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Warum Höflichkeit das Parfüm ist, mit dem wir zeigen, dass wir nicht stinken

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HAPPINESS FILTER TWO PEOPLE
Nick David via Getty Images
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Die Rückkehr von Generaltugenden

Anlässlich des Tags der Jogginghose am 21. Januar 2016 zitierten die Medien den berühmten Satz von Karl Lagerfeld: "Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren". Als Asfa-Wossen Asserate, Prinz aus dem äthiopischen Kaiserhaus und Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, vor zwei Jahren gefragt wurde, ob er bei diesem Jogginghosen-Anblick in Innenstädten noch an eine Wiederkehr dessen glaubt, wofür er sich einsetzt, antwortete er:

„Ich sehe das nicht so dramatisch... Ich bin eher optimistisch und glaube, dass das Pendel wieder zurückschlägt."

Der Autor und Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten sowie Initiator von Pactum Africanum hat Recht behalten: Generaltugenden wie Aufmerksamkeit, Ordnung und Höflichkeit, die anderen gegenüber Respekt und Wertschätzung ausdrücken, wurden in der Vergangenheit gerade nach 1968 zwar immer mehr desavouiert, erleben aber derzeit eine Renaissance auch bei Jugendlichen.

Denn wer sich nach gutem Benehmen sehnt, möchte Orientierung gewinnen. Und die braucht es in einer Zeit, die aus den Fugen ist, mehr denn je.

Verantwortung wird heute häufig auf andere geschoben (auf Bildungseinrichtungen, Unternehmen oder den Staat), so dass viele Menschen meinen, anderen (und sich selbst) gegenüber keine Rechenschaft mehr ablegen zu müssen. Nicht die jeweilige Aufgabe oder andere Menschen stehen dann im Mittelpunkt, sondern das eigene Ego.

Je mehr Verantwortung in der Gesellschaft abgegeben wird, desto mehr verstärkt sich das Bedürfnis Einzelner, sich eine eigene Haltung zu verschaffen oder zu bewahren, die sich auch in gutem Benehmen zeigt. Dazu gehört beispielsweise, Menschen im Gespräch anzublicken, sich auf sie zu konzentrieren und ihnen zuzuhören.

Ganz Ohr sein

„Vielleicht haben wir deshalb zwei Ohren und nur einen Mund, damit wir uns erinnern, dass wir zweimal so viel zuhören sollten als selbst zu sprechen", schreibt der Neuromerchandising-Experte Bert Martin Ohnemüller in seinem persönlichen Erfahrungs- und Erlebnisbericht über die drei wesentlichen Elemente gelungener Unternehmens- und Lebensführung „Lead. Speak. Inspire", in dem er auch Ergebnisse der Kommunikationsforschung aufgreift:

So ist erwiesen, dass das Resultat der eigenen Kommunikation grundlegend durch die innere Haltung bestimmt wird, wie wir auf andere zugehen oder uns auf den anderen Gesprächspartner ausrichten.

Auch hier spielt das Ego-Thema hinein: Geht es darum, selbst im hellsten Licht zu strahlen oder darum, „durch wertfreies Zuhören ein klares Verständnis für den anderen zu erreichen und um den gemeinsamen Konsens"?

Das Buch ist zugleich ein Plädoyer für das empathische Zuhören, das Wertschätzung dem anderen gegenüber zum Ausdruck bringt. Denn die Fähigkeit, bewusst zuzuhören oder andere aussprechen zu lassen, ist uns vielfach abhandengekommen. Damit verbunden ist wachsender persönlicher Stress. Die Zahlen der Burn-outs steigen und lassen sich auch darauf zurückführen, dass immer weniger Menschen ihr Leben als ein gelingendes begreifen.

Geduld, Reflexion, gutes Benehmen und eine bewusste Lebensgestaltung scheinen vor diesem Hintergrund die neuen Kardinaltugenden zu werden - auch im Management. Verbunden sind diese Themen mit dem steigenden Interesse an Achtsamkeit:

So widmete das Handelsblatt dem Thema Anfang Januar 2016 ein Wochenendspecial. 1.200 wissenschaftliche Studien sind 2015 zu diesem Thema erschienen. Das ist drei Mal so viel wie noch fünf Jahre zuvor.

Vom Wert guter Manieren

Was wirklich zählt, sind innere Werte, die ein abstraktes Thema wie Nachhaltigkeit zu einem persönlichen werden lassen. Diese Entwicklung deutete sich vor etwa zehn Jahren an, als das Buch "Manieren" von Asfa-Wossen Asserate erschien - ein Bestseller, in dem er den berühmten Knigge in die Gegenwart übersetzt hat und sich auf eine neue und zeitgemäße Etikette konzentrierte.

Asserate zeigt, dass die Deutschen ein bedeutendes kulturelles Kompendium besitzen nach dem Motto: „Schaut her, hier sind all diese Werte. Beschäftigt euch damit und reicht sie an die nächste Generation weiter."

Für ihn sind sie der ästhetische Ausdruck der Moral, das Parfüm, mit dem wir zeigen, dass wir nicht stinken:

„Manieren sind die Kinder der Moral und die Enkelkinder der Religion." Sie drücken nicht nur Menschwerdungsakte, sondern auch eine tiefe Symbolik von Nachhaltigkeit aus.

Wenn Asserate von Jugendlichen gefragt wird, was sie denn davon haben, wenn sie sich gut benehmen, antwortet er ihnen: "Versuch es doch einfach mal. Ich wette mit dir, dass du an dem Abend, an dem du einem Menschen etwas Gutes getan hast, besser schlafen kannst."

Literaturempfehlungen:

Asfa-Wossen Asserate: Manieren. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 2005.

Friederike von der Marwitz: Lady in Business. Spielregeln in einer globalisierten welt. Mit Illustrationen von Kitty Kahane. Marwitz Verlag, Nürnberg 2011.

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