BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Warum Kreislaufwirtschaft kein ökologisches Nullsummenspiel ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Gute Idee, aber...

Leitziel der Bundesregierung ist es, Vorreiter der Kreislaufwirtschaft zu werden. Dies erfordert grundlegende Veränderungen im Hinblick auf unser Verhalten und den Einsatz von Technologien. Eine Prognosstudie im Auftrag der Verbände BDE, ITAD und VDMA (Mai 2016) ergab, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Kreislaufwirtschaft heute größer sei als gedacht: Die 11.000 Unternehmen der Branche erzielten bei etwa 70 Mrd. Euro Umsatz eine Bruttowertschöpfung von fast 25 Mrd. Euro. Bereits heute arbeiten in der Kreislaufwirtschaft genauso viele Menschen wie in der Energieversorgung.

Die 2010 gegründete Ellen MacArthur-Stiftung versucht gemeinsam mit Unternehmen, Wissenschaft und Politik ein Rahmenwerk für eine regenerative Art der Wirtschaft zu entwickeln. Der Chemiekonzern BASF hat sich nun an zwei Programmen der Stiftung beteiligt: Das Programm „Circular Economy 100 (CE100)" widmet sich nicht nur dem Konzept der Kreislaufwirtschaft innerhalb der eigenen Abläufe, sondern auch dessen Umsetzung mit anderen Innovatoren und Organisationen.

Das Denken im Sinne der Kreislaufwirtschaft darf sich dabei nicht nur auf unternehmenseigene Geschäftstätigkeiten konzentrieren. Vielmehr soll die gesamte Wertschöpfungskette einbezogen werden. BASF wird auch Mitglied der Stiftungsinitiative „New Plastics Economy", die Interessensvertreter zusammenbringt, die zunächst am Beispiel Verpackung die Zukunft von Kunststoff neu denken und gestalten.

„Wir brauchen ein neues Denken. Raus aus der Wegwerfmentalität hin zu einem Kreislaufdenken. Wie es uns die Natur vormacht: Das Laub, das der Baum im Frühjahr produziert, hilft dem Baum im Laufe des Jahres, sich zu versorgen, und wird im Herbst zum Nährstoff für die Organismen im Boden und in weiterer Folge wieder zum Dünger für den Baum. Eine der größten Entwicklungschancen für Unternehmen in der Zukunft liegt in der Umwandlung der heutigen Wegwerfsysteme hin zu Kreislaufsystemen, bei denen Ressourcen nicht mehr verbraucht, sondern immer wieder neu verwendet werden können." Davon ist auch der Unternehmer und Coach Dr. Stefan Gatt überzeugt, der ein kleines Unternehmen für Design und Produktion von Sportartikeln aufbaute und zehn Jahre das Europäische Institut für erlebnis- und erfahrungsorientiertes Lernen leitete.

Teil fürs Ganze

Recyclingpapier steht exemplarisch für wichtige Zukunftsthemen wie Klima- und Ressourcenschutz und auch für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Eine Umstellung auf Recyclingpapier ist zugleich sehr einfach umzusetzen und bewirkt hohe ökologische Einspareffekte, die sich positiv auf die Umweltbilanzen der Nutzer auswirken. So werden bei der Herstellung rund 60 % an Energie und Wasser eingespart im Vergleich zu herkömmlichen Frischfaserpapier. Der Blaue Engel für Papier bietet klare Orientierung, wenn es um strikt nachhaltige Papiere geht, die höchsten ökologischen und qualitativen Anforderungen gerecht werden. Das Umweltzeichen garantiert, dass bei der Herstellung 100 % Altpapier verwendet wurde und die Produktion nach strengsten ökologischen Kriterien erfolgt.

Die Idee der Kreislaufwirtschaft beginnt mit der wichtigen Erkenntnis, dass wir in einer Welt endlicher Ressourcen leben: Gebrauchtes soll umgewandelt und möglichst wiederverwertet werden, um eine effektivere Nutzung von Ressourcen zu gewährleisten. Sie lässt sich allerdings nicht einfach auf herkömmliches Recycling reduzieren, sondern erfordert weitaus mehr - beispielsweise den kreislauffähigen Einsatz von Rohstoffen bereits beim Produktdesign.

Der deutsche Verfahrenstechniker und Chemiker Prof. Michael Braungart und William McDonough entwickelten gemeinsam das Cradle-to-Cradle-Konzept (C2C), das ein Designprinzip für kreislauffähige Produkte bezeichnet, die gesund für Mensch und Umwelt sind: Materialien werden so entworfen, dass sie sich zwischen der Biosphäre und der Technosphäre unterscheiden und dadurch ewige Nährstoffe werden.

So wird der „Abfall" eines Tieres zur Nahrung von Mikroben, Pilzen, Pflanzen, Bäumen, Reptilien, Säugetieren usw. - vielleicht sogar zum Essen für Menschen. Das ist ein einfaches Beispiel für den biologischen Nährstoffbereich.

Den Begriff „Ökoeffektivität" stellen sie in Kontrast zu der betriebswirtschaftlichen Kennzahl Ökoeffizienz, bzw. der Ökobilanz, welche den Stoffkreislauf und dessen Umweltwirkungen von der Wiege bis zur Bahre untersucht. Nach Definition der Autoren sind Produkte „ökoeffektiv", die entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden können oder als „technische Nährstoffe" kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden.

Das Unmögliche

Dieser Ansatz, der mittlerweile zu einem einträglichen Geschäftsmodell geworden ist, ist gut und richtig - allerdings stößt er auch an seine Grenzen, denn eine Welt ohne Abfall, in der alle Stoffe vollständig (!) einem ewigen Kreislauf zugeführt werden, ist nicht möglich.

Der Hype um die textile Kreislaufwirtschaft hält beispielsweise nicht, was er verspricht, ist Eileen Fisher, Gründerin der gleichnamigen US-Modefirma, überzeugt. Sie bezeichnet die Kleidungsindustrie als „zweitdreckigste Industrie der Welt nach der Ölindustrie". Auch John Mowbray, Autor des Reports „Closing the Loop", kritisiert, dass jährlich weltweit von ca. 62 Millionen Tonnen aussortierter Kleidung noch immer 80 Prozent auf dem Müll landen - lediglich 20 Prozent werden recycelt (und nicht im Kreislauf geführt). Recycling bedeutet hier lediglich ein zweites Leben - danach kommt: nichts!

Für Texil- und Nachhaltigkeitsexperten ist das Recycling nur die drittbeste Lösung (reduce - reuse - recycle). Am besten ist es, weniger, aber dafür haltbarere und zeitlose Produkte zu kaufen oder einfach zu teilen, zu leihen und zu tauschen.

Abfall in Umwelt und Gesellschaft - ein Rückblick

Kreislaufwirtschaft verlangt klares Denken und einen kritisches Blick für das wirklich Nachhaltige und Machbare. Je größer und komplexer die Projekte und Initiativen, je lauter der Hype, desto schwieriger der Durchblick.

Wer sich im Kleinen einen Überblick verschaffen und selbst handeln möchte, dem seien die hier ausgewählten Publikationen empfohlen. Ein wegweisender kulturgeschichtlicher Einstieg ist der Herausgeberband von Jens Kersten: „Inwastement - Abfall in Umwelt und Gesellschaft". Hier wird gezeigt, dass menschliche Gesellschaften schon immer Abfälle erzeugt haben, Dinge um- und neu genutzt und am Ende schließlich weggeworfen wurden.

Der genauere Blick auf den Müll ergab sich später aus der anschwellenden Müllflut, er war aber auch das Resultat einer gestiegenen wissenschaftlichen und politischen Beschäftigung mit dem Abfall, die wesentlich mit der Entdeckung seiner Gefahrendimension zu tun hatte. Hier lohnt ein Blick auf den Beitrag „Geschichte der Deponie - ist Deponie Geschichte?" von Soraya Heuss-Aßbichler und Gerhard Rettenberger, die nachweisen, dass Deponien erst dann erforderlich wurden, als der Abfall nicht mehr in Stoffkreisläufe zurückgeführt werden konnte.

Praktiken der Wiederverwendung von Dingen in der Antike, denen ein materieller oder Kultureller Wert eingeschrieben wurde, beschreibt Helmuth Trischler in seinem Beitrag „Recycling als Kulturtechnik": Für das griechische Korinth hat die Archäologin Kathleen Slane eine stabile Kultur der Reparatur und des Recyclings nachgewiesen. In Rom etwa wurden Sarkophage ebenso mehrfach verwertet wie Gebrauchsgüter aus Keramik und Glas. Da keine öffentlich organisierte Müllabfuhr existierte, breiteten sich insbesondere entlang von Flüssen Mülldeponien aus, auf denen Menschen aus verarmten Unterschichten als Müll- und Kanaltaucher (canalicolae) ihr Dasein zu fristen suchten.

Auch das Spätmittelalter kannte vielfältige Praktiken des Recyclings. Für große Teile der mittelalterlichen Knappheitsgesellschaften war die Rückführung von Materialien in den Stoffkreislauf eine unabdingbare Notwendigkeit der Überlebenssicherung. In frühneuzeitlichen Gesellschaften jedoch gewann die Wiederverwendung von Gütern eine neue Qualität, als sich Märkte für gebrauchte Waren herausbildeten.

Auf dem Weg in die Zukunft braucht es auch immer den Blick in den Rückspiegel, weil Themen sonst nicht nachhaltig eingeordnet werden können. Zum Kreislauf des Denkens gehört immer auch die Historie von Dingen, die uns gerade beschäftigen.

Weiterführende Literatur:

Stefan Gatt: Survival-Handbuch Führung. Aus Extremsituationen für den Berufsalltag lernen. Carl Hanser Verlag München 2016.

Jens Kersten (Hg.): Inwastement - Abfall in Umwelt und Gesellschaft. Transcript Verlag, Bielefeld 2016.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

2017-05-09-1494341607-1928342-Cover.PNG

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.