteht daraus auch kein Rezept für ein gutes Leben, aber ohne diese Fragen bzw. Fähigkeiten, werden wir das, was wir unter Erfolg, Glück oder Selbstbestimmung verstehen, nicht mit Leben füllen können.

Sich klarer zu werden, von welcher Position aus, mit welcher Perspektive und welchen Kriterien wir die Welt betrachten, ist das Ziel philosophischen Denkens. Diese Zielsetzung macht das philosophische Denken so wertvoll und ist gerade in einer komplexen, schnelllebigen und unübersichtlichen Gegenwart voller naturwissenschaftlicher und technischer Erklärungen von überaus großer Bedeutung - und kommt hin und wieder sogar sehr pragmatisch daher.

Was ist Philosophie - und was nicht?

Damit ist die Philosophie einerseits einer langen Tradition verpflichtet, in der seit über 2000 Jahren diesen Fragen nachgegangen wurde, sie ist letztlich aber nicht mehr und nicht weniger als eine bestimmte Art und Weise, zu denken und zu handeln und sich dabei in diesem Denken und Handeln selbst zum Thema zu machen.

Sie ist eine „Praxis", etwas, das wir um ihrer selbst tun und in das wir uns als denkende Person einbringen müssen - auch wenn wir von den alten Griechen, den Stoikern, den Aufklärern und Romantikern, den Existenzialisten und Poststrukturalisten sicher eine Menge lernen können - Philosophieren ist eine Tätigkeit, die uns niemand abnehmen kann.

Allerdings klingt das hin und wieder leichter als es ist, denn nicht jedes weinselige Gespräch unter guten Freunden über Gott und die Welt ist bereits eine philosophische Unterhaltung. Das, was Philosophie ausmacht, ist das dezidierte Hinterfragen von Begriffen und Situationen, von Entscheidungen oder Denkmustern, die wir oftmals für gegeben oder selbstverständlich halten.

Und dabei fängt sie manchmal eben da an, wo es mit dem „Wohlfühldenken" aufhört. Der Philosoph G.W.F. Hegel hat einmal gesagt, dass die Philosophie alles mögliche sein könne, aber ganz sicher nicht „erbaulich". Sie ist also keine klassische Lebenshilfe, aber das, was wir heute unter Lebenshilfe verstehen, funktioniert nicht ohne einige wichtige Grundhaltungen einer philosophischen Lebenskunst.

Sie erlaubt keine Floskeln und keine Hülsen, Philosophie „will verstehen", wie es die Denkerin Hannah Arendt betont hat und dabei kann sie unerhört streng, nervtötend und penetrant erscheinen. Aber eben genau das macht sie aus, sie ist Meisterin darin, ausgetretene Denkpfade zu verlassen und sich experimentell von der Idee leiten zu lassen, dass wir nicht wissen, was wir wissen. Die Welt muss nicht so sein wie wir glauben, dass sie ist, aber solange es eine menschliche Welt bleibt, ist sie auch nicht willkürlich veränderbar.

Denn die Philosophie lässt sich von der Überzeugung leiten, dass unser Denken und Handeln „vernünftig" ist (bzw. sein kann) und wir uns als Menschen darin von „guten Gründen" leiten lassen. Es geht also darum, dass, was man denkt oder tut, begründen zu können - was nicht heißt, dass man deswegen immer eine Lösung oder eine letzte Antwort parat hat, die für alle Geltung haben sollte.

Manchmal ist es gerade die Grenze des Wissens, bzw. die Unfassbarkeit einer Ursache, die den Grund einer philosophischen Aussage ausmacht: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein sehr richtig, was aber nicht heißt, dass es in diesem Bewusstsein nicht weiterhin notwendig bleibt, zu sprechen.

Es geht der Philosophie also weniger um das Erarbeiten von Wissen, sondern um die Annäherung an das, was die antiken Denker Weisheit genannt haben - eine wohlwollende Haltung zur Welt, die sich selbst wieder und wieder überprüft.

Die „Liebe zur Weisheit", also der zuversichtliche Wunsch nach Verstehen in dem Wissen, dass wir nie alles werden erklären können, ist das Motiv und die Haltung, die dem philosophischen Denken und Arbeiten zugrunde liegt. Ein Motiv, das eben nicht nur unser Denken, sondern auch unser ganz konkretes Handeln manchmal gehörig auf den Prüfstand stellt und es nur so zum Besseren verändern kann.

Weitere Informationen:

Interview mit Dr. Ina Schmidt

Denkräume

Literarische Inspirationsquellen

Street Philosophy

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