BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Warum es wichtig ist, das eigene Selbstbild zu kennen - und es in ein Growth Mindset zu ändern

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches), die mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl, arbeiten. 2016 erschien bei Campus ihr Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können".

Frau Helle, Herr Niem, welche Bedeutung hat für Sie das „Growth Mindset" („dynamisches Selbstbild")?

Menschen mit einem dynamischen Selbstbild möchten wachsen und nehmen Herausforderungen an. Sie verlassen sich nicht nur auf ihre Talente oder ruhen sich darauf aus - sie üben und fordern sich selbst.

Es geht eben immer um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und das geht einher mit Freude und Neugierde und dem unbedingten Wunsch, immer wachsen und dazulernen zu wollen, sich auf neue Wege zu machen - vom lebenslangen Lernen bis hin zum Grenzen überschreiten. Wie sage Nelson Mandela so schön: „Es scheint immer unmöglich, bis es einer tut."

Weshalb ist es wichtig, sein eigenes Selbstbild zu kennen und es in ein Growth Mindset zu ändern?

Je besser man sich selbst kennt, desto besser weiß man auch, was man will - und was man nicht will. Und letztlich bleibt es jedem Menschen selbst überlassen, mit wem oder was er zufrieden ist und welchen Weg er gehen möchte. Manchmal ärgert es uns durchaus, wenn wir feststellen, ein großes Talent holt nicht genug aus sich heraus. Und das meinen wir natürlich nicht nur auf den Profisport bezogen. Aber: Wir geben nur Inputs und wollen nicht missionieren.

Ein statisches Selbstbild lässt sich auf alles und jeden Lebensbereich übertragen - und ein dynamisches Selbstbild ebenfalls. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, was ihn glücklich macht und ob er sich weiter entwickeln möchte - oder eben mit dem Status Quo zufrieden ist, es genießt, wenn man sich treiben lassen kann und Sicherheit der Neugierde vorzieht. Alles Einstellungssache. Wir persönlich halten es für wichtig, immer offen und neugierig zu bleiben.

Inwiefern haben Unternehmer und Führungskräfte Einfluss darauf, wie sich das Selbstbild ihrer Mitarbeiter entwickelt?

Indem sie ihren Mitarbeitern Verantwortung übertragen, sie selbständig arbeiten lassen, Entscheidungsfreiheiten geben, ihnen vertrauen. Auch hier greifen wieder die drei Grundbedürfnisse des Menschen. Außerdem: offene Kommunikationsformen, Transparenz, Reflexionsgespräche in festen Abständen sowie weiterbringende Feedbacks geben. Oder anders gesagt: Sie nicht in ein zu enges Korsett zwängen und mit zu vielen Regeln begrenzen.

Welche Grenze sollten UnternehmerInnen nie überschreiten?

Kritik darf nie persönlich werden, sollte nie unter die Gürtellinie gehen. Natürlich muss fachliche Kritik sein, um Veränderungsprozesse anzustoßen - es gilt, auf der Sachebene zu bleiben, nie mit Worten oder Handlungen zu drohen und zudem die richtige Mischung aus Distanz und Nähe zu finden. Kommt man seinen Mitarbeitern zu nahe, fehlt in Krisenzeiten der nötige Abstand, ist man andererseits zu weit weg, kann man seine Mitarbeiter nicht berühren. Eine Gratwanderung.

Weshalb ist es wichtig, keine Angst vor Fehlern zu haben und experimentierfreudig zu bleiben? Welche Rolle spielen dabei Abwechslung und Neugier?

Wer keine Fehler macht, geht kein Risiko, wer kein Risiko geht, entwickelt sich nicht weiter, wer sich nicht weiter entwickelt, lernt nicht dazu - oder bleibt beim Status Quo. Stattdessen: Mutig voranschreiten, ausprobieren, eine Richtung haben, die Dinge nicht so wichtig nehmen und vor allem auch sich selbst nicht so wichtig nehmen, sind elementar auf dem Weg zur inneren Zufriedenheit. Man sollte sich zudem Jahre später nie vorwerfen, warum man etwas nicht ausprobiert hat, obwohl man es gerne ausprobiert hätte. Manchmal macht es zudem Sinn, sich zuvor schon Lösungen für das mögliche Scheitern auszudenken.

Auch das setzt wieder Wahlmöglichkeiten/Kapazitäten im Kopf frei...

Wie erzählte uns Heinz Wolf, Weinhauer in Perchtoldsdorf bei Wien so schön: „Vor Jahren kam ich auf die Idee, meinen eigenen Sekt zu kreieren. Ein gewagtes Unternehmen, zumal ich einen fünfstelligen Betrag investieren musste und die Region bis dato nur für klassische Weine bekannt war - aber nicht für Sektspezialitäten.

Aus diesem Grund hatte ich mir zuvor einen Plan des Scheiterns gemacht. Sollte der Sekt ein absoluter Flop werden, würde ich ihn an all meine Freunde und die Familie zu besonderen Anlässen verschenken. Doch das Gegenteil war der Fall..."

Warum braucht das Ausschöpfen der eigenen Potenziale zur Zielerreichung „gesunden" Stress?

Stress ist alles, was - physisch, mental und emotional - zu Energieverbrauch führt. Erholung ist alles, wodurch - physisch, mental und emotional - Energie wieder gewonnen werden kann. Um sein Energiekonto auszugleichen, muss man eine klare Vorstellung davon haben, wann man Energie verbraucht und wann man sie wieder auffüllt. Man muss sich einfach selber gut kennen, seinen Rhythmus finden sowie lernen, stressresistenter zu werden bzw. die Grenzen nach oben hin zu verschieben. Aber nicht um jeden Preis.

Sie sagten, einmal, dass man sich dies wie einen Muskel vorstellen müsse...

Ja, trainiert man einen Muskel lange Zeit nicht, weil man sich beispielsweise etwas gebrochen hat, erschlafft er sehr schnell. Das bedeutet auf den Stress bezogen: Hat man zu lange Urlaub, nimmt man sich zu lange Auszeiten, ist man nicht mehr so stressresistent. Auf der anderen Seite kann ein solcher Muskel aber auch übertrainiert werden - und die Sehnen reißen. In anderen Worten: ungesunder Stress. Die Hochform: Sich gut kennen, die richtige Mischung zwischen Anspannung und Entspannung finden, um immer ein Stück weit stärker zu werden.

Der Ausgleich zwischen Stress und Erholung ist eine Grundvoraussetzung dafür, ein leistungsfähiger Wettkämpfer zu werden.

Was ist Ihre Erfüllung?

Mit Humor und Gelassenheit täglich ein Stückchen weiser zu werden und auf diesem Weg zu sehen, dass man etwas bewirken kann - durch Freude am Tun, am Entwickeln, am Lernen, an neuen Projekten und Aufgaben. Zudem Menschen so zu inspirieren, dass sie es selbst tun - also in ihrem Tun so motiviert sind, dass sie das Lernen als Freude betrachten und, um im Bild zu bleiben, traurig sind, wenn die Schulglocke klingelt.

2017-08-07-1502104915-8161461-Metzelder3.JPG

Die Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (dgs) hat Claus-Peter Niem (l.), Karin Helle (2.v.l.) und Christoph Metzelder (Mitte) den Preis „Gute Sprache 2016" verliehen: Mit Unterstützung der Bundesliga-Stiftung ging Christoph Metzelder mit dem Buch „Jojo kommt ins Team - Camp Castle" von Karin Helle und Claus-Peter Niem auf deutschlandweite Lesereise und animierte während dieser Zeit mehrere hundert Kinder, sich mit ihren Stärken und Talenten auch sprachlich auseinanderzusetzen. (Foto: Erich Schwarz)

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.