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Warum Innovationen auf der Fähigkeit beruhen, Geschichten in die Zukunft hinein zu erzählen

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Innovationen beruhen auf der Fähigkeit, Geschichten in die Zukunft hinein zu erzählen, „sich vorzustellen, wie eine Geschichte weitergeht, wenn es dieses oder jenes Produkt gäbe, wie es sein wird, wie sich dies oder das verändert hätte", sagt Michael Müller, seit 2010 Professor für Medienanalyse und Medienkonzeption an der Hochschule der Medien Stuttgart sowie Gründer und Leiter des Instituts für Angewandte Narrationsforschung (IANA) der Hochschule der Medien. Die Innovationsfähigkeit zu trainieren bedeutet für ihn damit (auch) die Fähigkeit, Zukunftsgeschichten zu (er)finden und weiterzuentwickeln.

Dass Innovationsprozesse immer auch mit einem „Blick in die Zukunft" verknüpft sind, bestätigt die Innovationsforscherin Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl. Sie betont allerdings auch, dass dieser Blick mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist, denn die Zukunft ist ungewiss. Um sie besser zu bewältigen, können Methoden der Zukunftsforschung und Technikvorausschau unterstützen, da mit ihnen mögliche und absehbare Veränderungen, ja sogar Trendbrüche in der Zukunft von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft beschrieben werden können.

Strategische Vorausschau („die strukturierte Auseinandersetzung mit komplexen Zukünften") ist deshalb ein wichtiges Element des strategischen Innovationsmanagements. Sie zielt auf die langfristige Orientierung im Unternehmenskontext, also im dynamischen Spannungsfeld von Wettbewerb und Umweltbedingungen einer oder mehrerer Branchen. Die Methoden können nach Ansicht der Innovationsexpertin u. a. Orientierung bieten für die Positionierung im Wettbewerbsumfeld, Übersicht zu den komplexen Abhängigkeiten einer Branche geben und neue Geschäftsoptionen aufzeigen.

Vorab sollten nach Weissenberger-Eibl vorhandene Zukunftsstudien im jeweiligen Themenfeld analysiert werden mit dem Ziel, „geeignete Planungsebenen und relevante Entwicklungen als Input für den weiteren Prozess aufzuspüren".

Der eigentliche Prozess der strategischen Vorausschau beinhaltet nach Weissenberger-Eibl:

• Szenario‐Entwicklung
• Entwicklung von Vision und Leitbild
• Roadmapping.

Szenarien als Wahrnehmungs‐ und Denkwerkzeuge erleichtern nach Ansicht der Innovationsexpertin die Kommunikation über die Zukunft erheblich. Ziel ist es, Einflussbereiche und ‐faktoren zu identifizieren, die einen entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Entwicklung des Marktumfelds haben werden. Daraus lassen sich neue Perspektiven und nachhaltige Strategien für Unternehmen ableiten.

Über ein richtig funktionierendes Innovationsmanagement lässt sich die Entstehung kreativer Ideen und deren Umsetzung einerseits zwar aktiv fördern, doch andererseits werden verschiedene wissenschaftliche Methoden wie Zukunftsszenarien benötigt, die am Fraunhofer ISI eingesetzt werden. Mit ihnen lassen sich mögliche alternative und erwünschte Entwicklungen in der Zukunft abschätzen.

Die Erkenntnisse werden hier in Roadmaps festgehalten, die für die frühzeitige Erkennung von Trends und der Planung innovationsfördernder Maßnahmen hilfreich sind. „Bei unseren Auftraggebern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft wecken wir mit diesen Methoden das Bewusstsein für Umfeldveränderungen und beraten sie bei der Ausarbeitung geeigneter Zukunftsstrategien", sagt Weissenberger-Eibl in der Zeitschrift „Der Betriebswirt".

Ein Beispiel: So könnte der aktuelle Wertewandel im Hinblick auf Nachhaltigkeit beispielsweise dazu führen, dass bis zum Jahr 2030 Tätigkeiten wie Erfinden, Herstellen, Modifzieren oder Reparieren defekter Produkte für die Menschen immer wichtiger werden. Diese Art der „Selbermachwirtschaft" könnte sich positiv auf die Nachhaltigkeit von Produkten und den Umweltschutz auswirken. Auch Lebensqualität, Bildung und sozialer Zusammenhalt könnten in Deutschland gestärkt werden.

Zu diesem Ergebnis kam das Institut im zweiten Foresight-Zyklus, in dem es im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung die künftigen Trends und Entwicklungen in Technologie und Gesellschaft untersucht hat. Die Bundesregierung berücksichtigt diese Erkenntnisse in ihrer neuen Hightech-Strategie und bezieht die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger nun viel stärker als bisher in die Forschung mit ein.

Zur Person:

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Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit. Neben der Leitung des Fraunhofer ISI ist sie Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation (ENTECHNON) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Entstehungsbedingungen von Innovationen und deren Auswirkungen. Schwerpunkte ihrer Forschung bilden dabei das Management von Innovationen und Technologien, Roadmapping, die strategische Technologie-Vorausschau und -Planung, Unternehmensnetzwerke sowie Wissensmanagement. Die als eine der "Spitzeningenieurinnen Deutschlands" ausgezeichnete Wissenschaftlerin studierte Bekleidungstechnik sowie Betriebswirtschaftslehre. Sie promovierte und habilitierte sich an der Technischen Universität München.

Weissenberger-Eibl war Mitglied des Expertendialogs der Bundeskanzlerin 2012, wo sie als Kernexpertin die Arbeitsgruppe Innovationskultur geleitet und die Kanzlerin zur zukünftigen Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland beraten hat. Aus dem Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin entstand die Idee zum Internationalen Deutschlandforum (IDF), einem Format für den interdisziplinären Austausch über weltweit relevante Zukunftsfragen. Beim IDF 2015 moderierte sie die Themengruppe "Die Zukunft braucht ganzheitliche Lösungen".

Zudem stärkt Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl seit Juli 2012 als Aufsichtsratsmitglied der HeidelbergCement AG die Beziehung von Wirtschaft zu Wissenschaft und Forschung. Sie bildet mit ihrer Erfahrung und Kompetenz in den Bereichen Innovationsforschung, Foresight, Strategieentwicklung und Wissensmanagement eine Ergänzung für das Unternehmen HeidelbergCement AG. Weiterhin wurde sie im Mai 2013 in den Aufsichtsrat der MTU Aero Engines AG gewählt. Seit 10. Mai 2016 ist sie Mitglied im Aufsichtsrat der Rheinmetall AG.

Im Oktober 2012 wurde sie in Würdigung ihrer wissenschaftlichen Verdienste in die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) berufen. Die Bundesregierung hat sie zum 1. Mai 2014 für fünf Jahre in das Kuratorium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) bestellt. Vom 1. Juli 2014 bis zum 30. Juni 2019 wird sie als Kuratoriumsmitglied die Karl Heinz Beckurts-Stiftung unterstützen. Im Januar 2014 wurde sie von Dr. Frank-Walter Steinmeier für die Amtszeit von vier Jahren zum Mitglied des Deutsch-Chinesischen Dialogforums ernannt. 2016 wurde sie in den Universitätsrat der Universität Heidelberg berufen.

Die Innovationsforscherin ist Autorin zahlreicher Publikationen und Herausgeberin der Reihe "Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft" und als Gutachterin zahlreicher Institutionen tätig. Sie berät in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zum Innovationsprozess in Deutschland.

In loser Folge werden hier Interviews mit ihr zu ihren Forschungsschwerpunkten und aktuellen gesellschaftlichen Themen erscheinen.

Literatur:

Marion A. Weissenberger-Eibl, M.: Unternehmensentwicklung und Nachhaltigkeit (2. Auflage). Cactus Group. Rosenheim 2004.

Marion A. Weissenberger-Eibl, M.: Soziale Innovationen gewinnen an Bedeutung. In: Der Betriebswirt (2/2015), S. 33-35.

Michael Müller: Einführung in narrative Methoden der Organisationsberatung. Carl-Auer Verlag Heidelberg 2017.