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Warum gute Bilder Momenten Dauer geben - und was Selfies über unsere Zeit aussagen

11/08/2017 11:47 CEST | Aktualisiert 11/08/2017 11:47 CEST

Interview mit der Fotografin und Künstlerin Nicole Simon

Die Fotografin und Künstlerin Nicole Simon gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit. Ihre Porträtaufnahmen - u.a. von Jochen Zeitz, Uwe Ochsenknecht, Anneliese Rothenberger, Nico Hofmann, Christine Westermann, Robert Häusser - erschienen in zahlreichen Bildbänden renommierter Verlage und wurden in vielen Ausstellungen sowie Kunsthallen und Museen präsentiert.

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Foto: Nicole Simon

Frau Simon, was ist das Hauptinstrument eines Fotografen: die Augen oder die Kamera?

Rein technisch gesehen ist es die Kamera, ohne die der Moment nicht festgehalten werden kann. In der Praxis allerdings lässt sich beides nicht voneinander trennen, da die Wahrnehmung eine wesentliche Rolle spielt, denn davon hängt die Bildsprache ab. Letztendlich ist es die Balance zwischen Herz und Verstand sowie der Kamera, die ein gutes Bild bestimmt.

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Nico Hofmann

Foto: Nicole Simon (Quelle: Ralf Laubscher/Red., Nicole Simon/Fotos: Gesichter Mannheims, Wachter-Verlag 2007)

Wann entdeckten Sie Ihre Liebe zur Fotografie?

Bereits früh. Mir war schnell klar, dass es etwas im Kunstbereich sein sollte. Da ich visuell veranlagt bin, war die Fotografie von Beginn an meine Passion. So begann ich eine Ausbildung im Portrait- und Werbeatelier.

Welche Bedeutung hat in Ihrer Arbeit das Nicht-Kalkulierte, Spontane?

In erster Linie sind meine Bilder von einer Idee bzw. einem Gefühl bestimmt, es ist eine Vision, die ich vor meinem inneren Auge sehe. Die Bedeutung des nicht Planbaren nimmt zusammen mit der Bildidee zu und ergänzt sich. In jedem Shooting entstehen wichtige spontane, nicht kalkulierbare Momente, die dem Bild den lebendigen „Spirit" einhauchen. Ein Bild ist, egal wie stark es inszeniert wurde, von diesen Momenten geprägt, denn dadurch bekommt es die gewünschte Authentizität. Diese Spontanität ist wichtig, da sie weder planbar noch vorhersehbar ist. genau dieses wundervolle Zusammenspiel macht ein Portrait einzigartig.

Was machen Ihre besten Bilder aus?

Das ist eine sehr subjektive Frage, die eigentlich der Betrachter entscheiden sollte. Ich mag an meinen Bildern, dass sie nicht geschlossen wirken, sondern offen und sich auf das Individuum und deren Geschichte konzentrieren, damit den Betrachter ein Stück weit fesselt.

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Christine Westermann

(Foto: Nicole Simon)

Gibt es Spuren Ihrer Persönlichkeit in Ihren Bildern?

Ich denke schon, ich bin ein emotionaler, aber doch strukturierter Mensch, meine Bilder sind deswegen auch Ausdruck meiner selbst. Aber in erster Linie

möchte ich die Persönlichkeit des Portraitierten in meinen Bildern sichtbar machen.

Was ist Ihr Markenzeichen?

Individuell auf die Persönlichkeit einzugehen, diese zu öffnen und mit der gesamten Kulisse verschmelzen zu lassen. Dabei erzählt jedes Individuum seine eigene persönliche Geschichte. Mir ist bei jedem Bild wichtig, dass es einen lebendigen, dramaturgischen Spannungsbogen erhält - auch, wenn das Bild eher minimalistisch fotografiert wurde. Sicherlich spielt dabei die Perspektive auch eine Rolle.

"Nichts ist so sexy wie Persönlichkeit", hat Peter Lindbergh einmal gesagt. Wie bringen Sie Persönlichkeit ins Bild?

Diesen Satz würde ich genauso unterschreiben wollen, denn das macht ein gutes Portrait letztendlich aus. Es ist die Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen, die es im Vorfeld zu studieren und erkennen gilt und im Shooting dann schließlich zu öffnen. Es ist wie ein Zauber, die dem Bild diese einzigartige Magie verleiht und damit das gewisse Etwas jeder Persönlichkeit unterstreicht. Ich fühle mich intuitiv in die Persönlichkeit hinein, ohne ihr dabei zu nahe zu kommen und setze diese Gefühle mit Herzblut, Leidenschaft und Verstand um.

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Uwe Ochsenknecht

Foto: Nicole Simon (Quelle: Metropolregion Rhein-Neckar. Edition Braus, 2009)

Welche Bedeutung hat für Sie die Digitalfotografie?

Ich verschließe mich dem Fortschritt nicht. Die Digitalfotografie macht vieles möglich und einfacher, eröffnet neue Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Ich habe mich schon früh mit der digitalen Fotografie beschäftigt, dennoch ersetzt die immer intelligenter werdende Technik nicht den Fotografen. Denn Gefühle können durch die Technik nicht ersetzt werden.

Ist die Zeit der alten Fotoalben heute abgelaufen?

Nein, Alben sind nur anders geworden. Was früher das Fotoalbum mit liebevoll eingeklebten Fotos und Beschriftung war, ist heute das elektronisch erstellte und gedruckte Fotobuch, das auch weiterhin seinen Platz im Bücherregal findet. Aber dennoch gilt hier das Motto: Offline ist der neue Luxus.

Warum brauchen Menschen Bilder?

Um einem Moment die nötige Dauer zu geben. Bilder sind kostbare unwiederbringliche Erinnerungen, die somit unvergänglich bleiben.

Weltweit werden täglich etwa 2,7 Milliarden Fotos gemacht. Doch wer sieht sich all die Bilder an, die aus den Smartphones in die sozialen Netzwerke wandern?

Gute Frage, das würde ich auch gerne wissen. Die Technik ermöglicht uns diese oft sinnlose Flut an Bildern, die ungefiltert im Netz zu finden sind. Aufgabe in der Zukunft

wird es wohl sein, hier für sich und die Gesellschaft einen entsprechenden Filter zu finden.

Nehmen wir heute die Welt nur noch aus der Kamera war?

Nein, es scheint oft nur einfacher. mit einem einfachen, schnellen Foto, Gefühle und

Situationen zu transportieren.

In den 1920-er Jahren prägte der Soziologe Siegfried Kracauer die Metapher von der Bilderflut. Sie wird heute von Smartphones und Digitalkameras produziert. Wird den schönen Momenten dadurch die Aura genommen?

Hier müssen wir auf die Verantwortung der Medien und der Medienschaffenden bauen. Es muss Möglichkeiten geben, dem besonderen Bild Aufmerksamkeit zu verschaffen und dem Betrachter näher zu bringen.

Was sagen Selfies über unsere Zeit aus?

Leider steht das „Selbst" immer mehr im Vordergrund. Das zeigt sich ja gerade in der ganzen Welt. Das „Wir" verliert immer mehr an Bedeutung, ist aber für eine gesunde Entwicklung der Gesellschaft unerlässlich.

Was macht das ständige Inszenieren und Fotografieren mit uns?

Es vermittelt uns die Illusion, in einer anderen Welt zu sein. Deshalb besteht die Gefahr, dass man den Kontakt zur Realität verliert und sich nicht mehr um seine Mitmenschen kümmert, sondern sich mental isoliert.

Früher wurden aus dem Urlaub Postkarten geschickt, auf denen verschiedene Natur- oder Kulturmotive zu sehen waren. Heute versenden viele Menschen ein Foto, auf dem sie selbst zu sehen sind. Sind wir zu narzisstischen Egomanen geworden?

Der Eindruck kann leicht entstehen. Das hat hier, nach meiner Meinung, nur zum Teil mit der beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Ich denke, dass die Entwicklung der technischen Möglichkeiten im Vordergrund steht.

Durch das Internet ist die Welt kleiner und schneller geworden. Bilder können ohne Kostenaufwand sofort in die Heimat gesendet werden.

"Das Kinn sieht zu riesig aus, der Kopf zu klein. Selfies sind elektronische Masturbation", sagte Karl Lagerfeld einmal. Stimmen Sie ihm zu?

Karl Lagerfeld nennt gerne die Dinge direkt beim Namen. Ich würde es anders formulieren, aber er hat Recht. Ich bin selbst kein Fan davon. Optisch sind Handy-Selfies wahrlich kein Augenschmaus.

Polaroid ist inzwischen aus der Bedeutungslosigkeit zurückgekehrt. Wie erklären Sie sich die besondere Aura in Zeiten von Smartphones?

Polaroid ist mit einer neuen Bedeutung zurückgekehrt. Das Bild hat als Aufsichtsvorlage eine andere Aussage als das Handydisplay. Es macht für den Moment aus dem Bild wieder etwas Besonderes, Einzigartiges und entschleunigt wieder ein wenig.

Warum hält sich die Kunstform des Porträts bis heute so hartnäckig?

Porträtfotographie unterliegt einer immerwährenden Renaissance. Da es sich hierbei um eine Gemeinschaft aus Fotograf und Portraitierten handelt. Der Fotograf kann

somit seiner Leidenschaft Ausdruck verleihen und seinem Gegenüber diesen einzigartigen Moment schenken.

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Robert Häusser

Foto: Nicole Simon (Quelle: Ralf Laubscher/Red., Nicole Simon/Fotos: Gesichter Mannheims, Wachter-Verlag 2007)

Was macht für Sie eine gute Porträtaufnahme aus?

Eine authentische, lebendige Aufnahme, die mit mir spricht und mich zum Stehenbleiben und Nachdenken bewegt, die in meiner Erinnerung bleibt, und ich mir diese deswegen immer wieder anschauen möchte auch noch in 100 Jahren... Die so etwas wie ein Gänsehautgefühl hinterlässt.

Wie gelingt es Ihnen, einer Fotografie einen Erinnerungswert und eine eigene Geschichte zu geben?

Indem ich mich individuell auf emotionale Art und Weise auf das Motiv einlasse.

Verdrängen Handys heute die klassischen Fotoapparate?

Die Kameratechnik in Smartphones wird immer ausgereifter und besser. Sie verdrängen die klassische Kleinbildkamera im Massenmarkt. Für hochwertige Kameras für professionelle Fotografen und ambitionierte Hobbyfotografen sehe ich

diese Entwicklung allerdings nicht.

Warum sind im Zeitalter der digitalen Fotografie erhebliche Preissteigerungen bei historischen Fotoapparaten zu verzeichnen?

In Zeiten der günstiger werdenden Digitalkameras, ähneln die klassischen, analogen Kameras den Oldtimern, wie zum Beispiel auch historischen Fahrzeugen, die Sammlern als Erinnerungsstücke dienen oder sogar als Kapitalanlage angeschafft werden. Es sind eben greifbare Werte mit Geschichte.

Vielen Dank für das Gespräch.

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